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Vorsorgen mit Versorgern


Ende Oktober 2010 beschloss der Bundestag die Laufzeitverlängerung. Doch was sich zunächst wie eine gute Nachricht für die Versorger anhörte, wurde durch die gleichzeitige Einführung einer Kernbrennstoffsteuer zum 1.1.2011 mit 145 Euro pro Gramm Plutonium/Uran wieder relativiert. RWE gab an, dass die Steuer ab diesem Jahr das betriebliche Ergebnis im Durchschnitt mit 600 bis 700 Mio. Euro pro Jahr belasten werde.

„Gute“ Gründe für Strompreiserhöhungen

Doch über kurz oder lang werden die Versorger die erhöhten Kosten an die Verbraucher in Form von Strompreiserhöhungen weitergeben. So haben RWE, EnBW, Vattenfall und viele örtliche Versorger ihren Kunden bereits eine Preiserhöhung für 2011 angekündigt. Als Grund dafür wurden aber (noch) nicht die Kosten infolge der Brennelementsteuer genannt, sondern die steigende EEG- Umlage. Durch das Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien (EEG) sollen im Interesse des Klima- und Umweltschutzes unter anderem eine nachhaltige Entwicklung der Energieversorgung ermöglicht und die volkswirtschaftlichen Kosten der Energieversorgung verringert werden. Zwar steht es den Kunden aufgrund der Preiserhöhungen frei, per Sonderkündigungsrecht den Stromanbieter zu wechseln. Doch das „Bäumchen-wechsel-dich“-Spiel zählt nicht gerade zu den deutschen Tugenden, zumal viele vermeintlich preiswerte Stromanbieter den günstigeren Tarif meist nur im ersten Jahr anbieten, um Neukunden zu gewinnen.

Große Sorgen darüber, dass die Kunden im Rahmen des Wettbewerbs zur Konkurrenz wechseln, müssen sich die Kraftwerksbetreiber auch aus einem anderen Grund nicht machen. Das Bundeskartellamt kommt im Abschlussbericht seiner im März 2009 eingeleiteten Sektoruntersuchung des Stromgroßhandels unter anderem zu dem Ergebnis, dass die Wettbewerbssituation auf dem deutschen Markt für den erstmaligen Absatz von Strom weiterhin unbefriedigend ist. Demnach teilen nur vier Unternehmen (RWE, E.ON, Vattenfall und EnBW) gut 80% des Erstabsatzmarktes unter sich auf. Dies legt den Schluss nahe, dass jedes Unternehmen individuell über eine marktbeherrschende Stellung verfügt. Hätte man die bisherige Regelung zum Ausstieg aus der Atomkraft beibehalten, hätten durch die aus der Kraftwerksstilllegung resultierenden freigewordenen Erzeugungskapazitäten mittelfristig ca. 23% der Marktanteile sukzessive im Wettbewerb neu vergeben werden können. Dies wird durch die mit der beschlossenen Laufzeitverlängerung einhergehende Erhöhung der Reststrommengen deutlich verzögert. Damit bleiben die vier Versorger auch künftig in nennenswertem Umfang unabhängig von ihren Wettbewerbern und gegenüber ihren Abnehmern.

Versorgerbranche hat Nachholbedarf

Auch im Hinblick auf die konjunkturelle Lage ist die Branche interessant. Derzeit profitieren die Konzerne noch vom niedrigen Zinsniveau, denn die Versorger finanzieren sich über einen hohen Anteil an Fremdkapital. So lag die Fremdkapitalquote von RWE im Jahr 2009 bei stolzen 85,32%, die von E.ON immerhin bei 73,57%. Eine fortschreitende wirtschaftliche Expansion wird zwar zu einer restriktiveren Geldpolitik und einem Anstieg der Zinsen führen, wodurch sich die Kosten für neues Fremdkapital erhöhen. Da im Stadium der wirtschaftlichen Expansion aber gleichzeitig die Industrie auf Hochtouren läuft und zu einer hohen Nachfrage nach Energie beiträgt, werden die negativen Auswirkungen der höheren Fremdkapitalkosten auf den Gewinn zunächst kompensiert. Erst später, wenn die Zinsen ein höheres Niveau erreichen und die Energienachfrage im Zuge einer konjunkturellen Abkühlung nachlässt, führt dies zu sinkenden Gewinnen. Ein weiterer Punkt, der die Branche der Versorger für Investoren momentan attraktiv macht, sind die hohen Dividenden, die die Unternehmen ausschütten. Diese liegen deutlich über dem aktuellen Marktzinsniveau, womit die Versorger eine interessante Alternative zu niedrig rentierenden festverzinslichen Anlagen darstellen.

