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Friedrich Hölderlin - 250. Geburtstag des großen Dichters

(Foto: Shutterstock)

Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz studierte Philosophie, Theologie, Kunstgeschichte und Germanistik in Jena, München, Valladolid, Nizza und Madrid. Nach dem Studium wurde er in Jena und Madrid promoviert; er war Lehrbeauftragter für Philosophie an der Universität Jena. Stationen seines Lebens waren „Cicero“, die Friedrich-Schiller Universität, die TU München u.a. Seit fünf Jahren arbeitet Groß für die Weimer Media Group – zuerst als Chef vom Dienst, stellvertretender Chefredakteur und nun als Chefredakteur und Textchef für die Print- und Online-Ausgabe des „The European“. Groß ist Autor mehrerer Bücher.


Er war genial, zu Lebzeiten verkannt und sein Ruhm sollte sich erst nach seinem Tod einstellen. Doch Friedrich Hölderlin, vor 250 Jahren in Lauffen am Neckar geboren, wurde einer der wichtigsten deutschen Dichter. Wir betreten ehrfürchtig seine Spuren, begeben uns auf eine Entdeckungstour durch sein Leben und seine Kunst, die später ganze Generation in ihren Bann ziehen wird.

Von Dr. Dr. Stefan Groß

Zu Lebzeiten verkannt, der „Hyperion“ floppte, doch Hölderlin kämpfte. Er kämpfte gegen die Zerrissenheit der Welt, gegen den Dualismus und die Knechtschaft der Unfreiheit. Er träumte von einem neuen Götterhimmel und einem Universalreich der Poesie, das die Welt in einen ewigen Frühling führt. Dieser Hölderlin, der vor 250 Jahren geboren wurde, ist durchaus eine moderne Existenz. Hin- und hergetrieben auf der Suche nach dem eigenen Selbst, dieses genauso überwindend wie setzend – darin bleibt er Ästhetiker, dem die Poesie alles werden sollte: genialischer Sinnentwurf und poetische Überwindung der Wirklichkeit. Jede Zeit hat Höhen und Tiefen, in denen sie manchmal mit Intellekt spart und die Ebenen mit Grausamkeiten und Blut überzieht, in denen sie aber manchmal geradezu Geist gnädig verschenkt. Eine komprimierte Zeit der Intellektuellen war das Deutschland von Aufklärung, Klassik und Romantik mit ihren Zentren in Tübingen, Heidelberg, Weimar und Jena. Geistesgeschichte pur, Zeit “vollendeten Wissens”.

Die Veränderung der Welt

Während einst in der Antike geistige Superstars wie Sokrates, Platon oder Aristoteles einer zweitausendjährigen Geschichte ihr Siegel aufdrückten, die die kommende Weltgeschichte quasi in einer Fußnote behandelte, wie Alfred North Whitehead schrieb, so war das Jahr 1770 ein ganz besonderes für den Geist der Philosophie und der Ästhetik. Friedrich Hölderlin und Georg Friedrich Wilhelm Hegel werden es sein, die die Zeit, Welt und Geschichte verändern.

Kant weiterdenken

Es war ein großartiges Jahrhundert – durchaus ebenbürtig der Antike, der Renaissance und dem Mittelalter samt seinen Scholien und Kommentaren. Lessing hatte für mehr Toleranz unter den Religionen geworben, Immanuel Kant die Fackel der Aufklärung von David Hume und John Locke endgültig entzündet und Johann Gottlieb Fichte das absolute Ich zum Ausgangspunkt aller Philosophie gemacht. Der Königsberger Kant war Markstein, Quelle und Überbietungsanspruch zugleich, denn mit seinem wohlbekannten „Ding an sich“, der immanenten Unerkennbarkeit der Welt oder Gottes, wollte man sich nicht zufriedengeben. Kant und Fichte galt es gleichermaßen zu überbieten – und dazu hatten sich die Tübinger Jugendfreunde Hölderlin, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling und Hegel eingeschworen. Ihre gemeinsame Schrift war Programmansage. „Das älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus“ ist nichts anderes als der Entwurf kantischer Überbietung. Eine „unsichtbare Kirche“ wollten sie gründen, eine der Liebe gegen die kategorische Macht des Imperativs der Pflicht stellen. Ein Pendant zu Kants negativer Naturphilosophie galt es zu finden – und selbst das Absolute oder Göttliche sollte nicht als ein „Also ob“ wieder Einzug finden im Geist der deutschen Idealisten. Eine Revolution der Denkungsart sollte es sein – und Hölderlin schickte sich an, dieses Projekt eigenständig zu verwirklichen.

