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Börsenjahr 2022: Nichts für schwache Nerven

(Bild: Shutterstock)



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Als Achterbahn kann es das Anlegerjahr 2021 locker mit den Attraktionen bester Freizeitparks aufnehmen. Nach langem hoffnungsfrohem Aufstieg ging es vor allem im vergangenen Vierteljahr immer wieder überraschend und zum Teil jäh abwärts. LBBW-Chefvolkswirt blickt trotz Risiken insgesamt positiv ins Neue Jahr.

Mal fehlende Chips, dann Inflation, dann Omikron: Immer, wenn die Anleger meinten, das Schlimmste sei überstanden, ging es an den Börsen wieder drunter und drüber. Und einiges deutet darauf hin, dass die wilde Fahrt erst einmal so weiter geht.

„Man braucht derzeit an den Börsen gute Nerven“, bestätigt Moritz Kraemer, Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Er erinnert allerdings daran, dass der Deutsche Aktienindex (Dax) vor einem Jahr noch bei 13.000 Punkten lag, während er sich zuletzt über 15.000 bewegte. „Insgesamt ist es also doch gut gelaufen.“ Wobei die Gewinne vor allem in der Jahreshälfte erzielt wurden, räumt er ein. Kraemer rät darum zur Gelassenheit, wenngleich er ein Ende der wilden Fahrt für die kommenden Monate noch nicht versprechen kann.

Viele Privatanleger sind angesichts die Achterbahnfahrt an den Börsen allerdings weniger gelassen als der Banker. Sie befürchten, dass ihre Renditen weiter dahinschmelzen, während gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen und steigen. Zum Sparen bleibt so immer weniger übrig und was auf der hohen Kante liegt, verliert an Wert. Im Schnitt sind die Preise 2021 um 3,2 Prozent gestiegen. Im vergangenen November waren es sogar gut fünf Prozent. Die Deutsche Bundesbank geht davon aus, dass 2022 das Leben mit einem Plus von 3,6 Prozent noch teurer wird: Dennoch zögert die Europäische Zentralbank (EZB) weiter, an der Zinsschraube zu drehen, während die amerikanische Notenbank für 2022 bereits drei Zinsschritte in Aussicht gestellt hat.

Inflation hat Höhepunkt erreicht

„Wir sehen es wie die EZB und gehen davon, dass die Teuerung ihren Höhepunkt erreicht hat“, erklärt der LBBW-Chefvolkswirt. Die Preise seien vor allem aufgrund der wieder höheren Mehrwertsteuer und der stark gestiegenen Energiekosten gestiegen. Beide Entwicklungen setzen sich 2022 nicht fort und eine preistreibende Lohnrunde sei ebenfalls nicht zu erwarten. Kraemer geht darum davon aus, dass die EZB in den kommenden zwei Jahren nicht an der Zinsschraube drehen wird. Konstanz bei EZB und Bundesbank verspricht sich Krämer von Joachim Nagel, der die Spitze der deutschen Notenbank übernehmen wird.: „Das ist der richtige Mann mit viel Expertise, sogar mehr als sein Vorgänger Weidmann bei seiner ersten Ernennung hatte.“  Sein SPD-Parteibuch sollte nicht täuschen. Nagel sei keine politische Nominierung. Er werde vielmehr den auf Stabilität ausgerichteten deutschen Kurs auch innerhalb der EZB fortsetzen, ist sich der in Frankfurt gut vernetzte Kraemer sicher.

Keine Hoffnung auf bessere Zinsen

Bleiben die Zinsen unverändert, bedeutet das aber, dass sich die Anleger auch 2022 nach anderen Möglichkeiten als Sparbuch und Festgeld umsehen müssen. Denn die Banken werden ihre Zinspolitik ebenfalls nicht ändern. Kraemer geht deshalb davon aus, dass der Run auf Immobilien unvermindert anhalten wird. Der Markt spiegele den Anlagenotstand der Investoren wider. Die Kombination von niedrigen Zinsen und hoher Inflation seien ja auch gute Voraussetzungen für den Hauskauf. „Das ist jedoch kein Freibrief für die Bewertung von Immobilien“, warnt der Experte. Will heißen: hinschauen sollte man trotz hoher Nachfrage schon, ob der Preis wirklich gerechtfertigt ist.

Wer in Unternehmen am Aktienmarkt investieren will, findet 2022 prinzipiell gute Voraussetzungen. Die Wachstumsprognosen sind so gut wie schon lange nicht mehr. Allerdings waren die Erwartungen vor einigen Wochen noch wesentlich optimistischer. Im November gingen die Volkswirte allesamt noch davon aus, dass Deutschland mit einem Plus von fünf Prozent sogar so schnell wachsen wird wie China. Inzwischen rudern die Experten mächtig zurück. Das Ifo-Institut erwartet nur noch 3,7 Prozent, während die Bundesbank ihre Prognose jetzt bei 4,2 Prozent ansetzt. Das sind allerdings immer noch Werte, die man zuletzt 2010 erreicht hat. Damals erholte sich die Wirtschaft von der Finanzkrise.


