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Kunst als Investment

Hoch im Kurs und wertstabil: Gemälde vom deutschen Künstler Gerhard Richter (Foto: picture alliance / Keystone / Alexandra Wey).



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Gemälde statt Aktien: Wer in Kunst investiert, will oft Leidenschaft mit Rendite verbinden. Das kann gelingen, doch gerade bei diesem Investment sind Recherche und Fachkenntnis nötig.

Der Kunstmarkt entwickelt sich hin zum Kapitalmarkt. Neben den klassischen Anlageklassen wie Aktien und Anleihen sehen sich Investoren inzwischen auch verstärkt nach alternativen Geldanlagen wie Sachwerten in Form von Kunst um, die hohe Renditen erzielen können. Das wachsende Interesse, insbesondere an Bildern, zeigt sich an den steigenden Preisen und hohen Nachfragen neuer Akteure aus Ländern wie zum Beispiel China oder Indien. Trotzdem: Die Investition in Kunst bleibt nicht risikofrei. Experten verraten, worauf Anleger beim Thema Kunst achten sollen und ob sich ein Einstieg in diesem Jahr lohnt.

Steigende Nachfrage

Kunst ist für Anleger attraktiver geworden. „Die Nachfrage hat in den vergangenen 20 Jahren stetig zugenommen“, sagt Oliver Grimme, Senior Specialist Art Management & Classic Cars im Wealth Management der HypoVereinsbank (HVB). Die Gründe: Bei vielen Kunst-Anlegern konzentriert sich das Geld. Bei diesen vermögenden Kunden sind die Bereiche klassische Vermögensverwaltung, Immobilien und Altersvorsorge bereits abgedeckt, weshalb sie ein weiteres Segment zur Geldanlage suchen – gerade in Zeiten von Niedrigzinsen. Außerdem greifen aktuell viele Medien die positiven Entwicklungen am Kunstmarkt auf und forcieren sie dadurch, unter anderem durch Berichte über hochpreisige Auktionen. Zusätzlich existiert eine junge Anleger-Generation, die Spaß an Kunst hat.

Persönliche Leidenschaft und intensive Recherche

Ein Investment in Kunst ist immer auch ein emotionales Investment. Grimme: „Wir empfehlen niemandem aus dem reinen Investmentgedanken heraus in Kunst zu investieren. Die emotionale Rendite ist garantiert, der Rest ist eine Chance auf mehr.“ Mehr noch als bei anderen Anlageformen muss der Investor persönliches Interesse mitbringen. Daher bietet die HVB Kunst als Wertanlage nicht proaktiv an, sondern erst auf gezielte Nachfrage der Kunden. Die Berater dienen als Ansprechpartner und beziehen im konkreten Fall je nach Investment die hauseigenen Spezialisten und externe Partner wie Kunstberater, Restauratoren, Versicherer oder Experten zur Einlagerung hinzu. „Eine Investition in ein Depot ist abstrakt, eine Investition in Kunst ist konkret, eine persönliche Leidenschaft“, betont Birgit Maria Sturm, Geschäftsführerin des Bundesverbands Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG). Sollte nämlich ein Kunstwerk keine Wertsteigerung erfahren, ist es ratsam, wenn es trotzdem gefällt – und dann das eigene Wohnzimmer ziert. Mit der Kunst-Leidenschaft einhergehen sollte auch Fachkenntnis. Anleger und Sammler sollten laut Sturm auf regelmäßigen Kontakt zu fachkundigen und erfahrenen Beratern wie Galerien und Kunsthändler mit einem gewissen Standing setzen. Zudem sollte der Kunstkäufer die Orte aufsuchen, an denen Kunst stattfindet. Vertriebskanäle sind Kunstmessen, Auktionshäuser, Kunsthändler, Kommerzielle Galerien, Online-Marktplätze, Kunsthallen und Kunstvereine. Der Kunstmarkt so Sturm, lebt von intensiven Kontakten.

Langfristige Bindung

Kunst ist kein schnelles Investment. „Das ist ein Geschäft, das der Vorbereitung und der Pflege bedarf“, sagt Sturm. „Ein Investment-Hopping ist völlig falsch.“ Grimme ergänzt: „Man darf nicht erwarten, dass in einem oder zwei Jahren der Preis explodiert.“ Vielmehr sollten sich Anleger einen Zeitraum von fünf bis zehn Jahren geben, um das Investment zu beobachten. Der Kunstmarkt mit seinen vielen Playern spreizt sich extrem aus. Dementsprechend empfehlen die beiden Experten, sich beim Kunstkauf auf einen Künstler oder ein Genre zu fokussieren. Jeder Anleger sollte laut Grimme nur solche Summen investieren, dass letztlich kein Kapital-Engpass entsteht. Beim Blick auf das Gesamtvermögen sollte das Kunst-Investment – falls es floppt – keinen zu großen Anteil daran einnehmen. Bei etablierten Künstlern werden Preise ab 50.000 Euro pro Werk als Einstieg gesehen.

Blue Chip oder Neuentdeckung?

