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Wie gefährlich sind die steigenden US-Zinsen?

Die Fed erhöht die Zinsen. Ziehen die Notenbanken weltweit nach? (Foto: Creativa Images / shutterstock.com)


Die Sorge über steigende US-Zinsen hat in den vergangenen Wochen die globalen Finanzmärkte gepackt. Anleger fragen sich: Hält die Ära historisch niedriger Zinsen weltweit an? Tony Crescenzi, Marktstratege und Portfoliomanager bei Pimco, gibt eine Einschätzung.

Ja, das wird sie. Trotz des jüngsten leichten Zinsanstiegs sind wir der Auffassung, dass unsere These der Neuen Neutralität – die besagt, dass wirtschaftliche und demografische Faktoren die Gleichgewichtszinsen nach unten drücken – der sachgerechte Rahmen zur Bewertung festverzinslicher Anlagen bleibt. Die Leitzinsen werden voraussichtlich in Europa und Japan am niedrigsten bleiben, wobei die Europäische Zentralbank und die Bank of Japan ihre Zinsen wahrscheinlich für mehrere weitere Jahre in etwa bei null halten werden.

Im Hinblick auf die USA sind wir überzeugt, dass ein enger Arbeitsmarkt die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zwingen wird, bei ihrem Kurs einer allmählichen Zinserhöhung zu bleiben und stetigen Aufwärtsdruck auf die Marktzinsen auszuüben. Das Zinserhöhungspotenzial ist aber schon weitgehend ausgeschöpft, und es besteht aufgrund einer Reihe gewichtiger Faktoren nur ein begrenzter Spielraum für einen weiteren wesentlichen Anstieg der Zinsen.

Entscheidungspunkt

So stehen die weltweiten Anleihenanleger heute nahe dem Punkt, an dem die Fed entscheiden muss, ob sie ihren Zinserhöhungszyklus beenden wird, wenn sich der Leitzins (Federal Funds Rate) der Marke von 2,875 Prozent nähert. Etwa drei Jahre lang hat der Anleihenmarkt diesen Wert als den Endzinssatz betrachtet, was ausgehend von dem heutigen Zinssatz einen Anstieg um rund 75 Basispunkte bedeutet. Damit sich die Renditen der US-Staatsanleihen bedeutend gegenüber den aktuellen Niveaus ändern, müssten die Anleger dementsprechend einen höheren oder einen niedrigeren Endzins für Zentralbankgeld erwarten.

Aus diesem Grund sind etwas höhere Zinsen plausibel. Das Vertrauen der Anleger in die Prognose der US-Notenbank, dass ihr Leitzins bei 3,4 Prozent seinen Spitzenwert erreichen wird, könnte die Fed veranlassen, die Renditen für US-Staatsanleihen auf dieses Niveau oder noch etwas höher zu drücken. Der neutrale Leitzins ist zudem ein Anker und nicht eine Unter- oder Obergrenze.

Gleichwohl stellen wir die Prognose auf, dass die Fed ihren Leitzins bis Ende 2019 auf eine Bandbreite zwischen 2,75 und drei Prozent erhöhen wird. Dies wäre ein günstiges Ergebnis. Nach unserer Auffassung sind die Anker für den Rahmen der Neuen Neutralität weiterhin fest gesetzt, insbesondere die demografischen Einflüsse wie das Altern der Generation der „Baby Boomer“, das das US-Wachstumspotenzial bis in die 2030er-Jahre hinein beeinträchtigen wird. Auch der geringe Anstieg der Investitions- und der Infrastrukturausgaben, zwei wichtige Negativfaktoren beim Produktivitätswachstum, spielt eine Rolle. Was die Diskussion abrundet, sind die geringere Geschwindigkeit der Kreditschöpfung als in der Vergangenheit, die hohe weltweite Sparquote und die zurückhaltenden Verbraucherausgaben.

Allgemeinere Auswirkungen auf den Markt

Anleger, die vom Zusammentreffen sinkender Aktien- und Anleihenkurse verwirrt sind, sollten die vielen dynamischen Faktoren der Spätphase des Konjunkturzyklus betrachten, die ihre Portfolios beeinflussen können. Und sie sollten vermehrt Risikofaktoren wie Aktien, Zinsen, Volatilität und Liquidität im Auge behalten und Portfolios aus der Bottom-up-Perspektive aufbauen, anstatt reines Aktien- und Anleihen-Beta anzustreben.

Obwohl viele Faktoren eine die Hausse beendende Rezession der Wirtschaft andeuten können, werden hohe globale Zinssätze wahrscheinlich nicht dazu zählen. Allerdings kann jeder Schritt, der von diesem Umfeld der außerordentlich niedrigen Zinsen wegführt, für labile Volkswirtschaften jederzeit zu Erschütterungen führen.

Von Tony Crescenzi, Marktstratege und Portfoliomanager bei Pimco

26.10.2018 | 16:48

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