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Der ETF-Markt in Deutschland: Vielfalt oder Überangebot?


Der 11. April 2000 war die Geburtsstunde der ETFs in Deutschland und Europa: Die Deutsche Börse startete den Handel mit börsennotierten Indexfonds mit ihrem XTF-Segment. Seitdem sind Anzahl und Volumen im Eiltempo gewachsen, in den letzten fünf Jahren schwoll das ETF-Vermögen mit einer durchschnittlichen Rate von 30% an. Heute sind auf Xetra 651 ETFs von 14 Anbietern mit einem Fondsvermögen von 134,6 Mrd. Euro gelistet. Das durchschnittliche monatliche Handelsvolumen beträgt 12,6 Mrd. Ein Ende der Erfolgsgeschichte ist nicht abzusehen.

Ob long, ob short …

Viele Anbieter wollen auf den fahrenden ETF-Zug aufspringen. Sie drängen mit möglichst innovativen Produkten auf den Markt, um sich von den anderen abzuheben. Da erscheinen Hebel-, Short- und Strategie-ETFs als das probate Mittel, um die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich zu ziehen. Oder auch die schiere Angebotsmenge. Allein der französische Anbieter Amundi, der erst 2010 in den deutschen ETF-Markt eintrat, ließ seit Februar insgesamt 58 Indexfonds auf Xetra listen, davon 41 allein im März und April. Darunter sind auch so exotische Produkte wie Short-Bond-ETFs auf europäische Staatsanleihen, die von einem künftigen Anstieg der hiesigen Zinssätze, die zu sinkenden Anleihekursen führen würden, profitieren sollen.

Skepsis bei den Profis

Aber was sollen die Anleger von dieser Angebotsfülle halten? Zumindest die Profis stehen der ungezügelten Expansion des ETF-Marktes skeptisch gegenüber. Laut einer repräsentativen Studie des Beratungsunternehmens Kommalpha unter 160 Asset Managern, Consultants, Fondsvertrieblern und anderen Fachleuten sieht die absolute Mehrheit der Profis kaum noch Platz für weitere Anbieter: 91,4% der Befragten erkennen nur geringen oder keinen zusätzlichen Bedarf für weitere Emittenten. Zusätzliches Angebot ist am ehesten für institutionelle Anleger interessant. Bei einzelnen Asset-Klassen, wie den Rohstoffen, wird hier durchaus noch Potenzial gesehen. „Für institutionelle Investoren sind es gerade ETFs, die eine kosteneffiziente, globale Allokation in den Asset-Klassen Aktien, Renten und Gold/Rohstoffe ermöglichen. Außerdem können sie aufgrund ihrer Transparenz die Umsetzung von Absolute Return-Strategien verbessern.", stellt Irene Frank von der Mercurius Handelsbank, die die Kommalpha-Studie unterstützte, fest.

Allgemein wird jedoch in der Studie eine eindeutige Tendenz zur Marktsättigung hinsichtlich der Produktvielfalt festgestellt. Ein wesentlicher Aspekt ist hierbei, dass der Überfluss an Produkten und Anbietern auf Kosten der Transparenz geht. Rund drei Viertel der Befragten sind der Meinung, dass die Übersicht auf dem Markt durch das Produktwachstum verloren geht.

Die Schwergewichte zählen

Trotz der scheinbar unübersichtlichen Angebotsvielfalt wird der Markt aber nach wie vor von den drei großen Anbietern iShares, db x-trackers und Lyxor beherrscht. Ein Großteil der Umsätze konzentriert sich auf einige Schwergewichte von diesen drei Emittenten. So stammten die zehn an der Deutschen Börse meist gehandelten ETFs im Monat März allesamt aus diesen drei Häusern und machten 43,6% des Gesamthandelsvolumens aus. Dabei überwogen Standardprodukte auf den DAX, EURO STOXX und EONIA, aber auch der Short-DAX-ETF von db x-trackers, der den dritten Platz einnahm, war darunter.

Anleger sollten sich also nicht verwirren lassen. Denn die vom Volumen her bedeutendsten ETFs bleiben immer noch dem Ursprungsgedanken treu und bilden 1:1 die Entwicklung eines Standardindex nach. Einige Short-Produkte haben sich tatsächlich durchgesetzt und erweitern für institutionelle Akteure sowie erfahrene Privatanleger die Möglichkeiten, auch von fallenden Märkten zu profitieren. Bei einer klaren Investmentstrategie und einer entsprechenden Fokussierung auf bestimmte Märkte und Branchen stellt das umfangreiche ETF-Angebot eine echte Bereicherung dar.

22.04.2010 | 00:00

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