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RWE: Der Gewinner des Jahres?

Strategiewechsel: Schon bald möchte RWE Europas größter Produzent von grünem Strom sein und kräftig am Kohleausstieg verdienen.


Der Energieriese RWE hat seinen Gewinn im ersten Halbjahr deutlich gesteigert – mit Braunkohle und Atomenergie. Schon bald aber könnte der Dax-Konzern zu einem der größten Produzenten von grünem Strom in Europa aufsteigen und ordentlich am Kohleausstieg verdienen. Die Aktie stieg auf den höchsten Stand seit Frühjahr 2015. Wohin geht die Reise?

CEO Martin Schmitz kann zufrieden sein, denn bei RWE laufen die Geschäfte wieder richtig gut. Das allein ist schon eine Nachricht wert, schließlich waren es Eon und eben RWE, die beiden großen Versorger der Bundesrepublik, denen mit einem überstürzten Atom- und den Bemühungen um einen längerfristigen Kohleausstieg quasi von jetzt auf gleich die Geschäftsgrundlage entzogen worden war, die plötzlich politisch dazu gezwungen waren ihre Unternehmen auf den Kopf zu stellen und schnellstmöglich die Energiewende herbeizuführen. Oder sich andere Felder zu suchen, in denen noch Geld zu verdienen war. Das freilich zwang die Aktienkurse beider Konzerne in die Knie. Oder besser gesagt: Gab diesen kaum eine Chance, sich nach den Kursstürzen im Rahmen der Finanzkrise 2008 wieder zu erholen. RWE und Eon blieben über Jahre hinweg die großen DAX-Sorgenkinder. 2007 noch fast 100 Euro wert, kostete ein RWE-Anteilsschein im September 2015 gerade einmal noch etwas über neun Euro.

Wer damals allerdings den Mut hatte einzusteigen, der hätte seinen Einsatz nun, 2019, fast verdreifacht. Seit Ende 2015 geht es nämlich aufwärts für den Kurs der RWE-Aktie. Und das kontinuierlich. Ende August erreichte er mit knapp 26 Euro den höchsten Stand seit April 2015. Allein 2019 summiert sich das Kursplus auf fast 30 Prozent. Damit schlägt die RWE-Aktie einen gut laufenden Dax deutlich. Und bereits 2017 und 2018 gehörte das Papier zu den besten Performern in Deutschlands Leitindex. Entscheidend dafür war zunächst ein teurer Vergleich mit der Bundesregierung, wodurch sich die Essener – genauso wie Eon – aber weiteren und wohl insgesamt deutlich teureren Risiken im Zuge des Atomausstiegs entledigten. Das gab zunächst den Aktien beider Konzerne Rückenwind. Doch während das Eon-Papier seither in einer Seitwärtsbewegung feststeckt, klettert der Kurs der RWE-Aktie von einem Hoch zum nächsten. Das erwartet KGV für 2019 liegt mit einem Wert von 22,9 so inzwischen auch vergleichsweise hoch. Doch unter Analysten scheint man die Versorger-Aktie immer mehr für sich zu entdecken. Bei Goldman-Sachs stehen die RWE-Titel auf der „Conviction-Buy-List“, die britische Investmentbank Barclays sieht jene als „Top-Pick“ unter den europäischen Versorgern.

Im Vergleich zum Vorjahrjahreszeitraum stieg der Gewinn in den ersten sechs Monaten um über 30 Prozent auf 914 Millionen Euro, das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) schoss um 20 Prozent auf 1,37 Milliarden Euro in die Höhe. Im positiven Sinne Schuld daran hat der Energiehandel, der deutlich besser läuft als erwartet. Schmitz spricht von einem „außergewöhnlich hohen Ergebnis“, bekräftigt angesichts der guten Zahlen sowohl sein Dividendenversprechen als auch seinen Ausblick für das laufende Jahr. Der Eon-Konkurrent erwartet demnach einen Gewinn von bis zu 800 Millionen Euro – 200 mehr als ursprünglich prognostiziert. Schmitz sprach deshalb von einem „außergewöhnlich hohen Ergebnis.
Mit starken Zahlen im Rücken könne RWE die Herausforderungen der bevorstehenden Neuaufstellung mit Rückenwind angehen, schrieben die Experten der Schweizer Bank UBS. Ihr Kursziel für die Aktie hoben sie von 24,50 auf 27,50 Euro an. Goldman Sachs-Analyst Alberto Gandolfi belässt sein Kursziel bei 32 Euro. Der Versorger habe für das erste Halbjahr starke Zahlen vorgelegt, schrieb der Analyst in seiner Studie. Man sollte aber nicht von diesem Jahr auf die Entwicklung im kommenden Jahr schließen, da die Handelsaktivitäten sehr volatil seien. Der NordLB-Experte Holger Fechner hat die Einstufung für RWE nach Zahlen auf „Buy“ mit einem Kursziel von 31,50 Euro belassen. Fechner erwarte weitere positive Impulse für das Unternehmen.

Aus braun wird grün?

Tatsächlich ist einer dieser positiven Impulse auf den größten Umbruch der Unternehmensgeschichte zurückzuführen. Der Energiekonzern werde bald eine „neue RWE“ sein, betont Schmitz, „international und mit einem klaren Focus auf Erneuerbare Energien und Speicher“. Der Energieriese will in Kürze das Netz- und Vertriebsgeschäft seiner bisherigen Tochter Innogy an den Konkurrenten Eon abgeben und im Gegenzug alle erneuerbaren Energien von Eon und Innogy bekommen. Dadurch würden die Essener zu einem der größten Produzenten von grünem Strom in Europa aufsteigen und sich damit fit für die Zukunft machen – auch wenn niemand so recht weiß, wie diese aussieht. Und genau deshalb findet diese Neuausrichtung nicht nur Befürworter. Dabei ist es sehr wahrscheinlich, dass sich der Braunkohleausstieg für RWE auch finanziell richtig lohnen wird. Experten gehen davon aus, dass der Braunkohleverstromer stark von den Kompensationszahlungen des Bundes profitieren werde. Zurzeit verhandelt das Unternehmen mit dem Bund über die Entschädigungen. Anleger warten daher auf die Ergebnisse des Klimakabinetts am 20. September. In drei Wochen soll also das Kohleausstiegsgesetz veröffentlicht werden. Noch ist nicht klar, wie stark RWE vom Kohleausstieg profitieren wird, doch setzt sich der Wandel hin zur alternativen Energieerzeugung in Zukunft noch zügiger fort – und danach sieht es derzeit aus – lässt sich mit der einstigen Bürde sehr viel Geld verdienen. Der Deal mit Konkurrenten Eon und der Tochter Innogy würde als kluger Schachzug in die Unternehmensgeschichte eingehen. Zudem dient das grüne Saubermann-Image als zukunftsfähige Story für Anleger und Aktionäre. Die wissen so ein wenig mehr, auf welche Reise sie sich einlassen. Und diese könnte noch eine ganze Weile andauern.

BAS

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30.08.2019 | 09:57

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