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Aktionäre wollen Dividenden


Rund zehn Millionen Deutsche investieren in Aktien. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Privatanleger immer mehr Wert auf eine ordentliche Dividende legen. Dabei kann ein Blick auf die Bewertungskriterien institutioneller Anleger die eigene Investitionsstrategie deutlich verbessern

Der Zollstreit zwischen den USA und China belastet weiterhin den Welthandel. Die Konjunktur schwächelt – das belegt der Geschäftsklimaindex des ifo Instituts. Automobilkonzerne beklagen Absatzprobleme und investieren Milliarden in alternative Antriebe, von denen niemand so recht weiß, ob sie die Zukunft bedeuten. Viele der exportstarken deutschen Unternehmen werden in diesem Jahr weniger verdienen als in 2018. Kurzum: Die Börse lahmt. In Zeiten von Nullzinsen haben Privatanleger Dividenden längst als die „neuen Zinsen“ für sich entdeckt. Die Ausschüttungen von Unternehmen spielen für Aktionäre eine immer größere Rolle – auch wenn die Mehrheit der Anleger nach wie vor ein ausgewogenes Verhältnis von Dividenden und Kurssteigerungen bevorzugt. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie des Deutschen Aktieninstituts (DAI), die von der Ruhr-Universität Bochum durchgeführt wurde. Grundlage der Ergebnisse ist eine Befragung von Aktionären der Deutschen Post. Die Antworten der Anleger wurden so gewichtet, dass sie dem Alter und Bildungsstand deutscher Aktionäre entsprechen. Deshalb sei die Studie durchaus repräsentativ, meint Bernhard Pellens, Lehrstuhlinhaber für Internationale Unternehmensrechnung an der Ruhr-Universität Bochum. Eine gewissen Verzerrung der Ergebnisse sei aber trotzdem nicht auszuschließen, weil Aktionäre der Deutschen Post womöglich weniger risikoaffin seien als Anleger, die in wachstumsstarke Unternehmen investieren und somit weniger Wert auf Ausschüttungen legen.

Bereits zum vierten Mal seit dem Jahr 2004 wurden Aktionäre zu ihren Strategie-Präferenzen befragt. Es zeigt sich: Dividenden waren zwar schon immer wichtig, ihre Bedeutung hat aber zugenommen. 2004 haben noch 41 Prozent der Anleger jenen Aktien den Vorzug gegeben, die keine oder nur geringe Dividenden zahlten, dafür aber steilere Kursverläufe verzeichneten. Für diese Papiere würden sich jetzt nur noch 15 Prozent der Anleger entscheiden, glaubt man der DAI-Studie. Die Mehrheit der Befragten gibt stattdessen an, Unternehmen zu bevorzugen, die ein ausgewogenes Verhältnis von Dividenden und Kurssteigerungen vorweisen. Bei institutionellen Investoren ist es ähnlich. „Wie die Studie zeigt, fassen die Menschen erst dann Vertrauen in die Aktienlage, wenn sie den ersten Schritt getan und Erfahrungen mit Aktien gesammelt haben“, sagt Christine Bortenlänger, Geschäftsführender Vorstand des Deutschen Aktieninstituts, mit Blick auf die in Deutschland verhältnismäßig große Scheu vor Aktien. Die Entwicklung sei aber positiv: „Privatanleger sind heute im Schnitt bei 13 Unternehmen investiert. Das ist eine Verdoppelung der Streuung im Vergleich zur ersten Untersuchung im Jahr 2004.“

Viele informieren sich nicht mithilfe der Geschäftsberichte über die wirtschaftliche Lages der Unternehmen und nutzen auch das Stimmrecht in der Hauptversammlung nicht. Weniger als ein Drittel der Anleger hält die Berichte für verständlich. Laut Pellens liege das auch daran, dass börsennotierte Unternehmen dazu verpflichtet sind, immer mehr Informationen zu veröffentlichen. Dabei würden sich Aktionäre in erster Linie für die Gewinn-und-Verlust-Rechnung, die Bilanz und den Lagebericht interessieren – weniger für der Kapitalflussrechnung, die nur 28 Prozent lesen. Im Gegensatz dazu, beschäftigen sich 94 Prozent der institutionellen Anleger mit dem Cashflow, der angibt, wieviel Geld nach Abzug aller Ausgaben übrig bleibt. Auch Privatanleger sollten ihren Blick auf diese ökonomische Messgröße werfen, so Pellens. „Wenn ein Unternehmens-Cashflow negativ ist, dann brennt die Hütte, dann verbrennt ein Unternehmen Geld.“ Profi-Anleger legen außerdem mehr Wert auf Kriterien wie Managementqualität und die Ertragslage, heißt es in der Studie. Im Vergleich zur letzten Erhebung ist auffällig, dass die Unternehmensführung (Coporate Governance) und die soziale Verantwortung der Firmen (Corporate Social Responsibility) bei institutionellen Anlegern an Bedeutung gewinnen.

Wie aber informieren sich Privatanleger, wenn nicht mithilfe des Geschäftsberichtes? Fast 70 Prozent nutzen Zeitungen, Magazine, Onlineportale und TV-Sendungen, um auf dem Laufenden zu bleiben. Dabei sind Zeitungen und Magazine nach wie vor die wichtigsten Quellen. Soziale Netzwerke spielen – im Gegensatz zu allgegenwärtigen Entwicklungen vieler Branchen – nur eine untergeordnete Rolle (2 Prozent). Das trifft allerdings nicht auf die junge Generation zu, die vergleichsweise wenig Anlageerfahrung, ökonomische Bildung und Aktien im Depot vorweisen kann. Viele Einsteiger schätzen die Bedeutung von Facebook & Co. als Informationsquelle für Anlagetipps als hoch oder sogar sehr hoch ein. Der klassische Bankberater kämpft hingegen mit einem Imageproblem: Immer weniger Anleger trauen ihm eine kompetente Beratung zu.

FS

12.07.2019 | 09:35

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