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Zoom und Co.: Was bleibt nach der Pandemie?

(Bild: Shutterstock)



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Es ist vielleicht verfrüht, zumindest wenn man die Impfgeschwindigkeit in Deutschland hochrechnet (Herdenimmunität dann etwa Mitte 2026), sich über die Welt nach dem Ende der weltweiten Pandemie irgendwelche Vorstellungen zu machen. Andererseits kann es ja vielleicht auch schneller gehen, wer weiß.

Von Reinhard Schlieker

Für Aktienanleger jedenfalls haben sich in den vergangenen Monaten einige sehr typische Kollateralnutzen der diversen Lockdown-Konzepte ergeben. Auf dem heimischen Markt reüssierte vor allem der auf fast allen Kontinenten aktive Lieferdienst Delivery Hero und legte enorme Kurssteigerungen hin. Zuletzt wieder leicht abgeflacht, spiegelt die Kursentwicklung die immer wieder bekräftigten und teils angehobenen Umsatzerwartungen. Belächelt wird das Papier nicht mehr, Analystenempfehlungen lauten fast ausschließlich: Kaufen. Doch das ist möglicherweise nicht ganz zu Ende gedacht.

Die Frage, die sich beim Abklingen der Pandemie stellen wird, dürfte lauten: Welche Änderungen im Alltags- und Arbeitsleben werden Bestand haben, und welche verschwinden wieder? Ob sich in einem weitgehend wiederhergestellten Umfeld mit geöffneten Restaurants und breitem gastronomischen Angebot ein Lieferdienst weiteres Wachstum versprechen kann, dürfte doch eher zweifelhaft sein. Allerdings ist in anderen Ländern die Essensbestellung schon vor Jahr und Tag zu einem Bestandteil des Alltags geworden – da ist ein Rückschlag wohl nicht zu erwarten.

Ein weiteres Thema ist das berühmt-berüchtigte Homeoffice. Der Dienstleister Zoom Video Communications legte einen beispiellosen Boom an der Börse hin: Zu Jahresanfang 2020 noch für gut 60 Euro zu haben, kostete das Papier vor wenigen Monaten 500 Euro und stabilisiert sich derzeit etwas über 300. Die Anbieter von Videokonferenzen, Videotelefonie und verwandten technologischen Lösungen erlebten naturgemäß in einer Zeit der teils erzwungenen Heimarbeit ihre großen Stunden. Auf diesem Sektor darf man sich in der Tat Gedanken machen, was davon bleibt.

Diverse Umfrageinstitute haben bereits – vor allem im angelsächsischen Raum – die Möglichkeiten ausgelotet. Zahlreiche Unternehmen wollen es ihren Mitarbeitern gestatten, künftig mehr von zu Hause aus zu arbeiten – zumindest bei Jobs, die im Wesentlichen vor dem Bildschirm stattfinden, kein großes Problem. Gleichzeitig stellt sich derzeit heraus, dass die modernen Heimarbeiter mehr Überstunden machen und einiges an Motivation aus sich selbst heraus mobilisieren können. Die Schattenseite: Befragte Führungskräfte geben an, durchschnittlich 23 Stunden in der Woche in Konferenzen zu verbringen, ohne dass dies erkennbaren Zusatznutzen brächte. In Großbritannien hat man bereits den Begriff „Zoom fatigue“ geprägt – die Ermüdung nach einer Folge von Video-Meetings, bei denen auch noch technische Probleme für Verschiebungen sorgen und man ziemlich nutzlos vor dem Monitor sitzt.

Derlei Klagen allerdings sind teils älter als Zoom und Co. – bald und mit der Routine dürfte nur noch wenig Aufwand für die Einrichtung der ruckelfreien Verbindung hinzukommen. Einer der Profiteure könnte auch Microsoft („Teams“) werden. Jedenfalls dann, wenn die beträchtliche Zahl der Rechner, die weltweit noch mit dem fehler- und hackeranfälligen Windows 7 betrieben werden, endlich Anschluss an den heutigen technischen Stand suchen.

Eine weitere Tendenz: Unternehmen dürften bei Ausweitung der Arbeit außerhalb des Firmensitzes verstärkt auf Honorarkräfte und Freie Mitarbeiter setzen und weniger auf fest angestellte Firmenangehörige. Dies wiederum eröffnet Chancen für Personalberater und -vermittler, deren einige ebenfalls börsennotiert sind. 65 Prozent der Unternehmen äußerten in einer weiteren Befragung, ihren Mitarbeitern künftig mehr Freiheiten bei ihrer Arbeitszeitgestaltung zu lassen. Eine britische Personalvermittlungsfirma soll jedenfalls mit herzigen Geschenken für freundlich-heitere Stimmung vor dem Bildschirm gesorgt haben: Die Mitarbeiter bekamen zu Beginn des letzten Lockdowns jeweils ein Paar Pantoffeln nach Hause geschickt.

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15.01.2021 | 09:48

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