boerse am sonntag - headline

Die Waldhüter von Brandenburg



Jobsalle Jobs

Wo gehobelt wird, da fallen Späne, und derlei Weisheit trifft auch auf die zu, die mit dem ganz großen Hobel kommen und Bäume fällen wollen. Echte Bäume! Das trifft im bekanntlich bereits so betonbelasteten und industriell bis unters Dach ausgebauten Brandenburg den berühmten Nerv. Besonders in einem beschaulichen Eckchen des Landes, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen, wobei ihnen das Morgen egal zu sein scheint.

Von Reinhard Schlieker

In Grünheide ist man sich auch sonst nicht grün, eine Bürgerinitiative pfeift auf grüne Elektromobilität, sofern sie in der Oder-Spree-Region entwickelt und auf Räder gestellt werden soll. Die Initiativler, denen St. Florian im Wappen gut zu Gesicht stehen würde, haben schon in der Frühphase ihrer „Kenn‘-wer-nich-woll’n-wer-nich“-Initiative darauf verwiesen, dass die Landsleute in der Lausitz doch ohnehin massiv Arbeitsplatzeinbußen zu erwarten hätten (wegen des Abbaus des Braunkohleabbaus), da sollte denen doch eine Tesla-Fabrik ebenso zumutbar wie willkommen sein. Besonders kundig ist da sicher der Verein für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern (VLAB), der auf dem Weg vom Freistaat nach Brandenburg fast in der Lausitz vorbeigekommen sein muss. Der exportiert nun sein Knowhow, vermutlich uneigennützig und ohne einen müden Soli zu verlangen. 90 Hektar Wald sind natürlich eine Menge Holz, und wenn Tesla das Mehrfache davon wieder aufforsten will (Nachhaltigkeit!), dann kann das die Gemüter nicht beruhigen. Denn schließlich droht Industrie in einer Gegend, die laut Umweltaktivisten so etwas bisher nicht hatte und auch nicht haben will. Ob potentielle Arbeitskräfte des Tesla-Werks und der sich drumherum bildenden Wirtschaftszweige gefragt wurden, ist nicht überliefert.

Warum ziehen die nicht gleich mit in die Lausitz? Jedenfalls rodet man derzeit im Zweischichtbetrieb, auch wenn noch Gerichtswege offenstehen und weitere Anhörungsverfahren geplant sind: Momentan geht es um Baustraßen, vor allem. Hätte Tesla sich als Windkraftindustrie getarnt, das mit der Natur und den Bäumen wäre nie ein Problem geworden. So liegen gut und nicht gut dicht beieinander, wie man im Rest der Republik in den Wäldern und Auen hören und sehen kann. Die ab Juli 2021 geplante Fertigung von 500.000 Autos jährlich wird, so ist in Kenntnis der Tesla-Strategie anzunehmen, auf jeden Fall stattfinden, wo auch immer. Denn der zunächst belächelte, dann bestaunte und mittlerweile mit schreckgeweiteten Augen in Wolfsburg, München und Stuttgart beäugte Elektroautohersteller macht irgendwie, was er will und irgendwann meist auch, was er angekündigt hat. Für deutsche Industrie, Politik und Industriepolitik ein Mysterium sondergleichen also. Der gerade anrollende Arbeitsplatzabbau in Autoindustrie und Zulieferbranchen trifft nun also, wenn alles noch die Kurve kriegt, auf den anfänglichen Aufbau von 12.000 Jobs in einer sonst so gern als Zukunftsindustrie gelobten Branche. Es darf aber vermutet werden, dass die Abneigung von Brandenburgern und Zugereisten gegen Tesla genauso ausgeprägt wäre, stünde da kein einziger Baum herum: Es geht in der Szene genau genommen um den Hass auf alles, was individuell fährt. Egal mit welchem Vortrieb.

Da die deutschen Hersteller sich in Ergebenheitsadressen gegenseitig überbieten und längst so grünlich sind wie die Grünheide es bleiben soll, wirkt Tesla doch etwas weniger erpressbar. Und die Börsenkurse der namhaften Player des Gewerbes reflektieren mit Sicherheit auch die unterschiedlichen Einschätzungen, die man forschen Forschenden auf der einen und kleinlauten Selbstbezichtigern auf der anderen Seite so entgegenbringt. Bullen und Bären halt, nicht Fuchs und Hase.

Lesen Sie auch: Wie der Coronavirus Sportartikelhersteller attackiert

15.02.2020 | 16:54

Artikel teilen:

-->