Eine fast romantische Existenz

Genial, begabt, später anmutig von äußerer Gestalt, ein Adonis gleichermaßen, erblickte der Dichter der Einsamkeit, der Natur und des Göttlichen, vor 250 Jahren in Lauffen am Neckar das Licht der Welt. Von Selbstermächtigung einerseits, von tiefen Selbstzweifeln andererseits angetrieben, war Hölderlin ein Temperament, das zwischen Euphorie und tiefer Leidseligkeit, Weltanklage litt und schwankte. Eine fast typische romantische Existenz könnte man meinen, wenn er im Augenblick Glückseligkeit atmete und dann, wenn er in den Wirren der inneren Existenz zum Philosophieren neigte. Doch Romantiker war Hölderlin nie, Kunst war für ihn nie bloßes „Ereignis“, Happening, und „Universalpoesie“ wie einst für Friedrich Schlegel nie die bloß heitere Geselligkeit. Kunst wird für ihn zum Existential, wie es Martin Heidegger später denken wird.

Als Mensch ein Einsamer

Als Mensch bleibt Hölderlin ein Einsamer, ein Steppenwolf, der die Tiefe des Geistes in sich auslotete, der aber genauso lebensbegierig und trinkfest wie die übrigen Tübinger Stiftler sein konnte, durchaus gesellig, doch dies alles auf Zeit, auf begrenzte Dauer. Zeit war in erster Linie Lebensinnenzeit, die Durchmessung der Seele in ihren Tiefen und Höhen, in ihrem kurzweiligen Glücksrausch und erlauchten Liebesgefühlen, die aber in ihrer Dialektik immer wieder ins Gegenteil verfiel. Euphorie, gesteigertes Glückgefühl einerseits, die beide aber nur im Augenblick zu haben waren, wechselten mit der größten erdenklichen Schwermut andererseits. Eine brüchige Existenz war Hölderlins Wesen – und damit durchaus modern.

Die Idee der Humanität

Hölderlin, der Dichter der Schwaben, der wie Friedrich Nietzsche erst posthum Weltruf genießen sollte, hatte es nicht leicht mit sich und der Welt, an der er litt, weil sie eben nicht so vollkommen wie die gelobte Antike war, weil sie so sehr im Gewöhnlichen und Unmenschlichen, in Knechtesgeist und Unfreiheit siedelte, voller Ungerechtigkeiten und fern der unendlichen Idee des Humanums. Nie sollte er glücklich sein durch Liebe in dieser Welt der „Götterferne“. Der Dualismus der Welt machte ihn krank, trieb ihn zu Spinozas Pantheismus und Friedrich Schillers großartiger sittlicher Ästhetik. Der revolutionäre Denker des Sturm und Dranges, der feinsinnige Marbacher Dichter, Geschichtsphilosoph und der Verfasser der „ästhetischen Briefe“, dem Ästhetik zur Bürgerpflicht und eine Ästhetisierung der Gesellschaft als Ideal vorschwebte, der nicht allein aus der Pflicht die Menschheit zu verbessern suchte, sondern mit der Schaubühne als moralischer Anstalt, Ethik und Ästhetik feinsinnig miteinander zu synthetisieren suchte. Ihm war Hölderlin innig verbunden.

Schiller du Hölderlin – Liebe und Ambivalenz

Schiller, der Hölderlin oft „das ist mein liebster Schwabe“ nannte, galt als Idol der Freiheit im pietistischen Schwaben und stellte zugleich den Gegenentwurf zum absoluten Monarchismus des württembergischen Regenten dar. Hölderlin wird ihm hier folgen, wenn auch er sich inbrünstig zu den Idealen der Französischen Revolution bekennt. Hölderlin, der gemäßigte Jakobiner und Republikaner, wird aber dann von Schiller weichen, wenn dieser die Moderne als das bestimmen wird, das nicht mehr ins Arkadische zurück kann. Doch gerade dieses Elysium der Götter Griechenlands wird der Lauffener wieder beschwören, sei es durch Dionysios, den rasenden, baccantischen Gott, der 100 Jahre vor Nietzsches Dionysioskult bei Hölderlin als der Gott des Werdens gilt, der ins Offene treibt.

