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Der große Kater der Big Seven

(Foto: Google)



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Big Tech geht die Puste aus. Nach Jahren des kometenhaften Wachstums streichen Microsoft, Amazon & Co tausende Stellen. An der Börse machen andere das Rennen. Ist die Party vorbei? Oder ist das nur eine Schwächephase, die es in der Vergangenheit immer wieder gab.

Es ist ein Absturz, der seinesgleichen sucht. Die Aktien der großen US-Tech-Konzerne sind 2022 kräftig unter die Räder gekommen und haben so maßgeblich dazu beigetragen, dass an der Börse aus einem Bullen- ein Bärenmarkt wurde. Einer Auswertung des Kapitalmarktanalysten Pascal Kielkopf nach, der für HQ Trust, eines der größten unabhängigen Multi Family Offices in Deutschland, arbeitet, haben die sieben bedeutendsten Technologieaktien des letzten Jahrzehnts ausgehend von ihren Rekordhochs bis zum 15. November dieses Jahres 4.339 Milliarden US-Dollar an Börsenwert verloren.

Das ist eine absurd hohe Zahl, deren tatsächliche Höhe noch dramatischer erscheint, wenn man sie, wie Kielkopf, in Relation setzt. Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Netflix und Tesla hätten damit mehr Börsenwert verloren, als alle Unternehmen des MSCI Japan und Deutschland zusammen wert sind, vergleicht der Experte. Die 298 in den MSCI-Indizes aus Japan und Deutschland enthaltenen Aktien erreichen aktuell eine Marktkapitalisierung von 4.275 Milliarden US-Dollar. „Absolut am höchsten war der Rückgang des Börsenwerts von Amazon mit 854 Milliarden Dollar“, konstatiert Kielkopf. „Das ist 6,5-mal so viel wie der aktuelle Börsenwert von SAP.“ Zähle man den Rückgang in der Marktkapitalisierung von Amazon und Microsoft zusammen, überwiege allein dieser bereits den gesamten Wert der DAX-40-Unternehmen, so der Analyst. „Auch prozentual haben die Techkonzerne stark verloren“, schreibt Kielkopf. Im Schnitt kämen sie auf ein Minus von 37 Prozent.

Nicht nur bei Anlegern herrscht wegen dieser Performance Katerstimmung. Auch die Konzerne selbst reagieren auf die Wertverluste, die zusammengenommen übrigens auch das deutsche Bruttoinlandsprodukt übersteigen, und entlassen zehntausende Mitarbeiter. Ist das der Anfang vom Ende einer noch vor kurzem endlos scheinenden Erfolgsstory? Oder doch nur eine Durststrecke?  Haben sich die großen Silicon-Valley Stars selbst überschätzt und nun früher als gedacht ihren Wachstumszenit überschritten? Oder handelt es sich allein um eine längst überfällige Konsolidierung? Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass Big Tech in kurzer Zeit hohe Kursverluste verkraften muss. In den vergangenen Jahren hat es immer wieder Einbrüche gegeben, die rückblickend gute Einstiegsgelegenheiten gewesen wären. Was also tun? Kaufen? Verkaufen? Halten?

Bei Alphabet brechen die Werbeeinnahmen ein, bei Meta steht das gesamte Geschäftsmodell infrage

Zunächst gilt: Die Big Seven stehen jeder für sich vor speziellen Problemen und Herausforderungen. So macht Alphabet nach wie vor den Großteil seiner Umsätze und Gewinne über Werbeanzeigen auf Google und Youtube und bleibt damit abhängig von einer starken Konjunktur, ohne die Unternehmen weniger Anzeigen schalten oder für diese nicht mehr so viel Geld zahlen wollen. Wenn Unternehmen die Kosten senken müssen, sparen sie am ehesten beim Marketing. Das bekommt Alphabet nun wie schon zu Beginn der Coronapandemie zu spüren. Im abgelaufenen Quartal stieg der Konzernumsatz zwar noch leicht, um sechs Prozent auf 69 Milliarden US-Dollar, der Gewinn aber sank von 18,9 auf 13,9 Milliarden Dollar, die Werbeerlöse blieben unter den Erwartungen und sanken auf Youtube sogar von 7,2 auf sieben Milliarden Dollar. Die Aussichten bleiben bescheiden. Die Rezessionsgefahr ist in Europa und den USA noch nicht gebannt, womit ein weiterer Rückgang der Werbeerlöse droht.

Der Facebook-Mutterkonzern Meta kämpft mit dem gleichen Problem. Vor allem aber beginnt Facebook selbst zu schrumpfen und auch die Foto-App Instagram gerät bei jüngeren Zielgruppen durch die Videoplattform TikTok zunehmend in Bedrängnis. Noch dazu investiert Mark Zuckerberg Milliarden in das Metaverse, kann aber kaum Erfolge vorzeigen. Bei Meta steht damit auf einmal das gesamte Geschäftsmodell infrage.

Bei Microsoft und Amazon schwächelt das so wichtige Cloud-Wachstum

Ganz anders bei Microsoft. Der Softwarekonzern um CEO Satya Nadella konnte die Erwartungen für das abgelaufenen dritte Quartal sogar leicht übertreffen und bleibt in vielen aussichtsreichen Sektoren gut am Markt positioniert. Allerding schwächelt ausgerechnet der größte Wachstumstreiber des Konzerns aus Redmond. Das Cloud-Geschäft insgesamt wuchs nur noch um 24 Prozent, die wichtige Azure-Plattform kam nur noch auf 35 Prozent plus, nach 40 Prozent plus im Vorquartal. Heißt: Das Wachstum verlangsamt sich dort, wo Anleger bislang das meiste Wachstumspotenzial gesehen haben.