Das Jahr beginnt mit Rezession

Bei der LBBW zeigt der Schock um die neue Corona-Variante Omikron ebenfalls Wirkung. Dort hat man die Wachstumsprognose binnen weniger Wochen deutlich auf jetzt vier Prozent gekappt. „Das ist ärgerlich, aber wir müssen der aktuelle Entwicklung Rechnung tragen“, bemerkt Kraemer. Gemeint ist, dass das letzte Quartal 2021 und die ersten Monate des neuen Jahres kein Wachstum bringen, was also eine Rezession bedeutet. Entsprechend dürfte die Nervosität anhalten. Doch Kraemer erinnert daran, dass die Auftragsbücher in der Industrie randvoll sind. Somit bleibt die Aussicht auf gute Geschäfte – und gute Kurse – erhalten. Denn fehlende Teile wie Halbleiter verzögern zwar Produktion und Auslieferung. Stornierungen gibt es dennoch kaum, wie der Verband des Deutschen Maschinen- und Anlagenbaus (VDMA) bestätigt. Für Anleger sind das trotz aller Kurskapriolen für 2022 gute Aussichten.

Pleitewelle steht bevor

Dieses Bild können auch die hochgeschnellten Erzeugerpreise nicht trüben, die mit einem Plus von 19,2 Prozent so schnell gestiegen sind wie zuletzt 1951. Denn die Industrie hat keine Mühe diese Kosten mit höheren Preisen zu kompensieren.  Davon können Dienstleister hingegen nur Träumen, wie der LBBW-Chefvolkswirt beobachtet hat. Dort werden die Margen also immer kleiner. „Der Handel muss zudem jetzt schon das zweite schlechte Weihnachtsgeschäft verkraften“; stellt Kraemer fest. Auch andere Branchen wie beispielsweise Tourismus, Gastronomie oder Messebau sind angeschlagen. Der LBBW-Chefvolkswirt rechnet damit, dass es einige Unternehmen diese Zeit wirtschaftlich nicht überstehen werden: „Da kommt noch was auf uns zu.“ Die Pleiten treffen oft Mitarbeiter, die ohnehin nicht viel verdienen und deshalb keine großen Reserven haben. „Die Ungleichverteilung wird größer“, bemerkt Kraemer, der auch im Kurs der neuen Bundesregierung wenig erkennen kann, was diesen Trend umgekehrt. „Das ist eine Herausforderung, der sich die Gesellschaft stellen muss“; mahnt der Banker.

Konflikt mit China bereitet Sorge

Mit Sorge verfolgt Kraemer auch den harten Konflikt zwischen den USA und China. Inzwischen spielt Peking offen die Macht an den Häfen aus. So wurde im Herbst Magnesium knapp, das Europa zu 95 Prozent aus China bezieht. Kurz vor Weihnachten wurden Lieferungen an Continental blockiert. Das ist offenbar die Strafe dafür, dass der deutsche Zulieferer in Litauen ein Werk betreibt. Das EU-Mitgliedsland hat Taiwan den Bau einer Botschaft genehmigt, was den Machthabern in Peking gar nicht schmeckt. Die Drohung ist klar: wer in Ländern investiert, die nicht mit Peking auf Linie sind, wird abgestraft. „Es wird interessant, wie sich die neue Bundesregierung künftig positioniert“, meint Kraemer.

China nimmt Unternehmen aus dem eigenen Land ebenfalls an die kurze Leine und greift immer öfter in deren Geschäfte ein. „Investitionen in diese Werte sind daher mit hohem Risiko verbunden. Das sollte man den Profis überlassen“, erklärt Kraemer. Er sieht einen Zusammenhang zwischen der abflauenden Wirtschaft in China und dem rigoroseren Kurs der Machthaber. „Damit soll innenpolitisch abgelenkt werden“, so der LBBW-Experte, der eine Parallel zur Annektion der Krim durch Russland zieht. Er rechne zwar nicht mit einem Krieg um Taiwan, doch sicher könne man sich nie sein. Geopolitisch berge 2022 also durchaus gewisse Risiken.

Hohes Risiko bei Kryptowährungen

China stemmt sich auch vehement gegen die Entwicklung von Bitcoin oder Ethereum, denn Peking will keine Währung dulden will, über die man keine Kontrolle hat. Aber nicht nur deshalb entwickeln sich die Kurse der „Kryptos“ eher südwärts. Dabei wurde diesen Anlagen Anfang 2021 noch goldene Zeiten vorausgesagt. Darum haben Bitcoin & Co. viele Kleinanleger angelockt. Kraemer ist da allerdings skeptisch, denn es handele sich nur um einen Spekulationswert ohne konkreten Gegenwert. Daher wundert ihn auch die heftigen Kursschwankungen auch nicht. „Wer hier investiert nimmt hohe Risiken in Kauf bis hin zum Totalverlust“, warnt Kraemer. Dessen müsse sich jeder bewusst sein. Bei den Kryptowährungen gehört die Achterbahnfahrt also weiter zum festen Programm – inklusive ungewissem Ausgang.

Andreas Kempf

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31.12.2021 | 10:26

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