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Rohstoffe > Negativszenario noch nicht eingepreist

Ist Öl aktuell noch günstig?

| Oliver Götz

Straße von Hormus mit rotem Kreuz, das die Sperrung skizziert.
Die Straße von Hormus bleibt für den Schiffsverkehr weitgehend dicht. Die Ölpreise reagieren auf knapper werdende Lagerbestände. (Foto: Picture Alliance / CHROMORANGE / Ales Utouka)

Das Tempo, mit dem sich die globalen Erdöl-Lager leeren, alarmiert Finanz- und Rohstoffexperten. Die Bank of America hält 150 US-Dollar je Barrel für möglich.

Es wirkt beinahe so, als hätten sich die Ölmärkte nach den jüngsten Ausschlägen schnell wieder beruhigt: Brent ist zuletzt wieder unter die Marke von 100 US-Dollar je Barrel gefallen, WTI notiert unter 90 Dollar. Hinter dieser Entspannung allerdings, verbirgt sich ein physischer Markt, der zu kollabieren droht. Die weltweiten Lagerbestände sinken rekordverdächtig schnell, trotz zwischenzeitlichen Annäherungserfolgen zwischen den Kriegsparteien im Nahen Osten bleiben wichtige Transportwege gestört, woraufhin die weltweiten Reserven immer dünner werden. Die Bank of America (BofA) hat ihre Ölpreisprognose nun deutlich angehoben – und warnt vor einem Extremszenario von mehr als 150 Dollar.

Für Brent erwartet die Investmentbank im zweiten Halbjahr 2026 inzwischen durchschnittlich 95 Dollar je Barrel, nachdem zuvor lediglich 83 Dollar veranschlagt worden waren. Für 2027 liegt die neue Prognose bei rund 80 Dollar. Doch sollte sich die Versorgungskrise bis ins Frühjahr 2027 ziehen oder weitere Infrastruktur beschädigt werden, halten die Analysten einen Preis von über 150 Dollar für möglich. Das wäre kein normales Preisszenario mehr, sondern ein Schock.

350 Millionen Barrel weniger in den Lagern als im Frühjahr

Nach Berechnungen der Bank of America sind seit März mindestens 350 Millionen Barrel aus den weltweiten oberirdischen Vorräten verbraucht worden. Die Bestände liegen demnach rund 200 Millionen Barrel unter den normalerweise für diese Jahreszeit üblichen Tiefständen. „Obwohl US-Raffinerien und Kraftstoffexporteure die Lücke teilweise geschlossen haben, deuten extrem niedrige Produktvorräte und erhöhte Raffineriemargen darauf hin, dass das System nur über sehr begrenzte Reservekapazitäten verfügt“, sagte der Rohstoffstratege der Bank, Francisco Blanch, laut CNBC.

Auch der Terminmarkt signalisiert Knappheit. Kurzfristig lieferbares Öl kostet deutlich mehr als Kontrakte für spätere Lieferungen. Diese sogenannte Backwardation ist typisch für Märkte, in denen physische Ware knapp ist. Für die Verbraucher ist das ein wichtiger Unterschied zu einem lediglich spekulativ getriebenen Preisanstieg: Es fehlt tatsächlich Öl an den entscheidenden Stellen der Lieferkette.

Straße von Hormus bleibt der neuralgische Punkt

Der größte Unsicherheitsfaktor ist weiterhin die Straße von Hormus. Vor Beginn des Konflikts zwischen den USA und Israel mit dem Iran liefen durch die Meerenge rund 20 Prozent des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases. Die nun seit Monaten anhaltenden Einschränkungen des Schiffsverkehrs summierten sich nach Berechnungen der BofA zu Ausfällen von bis zu 14 Millionen Barrel pro Tag. Zuletzt fehlten gegenüber dem Vorkriegsniveau noch immer vier bis acht Millionen Barrel täglich.

Es gibt inzwischen aber auch Anzeichen einer Normalisierung. Saudi-Arabien hat seine Ölexporte über alternative Routen und über Terminals am Persischen Golf wieder deutlich ausgeweitet. Im September erreichten die Rohölexporte aus dem Nahen Osten nach Kpler-Daten 16,33 Millionen Barrel pro Tag – den höchsten Wert seit Beginn des Konflikts. Dennoch lagen sie noch rund 3,2 Millionen Barrel unter dem Niveau vor dem Krieg. Saudi-Arabien versucht dabei, einen Teil der Abhängigkeit von Hormus zu umgehen. Rohöl kann über die East-West-Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer transportiert werden. Zuletzt war die Pipeline allerdings von der dem Iran nahestehenden Huthi-Miliz angegriffen und beschädigt worden. Das hatte viele Markteilnehmer aufgeschreckt, da es die Verletzlichkeit der Öl-Infrastruktur der arabischen Staaten noch einmal deutlich vor Augen führte.

Warum 150 Dollar möglich wären

Sollten nun also die Lieferausfälle über die Straße von Hormus bis ins Frühjahr 2027 andauern und gleichzeitig weitere Infrastruktur sowie Alternativrouten beschädigt werden, würden zunächst die kommerziellen und strategischen Lagerbestände weiter sinken. Irgendwann wäre der Markt gezwungen, die Nachfrage über den Preis zu rationieren. Der US-Bestand liegt nach den bisherigen Freigaben inzwischen unter 284 Millionen Barrel – auf dem niedrigsten Stand seit 1982. BofA-Experte Blanch warnt deshalb davor, dass sich die derzeitigen Störungen zu einem „strukturellen Schock“ entwickeln könnten. Dabei handelt es sich explizit um ein Extrem- und nicht das Basis-Szenario der Bank. Unmöglich ist es deshalb jedoch nicht.

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