Der neue Schlachtruf Hen kai Pan

Und Hölderlin will sie wiedererrichten, die alte Welt, die ins Unendliche greift, sei es in Gott, in der Natur oder in der Poesie als Weltentwurf. Und er sucht die Verbindung von Endlichkeit und Unendlichkeit, er dichtet sie neu, um den Dualismus, das Zerrissene und Getrennte in einer qualitativ neuen Einfalt zu finden, im Hen kai Pan (Eins und Alles) der Antike, die ihm aber immer wieder in den Händen zerbrechen wird. Der Schlachtruf gilt dem alten Griechenland, dem Elysium am P eloponnes.

Das Ich ist mehr als das von Fichte

Raus aus der philosophischen Isoliertheit des Ich, weg von Fichtes absoluten Ich als Prinzip aller Philosophie – darum geht es Hölderlin, der mit seiner Alleinheitslehre Spinoza, mit seinem Naturbegriff Rousseaus folgen wird. Statt sich setzender Ich-Philosophie, die für Hölderlin auf der anderen Seite im Nichts kulminiert, wird er den Begriff der intellektuellen Anschauung stellen, der Unmittelbarkeit, der intensivsten, moralisch-erotischen und erkenntnistheoretischen Einheit des Subjektiven und des Objektiven. Die intellektuelle Anschauung ist das unmittelbare Wissen in seiner absoluten Reinheit, die aber nur die eine Facette von Welterkenntnis sein kann, deren andere die permanente Überschreitung des subjektiven Bewusstseins sein soll. Nicht das Ich wird so zum Prinzip der Philosophie, sondern das „Ich“, das per Poesie eine bessere Welt errichtet, ein Himmelreich auf Erden stiftet, erweitert um die natürliche Religion und den Volksgeist.

Die Suche nach dem absoluten Seyn

Dieses Absolute, für Hölderlin bleibt es unbestimmt, aber er nennt es Gott, das intiutive Empfinden der Natur und die Unendlichkeit gilt es aufzurichten, allein durch die poetische Kraft der Worte. Das Wort und Hölderlins moderne Sprache stiften Realität und was bleibt, stiftet nicht der Denker, sondern der Dichter, der die Welt erschafft, indem er die Sprache denkt oder dichtend die Welt erfindet. Die universale Einbildungskraft, die poetische Empfindung wird ihm jenseits von jedweden „Urtheil“ zur sinngebenden Kraft des bergenden Seins. Und dieses absolute Seyn wird nicht durch den spaltenden Verstand geschieden, der zu Trennung und Vereinsamung führt, sondern allein durch die poetische Intuition wird die Wirklichkeit erfasst, denn wo Subjekt und Objekt vereinigt sind, ist Seyn in absoluter Vollendung. „Die seelige Einheit, das Seyn, im einzigen Sinne des Worts, ist für uns verloren und wir mussten es verlieren, wenn wir es erstreben, erringen sollten. Wir reißen uns los vom friedlichen Hen kai Pan der Welt, um es herzustellen, durch uns Selbst. Jenen ewigen Widerstreit zwischen unserem Selbst und der Welt zu endigen, den Frieden alles Friedens, der höher ist, denn alle Vernunft, den wiederzubringen, uns mit der Natur zu vereinigen zu Einem unendlichen Ganzen, das ist das Ziel all unseres Strebens. “

Jenseits von aller Trennung muss Einheit sein

Und nach diesem greift Hölderlin in allen Phasen seines Lebens mit zaghafter und dennoch bestimmender Hand. Einheit, Versöhnung und Harmonie werden die Ingredienzien eines Denkens, dem es um Objektivität geht, der das Göttliche im Menschen sucht und das Menschliche im Göttlichen. Wo sich Unendliches und Endliches berühren, da verliert das Zweifeln seine tragische Kraft, zeigt sich die höchste zu erbringende Einfalt, die durch die Negativitäten des Daseins sich hindurch manövriert hat und in der sich die höchste Stufe freiheitlicher Vollendung zum Ausdruck bringt. Doch nur jenseits der Zeit vermag sich dieses Ereignis zu manifestieren, aber dieses immer wieder – jenseits der Trennung von Natur und Kultur – an-zudichten, höchstes anzustrebendes Ziel.

