Verena Pausder beklagt fehlendes Wagniskapital: „Entscheidet, ob wir Weltspitze werden“
| Oliver Götz | Lesezeit: 4 Min.
Die Chefin des Startup-Verbands und selbst erfolgreiche Mehrfachgründerin prangert vermeidbare Finanzierungs-Hürden für deutsche Jungunternehmen an - und fordert die Europa-Firma.
In Deutschland wird wieder mehr gegründet. In den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres ist die Zahl neuer, junger Unternehmen gegenüber dem vorangegangenen Halbjahr einem Report von Startup-Verband und startupdetector zufolge um mehr als 50 Prozent gestiegen. Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, sieht darin im Gespräch mit der BÖRSE am Sonntag „eine Gründungswelle, die breit ist und technologisch auf einem starken Fundament steht“. Und das trotz weiterhin angespannter Wirtschaftslage. Für Pausder ist die aber ohnehin nicht zwingend ein Hindernis. „Gerade in Umbruchphasen entstehen Lücken, die etablierte Unternehmen nicht schnell genug schließen“, meint die Unternehmerin. Gleichzeitig senkt KI laut Pausder die Einstiegshürden. „Ein kleines Team baut heute in Wochen ein Produkt, für das man früher ein Jahr und zwanzig Leute gebraucht hätte.“
Dass hierzulande wieder mehr gegründet wird, ist zweifellos ein Erfolg, täuscht aber auch schnell über ein nach wie vor ungelöstes Problem hinweg. „Wir sind gut darin, Unternehmen aufzubauen, und lassen dann zu, dass Wachstum und Wertschöpfung woanders stattfinden“, moniert Pausder im Interview mit der BÖRSE am Sonntag. Dass ein Großteil deutscher Startups für einen Börsengang die USA bevorzugen würden, sei „ein Alarmsignal“. Wer jenseits des Atlantiks an die Börse gehe, der verlagere oft auch Investoren, Personal und Entscheidungen dorthin. Pausder begrüßt entsprechend Bemühungen rundum die „EU Inc.“ als einheitliche Rechtsform für Unternehmen in Europa sowie die europäische Kapitalmarktunion. Besonders stößt sich Pausder überdies an der „Hürde“ Wagniskapital. Diese entscheide „ob wir Weltspitze werden“. In der Breite liege die Zahl der Finanzierungsrunden in Deutschland deutlich unter dem Niveau von 2021. Pro Kopf investierten die USA ein Vielfaches dessen, was hierzulande fließe. Dabei mangele es nicht an Kapital, so Pausder. Dieses sei in Deutschland vorhanden, bei Versicherungen, Pensionskassen und Stiftungen beispielsweise. „Es muss nur endlich auch in Innovation fließen dürfen“, fordert die 47-Jährige, die in ihrer Unternehmerinnenkarriere selbst mehrfach erfolgreich gegründet hat.
Das Interview im Wortlaut:
BÖRSE am Sonntag: Frau Pausder, in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres ist die Zahl neuer junger Unternehmen gegenüber dem vorherigen Halbjahr um mehr als 50 Prozent gestiegen. Zu diesem Ergebnis jedenfalls kommt eine Studie Ihres Verbands. Während die Wirtschaft im Land insgesamt lahmt, herrscht also Euphorie bei Gründern. Wie passt das zusammen?
Verena Pausder: Das passt besser zusammen, als man denkt. Gerade in Umbruchphasen entstehen Lücken, die etablierte Unternehmen nicht schnell genug schließen. Genau da setzen Startups an. Ich sehe eine Gründungswelle, die breit ist und technologisch auf einem starken Fundament steht: DeepTech, Defence, KI, Robotik. Euphorie würde ich das trotzdem nicht nennen. Es ist eher Entschlossenheit. Viele Gründerinnen und Gründer sagen sich: Wenn sich etwas ändern soll, dann bauen wir es eben selbst.
Was hat KI damit zu tun? Kritiker monieren, die Technologie führe zu vielen austauschbaren Startups.
KI senkt die Einstiegshürde enorm. Ein kleines Team baut heute in Wochen ein Produkt, für das man früher ein Jahr und zwanzig Leute gebraucht hätte. Am Ende setzt sich durch, was echten Nutzen bringt. Mehr als die Hälfte der Startups hat KI inzwischen im Kern ihres Produkts, oft verbunden mit Branchenwissen aus Industrie, Medizin oder Logistik. Darin liegt eine große Chance.
Wie lässt sich der Gründergeist in globale Champions ummünzen? Ist es nicht alarmierend, dass 62 Prozent an eine US-Börse wollen und nur 27 Prozent an eine deutsche?
