boerse am sonntag - headline

Wie kreativ dürfen Notenbanken werden?

(Foto: Alexandros Michailidi / Shutterstock.com).


Nach den konventionellen besitzen auch die unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB) kaum noch die Kraft, die Realwirtschaft zu stützen. Welche Munition bleibt den Währungshütern noch, um einer möglichen Rezession entgegenzutreten?

Von Lizge Yikmis, BlackRock Kapitalmarktstrategin

Seit der globalen Finanzkrise musste die EZB bei der Erweiterung ihres geldpolitischen Instrumentariums immer kreativer werden, um ihr primäres Ziel, die Sicherung von Preisstabilität im Euroraum, zu erreichen.

Neben den konventionellen scheinen nun allerdings auch die unkonventionellen geldpolitischen Maßnahmen zusehends ausgereizt. Auch letztere besitzen kaum noch die Kraft, die Realwirtschaft zu stützen. Gleichzeitig hat sich die europäische Fiskalpolitik selbst Fesseln angelegt. Insbesondere nachdem der Stabilitätspakt vor sechs Jahren größeren Budgetdefiziten in Form einer Schuldenbremse den Riegel vorgeschoben hat.

Welche Munition bleibt der EZB also noch, um einer möglichen nächsten Rezession entgegenzutreten? Eine kontrovers diskutierte Maßnahme ist das sogenannte Helikoptergeld. Milton Friedman entwickelte das Konzept des Helikoptergelds erstmalig im Jahr 1969. Der Nobelpreisgewinner stellte sich in einem Gedankenexperiment vor, wie ein Helikopter über eine Stadt fliegen und Papiergeld vom Himmel auf die Bewohner abwerfen würde, die das Geld wiederum direkt in den Wirtschaftskreislauf bringen und somit die Wirtschaft ankurbeln. Als Monetarist erachtet Friedman die Geldmenge als wichtigste Steuerungsgröße der Wirtschaft. Da die Vorstellung eines Geldregens von einem Helikopter jedoch illusorisch ist, wurden in den letzten Jahren verschiedene Ideen für eine Ausgestaltung hervorgebracht. Wie also könnte das Einhorn der Geldpolitik, das bislang niemand angetroffen hat, aussehen?

Variante Helikoptergeld

Eine denkbare Variante des Helikoptergeldes wäre ein direkter Liquiditätstransfer an die Regierungen. Hierbei stellt die Zentralbank gedrucktes Geld unmittelbar dem Finanzministerium eines Staates zur Verfügung, welches wiederum expansive fiskalpolitische Schritte unternimmt. Beispielsweise könnte der Staat in diesem Rahmen über Steuersenkungen oder andere Transferzahlungen den Impuls an private Haushalte oder Nichtbanken weitergeben. Es bestünde auch die Möglichkeit, dass der Staat das Geld selbst ausgibt. In welche Projekte investiert werden soll, könnte dem Staat hierbei selbst überlassen oder in Zusammenarbeit mit der Notenbank bestimmt werden. Die Idee wäre somit, die Liquidität direkt in die Hände derer weiterzugeben, die es ausgeben und somit Nachfrage schaffen. Jetzt kommt der Haken: Diese Variante würde einer direkten Staatsfinanzierung entsprechen und ist laut Artikel 123 Paragraph 1 des EU-Vertrags verboten. Solange sich die Rechtslage nicht ändert, müsste daher nach einer anderen Variante Ausschau gehalten werden.

Eine rechtlich umsetzbare Variante wäre, gedrucktes Zentralbankgeld den Haushalten direkt zur Verfügung zu stellen. Die praktische Umsetzung könnte wie folgt aussehen: Die EZB gewährt den Geschäftsbanken Kredite mit einer unendlichen Laufzeit und einem Kupon von null Prozent. Diese Kredite müssten wiederum von den Geschäftsbanken zu gleichen Konditionen an die Bürger der Eurozone weitergereicht werden. Die Transmission liefe somit zwar über den Bankensektor, allerdings wäre er hier lediglich als Erfüllungsgehilfe am Werk. Um sicherzustellen, dass das Geld von den privaten Haushalten ausgegeben wird, könnte der Geldtransfer an bestimmte Restriktionen geknüpft werden. So ist beispielsweise ein festes Verfallsdatum des Zentralbankgeldes denkbar, um Anreize zu schaffen, damit das Geld auch tatsächlich ausgegeben wird. Wenngleich diese Variante nach EU-Recht theoretisch umsetzbar wäre, birgt sie dennoch erhebliche Risiken, da es keine empirischen Befunde für ihre Wirksamkeit gibt und ein „Geldabwurf“ in dieser Art nicht zurückgenommen werden kann. Auch kann nicht garantiert werden, dass der Impuls wirklich im Wirtschaftskreislauf ankommt. Es drohen Sickerverluste und Anreizprobleme.

Riskieren die Notenbanken den Vertrauensverlust?

Die Notenbank befindet sich mit dem Gebrauch des Helikoptergelds in einer Grauzone dessen, was rechtlich machbar ist. Im Falle der direkten Staatsfinanzierung verlässt sie sogar diese Zone. Bei den Bürgern könnte bereits durch den einmaligen Gebrauch des Helikoptergeldes das Gefühl genährt werden, dass die Notenbanken letztlich doch stets mehr Geld drucken werden, um in wirtschaftlich oder auch politisch schweren Zeiten Probleme, wie zu niedrige Inflation oder eine schwächelnde Wirtschaft, zu beheben. Ein Vertrauensverlust in die Notenbanken wäre vermutlich die Folge und somit ergäbe sich genau der gegenteilige Effekt dessen, was die Notenbanken durch das Helikoptergeld zu erreichen versuchten. Bis auf weiteres wird der Helikopter voller Geld daher wohl am Boden bleiben und weiter als einhörniges Fabelwesen sein Unwesen in den Finanzgazetten treiben.

31.10.2019 | 14:05

Artikel teilen: