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Blutbad bei Chip-Aktien: Auch Infineon verliert


Gerade hat Verstandschef Reinhard Ploss mit gut zwei Milliarden Euro den höchsten Quartalsumsatz aller Zeit präsentiert. Auch der Gewinn ist deutlich gestiegen. Die Geschäfte laufen also prächtig. Trotzdem schicken Pessimisten die Aktie kurzfristig auf eine Talfahrt. Was Anleger jetzt wissen sollten

Umsatz und Gewinn seien im abgelaufenen Geschäftsjahr stark gestiegen, erklärte Reinhard Ploss, Vorstandschef von Infineon, auf der Mitarbeiterversammlung vergangene Woche. Genauer: Der Umsatz kletterte um fünf Prozent gegenüber dem Vorquartal auf 2,05 Milliarden Euro und ist damit der höchste Quartalsumsatz aller Zeiten. Und genauso gut – nämlich mit einem Umsatzplus von elf Prozent – gehe es im nächsten Jahr weiter, verspricht der Chef im Stammsitz in Neubiberg. „Das wäre dann das sechste Jahr in Folge mit einem deutlichen Umsatzwachstum“, ergänzt Ploss. Der operative Gewinn (Segmentergebnis) hat im Quartalsvergleich sogar um 12 Prozent auf 400 Millionen zugelegt und sorgt damit für eine Rendite von 19,5 Prozent. Zudem sind die Auftragsbücher prall gefüllt. Allein in Deutschland sollen deshalb rund 1000 neue Arbeitsplätze entstehen.

Am Dienstagmorgen wurden die Anteilsscheine mit 16,63 Euro gehandelt. Im Frühjahr dieses Jahres stand der Kurs noch bei 25 Euro – das Fünffache dessen, was Anleger beim Amtsantritt des Mangers 2012 zu zahlen bereit waren. Seitdem ging es eigentlich nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Nun steht Ploss vor einer neuen Situation. Denn, obwohl er hervorragende Quartals- und Jahreszahlen präsentiert, bricht der Aktienkurs schlagartig um acht Prozent ein. Selten wurde ein Dax-Konzern nach derart positiven Nachrichten so extrem abgestraft. Warum also schicken Anleger die Infineon-Aktie trotz der positiven Entwicklung auf eine Talfahrt? Drei valide Gründe:

Autoindustrie schwächelt

Der Chiphersteller aus Süddeutschland ist kein Einzelfall. Auch die Kurse der anderen Mitbewerber kommen ins Schwanken. NXP, Europas größter Chipproduzent, ist seit dem Frühjahr um ein Drittel eingebrochen. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Industrie erst dann Probleme bekommt, wenn das weltweite Wirtschaftswachstum unter zweieinhalb Prozent fällt“, sagt Präsident von NXP Kurt Sievers gegenüber dem Handelsblatt. Doch danach sieht es derzeit nicht aus. Oder doch? Zumindest wächst die Zahl derjenigen, die einen Börsencrash prophezeien. Dieser hätte auf Chiphersteller eine verheerendere Wirkung als auf anderen Branchen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Chips als Grundbestandteil in vielen Produkten eingebaut werden, beispielsweise in Handys, Computer, Autos und sogar in Waschmaschinen. Geht die Nachfrage nach all diesen Gütern zurück, fehlen die Aufträge, so einfach ist der Zusammenhang. Auch Jean-Marc Chery, Vorstandschef von Microelectronics, führt die derzeitigen Branchenprobleme auf die Angst der Anleger zurück: „In den letzten vier, fünf Monaten haben wir 40 Prozent an Wert verloren, obwohl sich an den Analystenempfehlungen überhaupt nichts geändert hat. Die Leute glauben einfach, dass etwas passiert.“ Und tatsächlich passiert derzeit etwas, denn die Wirtschaft – vor allem die Automobilbranche – schwächelt. „Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Quartal um etwa 0,3 Prozent gesunken sein“, erklärte das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) kürzlich. Vor allem die Autoindustrie sei betroffen. Grund dafür ist auch der Abgasskandal und die damit verbundenen Probleme bei der Umstellung auf das neue Abgastestverfahren WLTP, das in den Automobilkonzernen einen Produktionsrückgang bedingt. Dieser wirkt sich unmittelbar auf Zulieferer wie Infineon aus.

Krypto-Crash strahlt aus 

Vor kurzem noch standen sie hoch im Kurs: Bitcoin & Co. Doch jetzt passiert, was viele Experten schon seit Langem prophezeien. Die Krypto-Blase platzt und nimmt die Chipindustrie gleich mit auf die Talfahrt. Nvidia, einer der größten Entwickler von Grafikkarten, die zur Erzeugung von Kryptowährungen eingesetzt werden, stand zeitweise 19 Prozent im Minus, danach AMD, der US-amerikanische Chip-Entwickler, mehr als fünf Prozent. Auch Bitcoin, die wohl bekannteste unter den Kryptowährungen, lässt mehr als nur ein paar Federn. Und der Ausverkauf geht weiter. Vergangenen Dienstag ist der Kurs um bis zu zwölf Prozent auf ein 14-Monats-Tief von 3.700 Euro gefallen. Die Chipindustrie hat nun folgendes Problem: Monatelang setzte sie auf den großen Krypto-Boom. Zahlreiche digitale Produkte wurden sogar extra erfunden, um Digitalwährungen weiterzuentwickeln. Diese Strategie fliegt der gesamten Branche in diesen Tagen um die Ohren.

Große Investitionen mindern die Marge

Es scheint, als hätten die Anleger das Vertrauen in die Wachstumsstrategie des Unternehmens verloren. Dieser, von Ploss vorgegebene, Kurs ist vor allem langfristig ausgerichtet. Analysten vermuten deshalb, dass die kurzfristig orientierten Anleger nach Bekanntgabe der anstehenden Investitionen geflohen sind. Ihnen gefalle es nicht, so heißt es in Investorenkreisen, dass Ploss ausgerechnet jetzt so viel Geld in die Hand nimmt. Insgesamt 1,7 Milliarden Euro möchte der Vorstandschef nämlich in neue Maschinen, moderne Softwares und Fabriken stecken – also 20 Prozent vom prognostizierten Umsatz. Das ist mehr, als von Experten erwartet. „In unserem Kerngeschäft mit Leistungshalbleitern übersteigt der Bedarf der Kunden weiterhin unsere Liefermöglichkeiten“, verteidigt Ploss seinen Kurs. Analysten, so auch Andrew Gardiner von Barclays, befürchten, dass die Margen dann nicht mit den starken Umsätzen mithalten könnten – nicht zuletzt, weil Infineon zusätzlich die kleine Dresdner Firma Silectra für 124 Millionen kaufen wird. Dabei erzielt sie bislang praktisch keinen Umsatz. Laut Ploss werde deren Technik zur Bearbeitung von Halbleiterscheiben in fünf Jahren in die Massenfertigung übergehen. Das dauert vielen Anlegern aber eindeutig zu lange. 

Zwar konnte Infineon die Kursschwankungen Mitte dieser Woche wieder etwas abfedern, doch bleibt ein Negativtrend der letzten Monate bestehen. Die Entwicklung hin zu mehr Elektroautos, in denen die Chips verbaut werden, könnte der Branche einen erneuten Aufschwung verpassen. Das sehen Analysten ähnlich. So stehen 32 Kaufempfehlungen der Banker nur einem Verkaufshinweis entgegen. Während kurzfristig orientierte Anleger eine schwächelnde Konjunktur fürchten, die sich überproportional stark auf die Nachfrage von Chips auswirken könnte, schenken langfristig orientierte Anleger dem stabilen Wachstumskurs des Vorstandsvorsitzenden Ploss weiterhin ihr Vertrauen.

Florian Spichalsky

23.11.2018 | 15:18

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