Das trifft auch auf Amazon zu. Der Online-Shopping-Gigant machte in den vergangenen Jahren einen Großteil seiner Gewinne mit der Cloud-Sparte AWS. Doch deren Wachstum verlangsamt sich ebenfalls. Hinzu kommt: Amazon hat in der Pandemie ob der großen Nachfrage viele neue Stellen geschaffen und zehntausende neue Mitarbeiter eingestellt. Nun, da die Kauflaune der Konsumenten zu sinken droht, werden diese nicht mehr gebraucht, müssen aber, auch wenn Amazon bereits Stellenkürzungen angekündigt hat, noch bezahlt werden.

Netflix fehlt der Burggraben, Tesla die Teile und Apple laufende Bänder in China  

Netflix kam an der Börse derweil unter die Räder, weil wie bei Facebook das Nutzerwachstum zuletzt schwächelte oder sogar ins Minus rutschte. Netflix kämpft allerdings auch mit einem größer werdenden Wettbewerb in der Streaming-Branche. Anleger fürchten, dass beim Streamen von Filmen und Serien der sogenannte Burggraben nicht besonders hoch ist. Wie schnell Disney zum großen Konkurrenten wurde, zeigt, dass an dieser Befürchtung etwas dran ist. Darüber hinaus fehlt es Netflix an alternativen Geschäftsmodellen. Der propagierte Einstieg in den Gaming-Sektor läuft schleppend.

Bei Tesla waren die jüngsten Zahlen stark, der Gewinn stieg im dritten Quartal unter dem Strich um mehr als das Doppelte auf 3,3 Milliarden Dollar, der Umsatz um 56 Prozent auf 21,5 Milliarden Dollar. Doch auch das reichte nicht, um Anleger zu überzeugen, die mit noch mehr Wachstum gerechnet hatten. Auf dem Tesla-Kurs lasten inzwischen immer mehr die Probleme, die etablierte Autobauer schon länger beschäftigen. Es fehlen Teile, die Produktion geht nicht wie geplant voran, die politische Unsicherheit in China, für jeden großen Autobauer ein wichtiger Markt, verschreckt die Investoren.

Auch Apple leidet unter dem Handelskonflikt zwischen China und den USA. Hinzu kommen die ständigen Corona-Lockdowns in chinesischen Zuliefererfabriken, die die Produktion schmälern. Aber: Apple schneidet im Vergleich noch am besten ab. Sowohl, was die Zahlen angeht, wie auch mit Blick auf den Aktienkurs.

Die Kurse fallen vor allem aus zwei Gründen

Die Big Seven haben also alle ihre eigenen Baustellen. Dennoch erstaunt, dass all diese Baustellen mehr oder weniger gleichzeitig auftreten und vor allem, dass sie so sehr auf die Aktienkurse drücken. Das hat zwei entscheidende Gründe. Zum einen sind da natürlich die Inflation und die damit einhergehend steigenden Zinsen. So weit, so nichts Neues. Auch für die großen Tech-Konzerne erschweren sich die Finanzierungsbedingungen, zukünftige Gewinne werden in den Augen von Investoren weniger wert und die Inflation verteuert auch für Tech-Konzerne die Produktion oder den Geschäftsbetrieb, beispielsweise durch steigende Löhne. Trotz einer starken Marktstellung können sie diese Kosten nicht alle an ihre Kunden weitergeben. Am ehesten kann das vielleicht noch Apple, dessen hochpreisige Produkte die Kalifornier fast schon als Luxusgüterkonzern durchgehen lassen.

Aus Big Growth wird Big Value

Neben den steigenden Zinsen gibt es aber noch einen anderen Punkt, der weit weniger offensichtlich, aber durchaus naheliegend ist. Big Tech ist auf dem Weg von Big Growth zu Big Value. Die ganz großen Wachstumsraten werden Microsoft, Amazon und Co in Zukunft wohl kaum noch erreichen, weil sie schlicht ein Niveau erreicht haben, auf dem sich Umsätze nicht mehr so schnell verdoppeln lassen, wie noch vor zehn Jahren. Die Corona-Pandemie hat den Geschäftsmodellen von Big Tech noch einmal einen außerordentlichen Schub gegeben, ohne diesen hätten sich die Wachstumsraten womöglich schon früher verlangsamt. Wer das ähnlich sieht, für den waren die Bewertungen der Big Seven zuletzt zu hoch.

Nach den jüngsten Abverkäufen ist das aber nicht mehr zwingend der Fall, wenngleich die KGVs auch noch nicht niedrig stehen. Das von Microsoft liegt beispielsweise bei 25,6. Das bleibt hoch, ist aber nicht mehr astronomisch hoch. Bei Alphabet und Apple sieht es ähnlich aus. Damit bieten die Big Seven zweifellos auch Einstiegschancen an. Schließlich besitzen zumindest Apple, Microsoft, Alphabet und Amazon Geschäftsmodelle und Marktpositionierungen, die die Konzerne wohl über Jahre hinaus prächtig verdienen lassen werden. Vielleicht gibt es irgendwann auch höhere Dividenden, oder im Falle von Alphabet und Amazon überhaupt mal eine Ausschüttung. Kurzum: Wer sich von der Erwartung explosiv steigender Kurse löst, für den bleibt Big Tech ein Investment.

OG

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07.12.2022 | 18:07

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