Wie auf dem Aktienmarkt gibt es auf dem Kunstmarkt Blue Chips. Gemeint sind Werke von bekannten Künstlern, die dauerhaft gut verkäuflich sind und beständig hohe Preise erzielen wie Gerhard Richter oder Alicja Kwade. Bei etablierten Künstlern geht der Anleger kein Risiko ein, betont Sturm vom BVDG. Gerade bei zeitgenössischen Künstlern gebe es eine Reihe von Namen, die schon als Blue Chips gehandelt werden. Dem gegenüber stehen Neuentdeckungen. Wer in noch junge und unbekannte Künstler investiert, handelt spekulativer, kann so aber enorme Renditen erzielen. In jedem Fall muss jeder Investor den Weg des Künstlers und den Markt akribisch beobachten. „Entscheidend ist eine kontinuierliche Präsenz eines Künstlers im Markt“, weiß Sturm. „Ein Künstler, der im Markt Fuß gefasst hat, produziert auch.“ Wichtig sei nicht nur wo, sondern auch bei wem ein Künstler studiert hat. Entscheidend ist laut Grimme von der HVB ferner, welche Stellung das einzelne Kunstwerk im Oeuvre eines Künstlers einnimmt. Das Segment „Alte Meister“ gilt als eine der sichersten Investitionsformen auf dem Kunstmarkt. Gleichzeitig hat diese Abteilung mit der Akquisition zu kämpfen, da die meisten Werke im Museum landen und somit dauerhaft vom Markt genommen werden. Gelangen doch einmal solche High-End-Werke in den Verkauf, erzielen diese entsprechend sehr hohe Auktionspreise, wie zum Beispiel jüngst das Porträt „Junger Mann mit Medaillon“ von Sandro Botticcelli für 92 Millionen Dollar.

Einzel-Kunstwerk vs. Kunstfonds

Wer Kunst kauft, muss sich entscheiden, ob er auf Einzelobjekte oder einen Kunstfonds setzt. Der Kunstfonds ermöglicht eine Beteiligung an mehreren Kunstobjekten, ist allerdings meist geschlossen. Bedeutet: Es werden nicht unbegrenzt Anleger aufgenommen und es muss eine Mindestsumme investiert werden. Kunstfonds sehen manche Experten inzwischen kritisch. „Es gibt wenige, die ihr Ziel erreichen, auch wenn das Konzept mit der Risikostreuung zunächst perfekt klingt“, sagt Grimme. Die Mischkalkulation sei aber auch ein Nachteil in einer späteren Verkaufssituation, da hier Blue Chips und weniger gefragte Kunst vermengt sind. Zudem fallen Kosten für das Fonds-Management, Versicherung, Lagerung, etc. an. Deshalb sind Kunstfonds im deutschen Markt aktuell weniger verbreitet.

Kryptoart als neue Strömung

Ein noch sehr frisches Thema ist Kryptoart, die digitale Kunst. „Das erfährt gerade einen großen Hype, ist aber sehr spekulativ“, weiß Grimme. Unter anderem das Auktionshaus Christie’s unterstützt diese Strömung gerade sehr. Bei der Blockchain-Technologie wird jede Transaktion in fälschungssicherer Form für jedermann einsehbar in einer Datenbank festgehalten. Bei physischen Kunstwerken ist die Methode noch in der Versuchsphase, da schwer umsetzbar. Konkreter ausgereift ist der Ansatz, Blockchain zu nutzen, um ein Kunstwerk zu verkaufen – von der Funktionsweise Kryptowährungen ähnlich. Anleger können Tokens erwerben, die Teileigentum oder Eigentum an einem Kunstwerk repräsentieren. Durch die lückenlose Dokumentation ist das Werk fälschungssicher, zudem können die Tokens als liquides Investment jederzeit zum aktuellen Marktpreis verkauft werden. Mit der neuen Strömung einher gehen auch Millennials als neue Kunst-Zielgruppe.

Marktveränderung durch Corona

Der kürzlich veröffentlichte „Art Market Report“ 2021 zeigt als der angesehenste Kunstmarkt-Bericht, wie sich der globale Markt durch die Pandemie verändert hat. 2019 wurden weltweit 64,4 Milliarden Dollar in Kunst und Antiquitäten investiert, bezogen auf offiziell gehandelte Werke ohne Private Sales. 2020 erfolgte mit 50,1 Milliarden Dollar coronabedingt ein Knick. Die größten Märkte weltweit bilden die USA (42 Prozent), China (20 Prozent) und Großbritannien (20 Prozent), Deutschland liegt bei 2 Prozent. Gerade Asien erweist sich als enormer Wachstumsmarkt. Für 2021 rechnen Experten ähnlich wie 2020 mit einem pandemiebedingt schwächeren Jahr. „Viele Verkäufer halten Top-Ware zurück“, weiß Grimme. Insbesondere, weil die meisten Messen, viele Ausstellungen und Auktionen derzeit abgesagt sind. Im Zuge dessen seien aber die Online-Vertriebswege enorm gewachsen. Zudem nehmen Private Sales, also das nicht öffentliche Angebot zum Verkauf eines Kunstwerks an einen eingeschränkten Personenkreis, beispielsweise durch Auktionshäuser zu. Doch gerade die Corona-Ruhepause auf dem Kunstmarkt kann ideal für den Einstieg sein, betont Sturm. „Jetzt ist die optimale Zeit, um sich Grundlagenwissen anzueignen.“

Vera König

07.04.2021 | 19:38

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