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Bilanz eines Sommers - Versicherer unter Druck

Hagel und Hochwasser haben in diesem Sommer nach Einschätzung in Deutschland versicherte Schäden von fünf Milliarden Euro angerichtet. Bei den Versicherern wachsen nun Konkurrenz und Preisdruck.

BÖRSE am Sonntag

Zu den Flutschäden des Sommers 2013 in Höhe von 2,5 Milliarden Euro, die in Deutschland zu verzeichnen sind, kommen 1,5 Milliarden Euro für die Hagelstürme Ende Juli und eine Milliarde für weitere Hagelunwetter im Juni und August hinzu, stellt Vorstandschef Ulrich Wallin vom weltweit drittgrößten Rückversicherers Hannover Rück fest. Wie tief sein Haus für die Hagelfolgen in die Tasche greifen muss, ist noch offen. „Es wird für uns ein hoher Schaden, aber weniger als bei der Flut“, sagte Wallin mit Blick auf den Hagelschlag vom Juli in Niedersachsen und Baden-Württemberg. Damals hatten golfballgroße Eiskörner schwere Schäden an Autos und Hausdächern angerichtet. Das Hochwasser in Deutschland und Nachbarländern hatte bei der Hannover Rück mit 137 Millionen Euro zu Buche geschlagen. Doch die Hannover Rück ist damit noch gut weggekommen.

Der Hagelsturm „Andreas“ vom 28. Juli dieses Jahres könnte die gesamte Erst- und Rückversicherungsbranche deutlich teurer zu stehen kommen als bisher gedacht. Michael Pickel, Vorstand der Hannover Rück, hält die bisherigen Branchenschätzungen von 600 Millionen Euro für Auto- und Wohngebäudeschäden für zu niedrig angesetzt. „Ich halte eine Zahl deutlich über eine Milliarde Euro für realistisch“, sagte er zu Handelsblatt Live, der iPad-Ausgabe des Handelsblatts. Hannover-Rück-Vorstand Pickel glaubt, dass die vielen Unwetter Auswirkung auf die Prämien in der Autoversicherung haben werden. Der Grund: Die Schwankungsrückstellungen bei den Endkundenversicherern gingen zu Neige. Mit dieser zusätzlichen Kapitaldecke federn Versicherer unterschiedlich hohen Schadenssummen über die Jahre ab. Doch dieser Block sei bei einigen Gesellschaften so gut wie abgeschmolzen. „Es war schon immer so, dass Erstversicherer die Prämien angehoben haben, wenn der Topf für die Schwankungsrückstellungen leer war“, sagte Pickel zu Handelsblatt Live. „Es sollte mich wundern, wenn es diesmal anders wäre.“ Mehrere Gesellschaften hätten schon in diesem Jahr außerordentlich oft Rückversicherungsschutz bei Unternehmen wie Hannover Rück nachbestellt, sagte Pickel. Das sei eher unüblich und vor allem teurer. „Der Aufschlag hierfür kann bis zu 100 Prozent betragen, erst recht wenn sowohl Schäden durch Hagel als auch durch Sturm abgedeckt werden.“

Die Hagelstürme Ende Juli treffen auch den Versicherer Generali Deutschland mit voller Wucht. Derzeit gehe die Gruppe, zu der Marken wie AachenMünchener und CosmosDirekt gehören, von einem Schadenaufwand vor Rückversicherungsleistungen von etwa 150 Millionen Euro aus, wie Generali Deutschland mitteilte. Damit falle der Schaden größer aus als bei der Hochwasserflut im Juni, die voraussichtlich 125 Millionen Euro brutto koste. Vor allem Hagelsturm „Andreas“ hatte in Württemberg und Teilen Niedersachsens verheerende Schäden an Gebäuden und Autos angerichtet. Die Kosten für die Versicherungsbranche in die Milliarden gehen. Allein die Sparkassen-Versicherung, einer der größten Gebäudeversicherer in Baden-Württemberg, rechnet mittlerweile mit Belastungen von 600 Millionen Euro. Deutschlands größter Versicherer Allianz geht von 200 Millionen Euro aus, die Württembergische Versicherung von bis zu 130 Millionen. Damit wächst sich Sturm „Andreas“ zum größten Hagelschadenereignis aus, das Deutschland je erlebt hat.

Munich Re wird die Preisschraube anziehen

Rückversicherer Munich Re bekommt die Auswirkungen der Sommerstürme indirekt, aber dadurch nicht weniger deutlich zu spüren. Der Münchner Rückversicherungs-Primus sieht im Katastrophengeschäft einem Preiskampf entgegen. Bei seinen Verhandlungen mit Erstversicherern wie Allianz und Axa erwartet der Konzern zum Jahreswechsel zwar weithin stabile Konditionen in der Schaden- und Unfall-Rückversicherung. Zumindest im proportionalen Geschäft der Schaden- und Unfall-Rückversicherung, in dem Rückversicherer prozentual Prämien und Risiken von Erstversicherern übernehmen, erwartet Jeworrek weitgehend stabile Preise.