Freiheit als spontaner Akt der Poesie

Ein Reich der Freiheit, der innerlichen wie der republikanischen zugleich zu errichten, eine „unsichtbare Kirche“, wie sie sich die Tübinger Freunde Schelling, Hegel und Hölderlin erträumten, wollte er errichten, eine wo die Kerze der Freiheit das Licht entzündet und Freiheit zum A und O aller Kunst wird. Freiheit als spontaner Akt des Schöpferischen wird für Hölderlin aber eben nicht philosophisch erdacht, sondern poetisch vollzogen, denn es bleibt die Poesie, die die Wirklichkeit stiftet. Poesie, und so will sie Hölderlin dichten, ist nicht Welt abbildend, sondern Welt erschaffend. Und was der Philosophie nicht gelingt, vermag wie im Hyperion die Poesie, denn sie allein vermag die Trennung des Daseins zu überwinden und die Seynsverbundenheit erreichen. Oder anders formuliert: Das Seyn, das Hölderlin meint, ist das Reich der Schönheit und im künstlerischen Schaffen vereinigt sich Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft. Durch dieses freie Spiel der Kräfte im Menschen, im freien Spiel, eröffnet sich die Möglichkeit der Schönheit und der Künstler überwindet die Kluft zwischen „Urtheil“ und „Seyn“ und erfährt sich in inniger Seinsverbundenheit als Akteur, der die Wirklichkeit gestaltend verändert, der „tätig“ die Welt verändert, wie es schon in Goethes „Faust“ hieß. In der Ästhetik, in der Kunst des Schönen verbinden sich Politik, Religion und Philosophie. Die Kunst wird idealisch. Doch diese Kunst treibt ewig ins Offene, in die Weite und Zukunft, sie bleibt ein Sehnsuchtsort mythologisch-poetischer Erfindung, sie zu stiften, bleibt Aufgabe der Dichter.

Dem Ende entgegen

Ein „Himmelreich“ auf Erden gibt es für Hölderlin ebenso wenig wie später für Heinrich Heine, denn das Dasein ist und bleibt der Ort der Differenz, dieses zu ertragen, Schicksal. Dieses Nich-bei-sich-Selbst-Sein ist es, was Hölderlin nicht erträgt und wo er höchst selbst daran scheitern wird, er, der 1801-02 in der höchsten Blüte der Vollendung stand. Am 15. September 1806 bricht Hölderlin zusammen, wie später Nietzsche in Turin. Die Autenriethischen Kliniken in Tübingen werden ihm Heimat, später der berühmte Dichterturm am Neckar, wo er nach 37 Jahren – wach, sich selbst entfremdet, ichlos seinerseits, in hybrider Selbststeigerung andererseits am 7. Juni 1843 stirbt.

Jenseits der Subordination

Das Wagnis des Lebens, die hohe Sensibilität hat Hölderlin, der nie Priester der Orthodoxie, der Subordination und der Theologie werden wollte, besteht in der An- und Abwesenheit der Götter, im Sich-Verbergen und Ent-Bergen, doch diese Differenz sucht nach Synthese, die sich entweder im Augenblick oder in der Zukunft, in der Offenheit ereignet. Hölderlin wollte sich mit der Entzauberung der Welt nicht abfinden, ist aber an ihren Differenzen gescheitert.

Wie modern ist Hölderlin?

Insofern ist Hölderlin modern, weil er im Selbstbewusstsein einen Abgrund sieht, ein Nichts, das sich nach neuen rettenden Ufern umsieht; weil er Differenz als etwas höchst existentielles begreift, die das Leben herausfordert, vorantreibt und als Wesenszug der Moderne ewig in die Gräben des Schicksals greift; weil er das Ich als Spur eines Höheren – politisch gar als Nation – begreift, an dem es sich abarbeitet und sich womöglich verliert; weil er Kunst als eine Tat begreift, die nicht um ihretwillen geschieht, sondern den Menschen im Dienste der Freiheit zu Sittlichkeit erzieht.

Liberaler Weltentwurf

Hölderlins Vision bleibt eine freie Menschheit, wo Individuum und Gesellschaft, wie einst bei Schiller, ineinander spielen, wo Kunst als Imperativ der Freiheit den neuen Menschen hervorbringt, der den Idealen der Französischen Revolution und des liberalen Weltentwurfs – und heute dem Grundgesetz und der Charta der Vereinten Nationen –  als freier Mensch auf freier Erde steht und der die Schöpfung zu wahren sucht, insbesondere die Natur, die er nicht auf bloße Materialität verkürzen will, sondern als unendliche und nicht zu vernutzende herausstellt, die zu umhegen und zu pflegen sei. Damit wäre Hölderlin heute einerseits ein „Grüner“, aber andererseits auch ein Konservativer, weil er Bewahren will, ohne dogmatisch zu sein, einer, der aus der Geschichte heraus in die Zukunft greift, ohne zu belehren, sondern mittels der poetischen Einbildungskraft den Menschen anzustiften, das Bessere zu tun, praktisch tätig zu werden.

09.03.2020 | 10:55

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