Ja, das ist ein Alarmsignal. Wir sind gut darin, Unternehmen aufzubauen, und lassen dann zu, dass Wachstum und Wertschöpfung woanders stattfinden. Wer in den USA an die Börse geht, verlagert oft auch Investoren, Personal und Entscheidungen dorthin. Das können wir uns nicht leisten, gerade weil technologische Souveränität über unsere wirtschaftliche Zukunft entscheidet. Wir brauchen einen Kapitalmarkt in Europa, der tief und attraktiv genug ist, dass ein Börsengang hier die erste Wahl ist. Ein amerikanisches Startup gründet einmal in Delaware und kann dieselbe Gesellschaft direkt an die Nasdaq bringen. In Europa musst du für jeden Markt eine neue Struktur aufbauen und vor dem Börsengang oft noch einmal die Rechtsform wechseln. Die EU Inc. ändert das: eine Rechtsform vom ersten Tag bis zum Börsengang. Das ist kein Selbstzweck. Ohne eine einheitliche Rechtsform gibt es keine funktionierende europäische Kapitalmarktunion.
Was müssen Politik und Wirtschaft tun, damit die Unternehmen, die heute hier gegründet werden, auch morgen noch hier wachsen?
Im Grunde sind es drei Dinge. Erstens: Kapital für die Wachstumsphase. Bei großen Runden sind Startups und Scaleups fast immer auf ausländische Investoren angewiesen. Zweitens: ein echter europäischer Binnenmarkt mit einer einheitlichen Rechtsform, der EU Inc., statt 27 verschiedener Regelwerke. Drittens: Kundschaft. Wirtschaft und Staat müssen Startups Aufträge geben. Ein Pilotprojekt ist schön, ein echter Vertrag ist besser. Deshalb fordern wir, dass bis Ende des Jahrzehnts fünf Prozent der öffentlichen Aufträge an Startups gehen.
Die Bundesregierung hat eine Startup-Strategie mit rund 150 Maßnahmen beschlossen. Klingt erstmal gut. Es ist ein wichtiges Signal, und die Strategie benennt die richtigen Themen. Aber eine Strategie ist ein Versprechen, noch kein Ergebnis. Entscheidend ist, wie zügig sie umgesetzt wird. Wir werden die Bundesregierung an jeder einzelnen Maßnahme messen.
Stichwort Wagniskapital: Ist das die größte Hürde des Standorts Deutschland?
Es ist die Hürde, an der sich entscheidet, ob wir Weltspitze werden. Die Rekordsumme von 8 Milliarden Euro bis September täuscht etwas: Ein großer Teil fließt in wenige sehr große Runden. In der Breite liegt die Zahl der Finanzierungsrunden deutlich unter dem Niveau von 2021. Pro Kopf investieren die USA ein Vielfaches dessen, was bei uns fließt. Das Kapital ist in Deutschland vorhanden, bei Versicherungen, Pensionskassen und Stiftungen. Es muss nur endlich auch in Innovation fließen dürfen. Die WIN-Initiative zeigt, dass es in die richtige Richtung geht: 2,64 Milliarden Euro sind bislang mobilisiert. Ziel sind 25 Milliarden bis 2030, und davon sind wir noch weit entfernt. Der Weg dorthin führt über regulatorische Öffnung, nicht über Absichtserklärungen.
Sie sind selbst Mehrfach-Gründerin. Wo sehen Sie akut Handlungsbedarf? Was geben Ihnen Gründerinnen und Gründer mit auf den Weg?
Am häufigsten höre ich nicht „gebt uns mehr Förderung“, sondern „lasst uns machen“. Gründerinnen und Gründer verlieren zu viel Zeit mit Formularen, Notarterminen und Behördengängen statt mit Kunden und Produkt. Wir brauchen die digitale Gründung in 24 Stunden ohne Notartermin. Zweitens: Mitarbeiterbeteiligung. Wer Top-Talente gewinnen will, muss sie am Erfolg beteiligen können, unkompliziert und international konkurrenzfähig. Drittens: Ausgründungen aus der Wissenschaft. Unsere Hochschulen sind ein großer Schatz, den wir noch besser heben müssen. Verhandlungen über geistiges Eigentum dauern oft viele Monate. Das muss schneller und standardisierter gehen, dafür brauchen wir eine nationale IP-Strategie.
Wenn Sie einen Wunsch an die Bundesregierung frei hätten?
Dass Startups nicht als Nischenthema behandelt werden, sondern als Chefsache. Jede Entscheidung in Berlin sollte sich daran messen lassen, ob Gründen und Wachsen in Deutschland leichter oder schwerer wird. Konkret wünsche ich mir, dass die Startup- und Scaleup-Strategie in dieser Legislatur vollständig umgesetzt wird. Nicht zu 80 Prozent, sondern ganz. Und auf europäischer Ebene soll Deutschland die EU Inc. aktiv mitgestalten statt zu bremsen. Das ist die größte wirtschaftspolitische Chance, die Europa gerade hat. Die Entscheidung fällt in Brüssel, aber Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle.
Verena Pausder ist Rednerin auf der IPO Night in Frankfurt, die im Rahmen des Frankfurt Finance & Future Summit in der Main-Metropole stattfindet. Am 21. und 22. Oktober 2026 kommen im Frankfurter Kap Europa Entscheider aus Finanz- und Realwirtschaft zusammen. Zur exklusiven IPO Night am ersten Abend des Summits im Städel-Museum sind auch Christian Sewing, CEO der Deutschen Bank, Dr. Stephan Leithner, CEO der Deutsche Börse Group und Christian Pellis, CEO Amundi Deutschland, angekündigt.
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