Bei der Absicherung gegen Naturkatastrophen wächst jedoch die Konkurrenz, zugleich werden die Schadenssummen höher. Manche Katastrophe trifft die Branche weit schwerer als anfangs gedacht: Die versicherten Hagelschäden dürften die gesamte Branche 1,5 Milliarden Euro erreichen, sagte Munich-Re-Vorstandsmitglied Torsten Jeworrek bei einem Branchentreffen in Monte Carlo. Das wäre mehr, als das bisher schwerste Hagelunwetter in Bayern von 1984 in heutigen Preisen gekostet hätte. Die Unwetter waren Ende Juli über Teile Nord- und Süddeutschlands gezogen, golfballgroße Hagelkörner beschädigten Autos und Hausdächer. Laut Jeworrek muss die Munich Re von diesen Schäden rund 180 Millionen Euro schultern, davon 20 Millionen aus dem Geschäft der Düsseldorfer Tochter Ergo. Damit hätte die Hochwasserkatastrophe im Juni die Munich Re nur ein Viertel mehr gekostet als nun der Hagel.

Es ist dieses nicht-proportionale Geschäft mit Naturkatastrophen, bei dem der Rückversicherer erst ab einer bestimmten Schadenhöhe einspringt, bei dem die Munich Re hingegen heftige Konkurrenz von branchenfremden Investoren spürt. Große Anleger wie Pensionsfonds investieren Experten zufolge zunehmend große Summen in verbriefte Versicherungsrisiken (ILS), meist sogenannte Katastrophenanleihen. Damit werden Katastrophenrisiken an den Kapitalmarkt transferiert. Der Munich Re zufolge haben Großinvestoren in den vergangenen anderthalb Jahren rund zehn Milliarden US-Dollar zusätzlich in Katastrophenanleihen und andere gesteckt. In Zukunft könnten es sogar noch mehr sein. Bis zu 75 Milliarden Dollar könnten die „alternativen Investoren“ auf der Suche nach höheren Renditen bis 2016 in den Markt für Naturkatastrophen-Deckungen gepumpt haben, sagte Jeworrek. Das wäre ein Viertel des 300 Milliarden Dollar schweren Marktes; 2012 waren es erst 17 Prozent. Sie wüchsen damit deutlich schneller als die angestammten Rückversicherer.

Schlechtere Konditionen für Rückversicherer

Die Munich Re sieht sich von der Konkurrenz aber nur mäßig betroffen. Nur zehn Prozent des Katastrophengeschäfts konkurriere mit den alternativen Formen der Risikoabsicherung. Außerdem hofft Jeworrek, dass das niedrige Zinsniveau die Konkurrenz diszipliniert. Zu niedrige Prämien kann die Branche kaum noch durch höhere Kapitalerträge ausgleichen.

Pessimistischer als die Munich Re ist die Ratingagentur Standard & Poors. Deren Experten rechnen bei der Vertragserneuerung zum Jahreswechsel auch insgesamt mit schlechteren Konditionen für die Rückversicherer. Ihnen zufolge dürften in diesem Jahr verbriefte Versicherungsrisiken im Volumen von sieben Milliarden Dollar kommen – so viele wie seit 2007 nicht mehr. Auch der Rückversicherungsmakler Willis Re erwartet, dass der Druck auf die Branche durch die neue Konkurrenz zunimmt. Die Fonds konzentrieren sich bisher vor allem auf Naturkatastrophen-Deckungen in den USA, weil die Renditen dort am höchsten sind. Doch ob das so bleibt, ist fraglich. Die Neulinge könnten binnen weniger Jahre bis zu 100 Milliarden Dollar in den Markt pumpen und kämen damit auf 30 Prozent Marktanteil, schätzt der Makler. „Das hätte grundlegende Folgen“, mahnte Willis-Re-Chef John Cavanagh. Denn traditionelle Rückversicherer blieben in diesem Verdrängungswettbewerb auf ihrem Geld sitzen – bis zu 40 Milliarden. „Dieses Eigenkapital muss anderswohin gehen“, sagt Cavanagh. Bis zu 20 Milliarden Dollar könnten die Aktionäre zurückfordern – als Dividende oder über Aktienrückkäufe. Auch die Munich Re denkt darüber nach. Eine Entscheidung über den Rückkauf eigener Aktien soll im Herbst fallen. Handelsblatt / rtr / oz / dpa