Investieren in Branchenindizes

Anleger, die von den positiven Aussichten für die Versorger überzeugt sind, können sich einen ETF auf einen Branchenindex ins Depot legen, was eine bessere Diversifikation gegenüber dem Investment in einzelne Unternehmen des Energiesektors ermöglicht und das Risiko auf mehrere Schultern verteilt. Der europäische Branchenindex STOXX 600 Europe Utilities startete am 31. Dezember 1991 mit einem Indexstand von 100 Punkten und beinhaltet aktuell 31 Unternehmen, die in den Bereichen Elektrizität, Gas, Wasser und kombinierter Energieerzeugung tätig sind. Das Auswahluniversum für den Index entspricht dem STOXX 600-Index, der Unternehmen aus Österreich, Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Deutschland, Griechenland, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Portugal, Spanien, Schweden, Schweiz und Großbritannien umfasst. Eine Überprüfung der Gewichtung und Zusammensetzung des Index erfolgt einmal pro Quartal. Das derzeitige Indexschwergewicht ist der deutsche Energiekonzern E.ON, gefolgt von der französischen Gas de France Suez und der italienischen ENEL.

Nicht nur unter fundamentalen Gesichtspunkten, auch aus charttechnischer Sicht haben sich die Aussichten für die Versorger inzwischen verbessert. Nachdem der STOXX Europe 600 Utilities von Januar 2008 bis März 2009 mehr als 50% an Wert eingebüßt hatte, konnte er im Dezember 2009 den langfristigen Abwärtstrend durchbrechen. Im vorigen Jahr kam es zu einer Korrektur, welche im Juli 2010 beendet wurde. Seitdem legt der Index wieder kontinuierlich zu und muss sich in den kommenden Wochen erneut mit dem Widerstandsbereich zwischen 340 und 345 Punkten auseinandersetzen. Ein Anstieg über diese Barriere würde weiteres Aufwärtspotenzial in Richtung 372 bzw. 390 Punkte eröffnen. Neben der bei 309 Punkten verlaufenden 200-Tage-Linie, ist der Index zudem durch die Unterstützung bei 300 Punkten abgesichert.

Anleger, die in die Versorgerbranche investieren, sich aber nicht allein auf Europa beschränken, sondern global diversifizieren wollen, können auf den MSCI World Utilities setzen. Zwar besitzen auch in diesem Index E.ON und GDF Suez das größte Einzelgewicht, doch bei der Ländergewichtung ergibt sich ein deutlicher Unterschied. Während im STOXX Europe 600 Utilities Großbritannien (26,78%), Deutschland (22,52%) und Frankreich (19,52%) mit den meisten Unternehmen im Index vertreten sind, kommen im MSCI World Utilities mit einem deutlichen Abstand die meisten Unternehmen aus den USA (40,54%), gefolgt von Japan (13,59%) und ebenfalls Großbritannien (10,11%).

Fazit:

Nach einem – insbesondere für die deutschen Versorger – schwierigen Jahr 2010, sprechen mehrere Argumente dafür, dass 2011 ein besseres Jahr für die Branche wird. Zum einen können höhere Kosten an die Verbraucher weitergegeben werden, zum anderen profitieren die Unternehmen vom derzeitigen Konjunkturumfeld.

04.03.2011 | 00:00

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