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Der Umsatz von Online-Apotheken explodiert

Online-Apotheken boomen in Zeiten von Corona. 2022 soll dazu das E-Rezept in Deutschland eingeführt werden. (Foto: Nestor Rizhniak / Shutterstock)


Von wegen Amazon – Nirgendwo stiegen die Erlöse im Internethandel zuletzt so stark wie bei den Apotheken. Aber nicht nur deshalb gehen die Aktienkurse der Platzhirsche durch die Decke.

Immer wieder wurde über sie geredet, über ihr Wirken diskutiert, und zuletzt hatte sie ja auch immer schneller damit begonnen, unsere Verhaltens- und Denkweisen, unsere Gesellschaft und Wirtschaft nachhaltig zu verändern. Wer allerdings wollte, der konnte ihr vor kurzem noch ganz gut ausweichen, der Digitalisierung. Die analogen Angebote, die altbekannten Strukturen, sie waren ja noch da. Sich langsam umgewöhnen, ging ganz gut.

Nun hat sich das geändert. Auf einen Schlag. Auch wenn es absehbar war, stürzt die Welt gerade – mal mehr, mal weniger vorbereitet – ins digitale Zeitalter. Die Corona-Pandemie und die mit ihr einhergehenden Kontaktbeschränkungen revolutionieren in Wochen, was sonst womöglich noch Jahre gedauert hätte. Wer sich nicht treffen kann, muss zum Austausch Kommunikationsplattformen nutzen. Wer nichts ins Kino kann, der streamt. Und wem die Geschäfte nicht öffnen, der sieht sich gezwungen über das Internet zu bestellen. Kaum eine Branche bleibt außen vor und so gab es in einer Krise neben vielen Verlierern wohl selten gleichzeitig so viele Gewinner.

Online-Apotheken steigern Umsatz im März um fast 90 Prozent

Und wo da bei letzteren gleich jeder an Amazon und Co denkt, gibt es einen – nach wie vor kleinen – Markt, der in Sachen Umsatzwachstum im Internethandel gerade alles in den Schatten stellt: Die Online-Apotheken. Im ersten Quartal wuchs deren Umsatz um 25 Prozent auf 200 Millionen Euro – was gut ist, aber noch lange keine Explosion. Die gab es im März. Allein diesen Monat betrachtet stiegen die Erlöse nämlich um fast 90 Prozent. Auf ein solches Umsatzplus kam im Online-Handel in diesem Zeitraum sonst keine Branche. Dass es im April ähnlich steil bergan ging, und im Mai geht, ist zu erwarten.

Die Nachfrage nach Desinfektionsmittel, Gesichtsmasken und vielen weiteren Hygieneartikeln ist im Zuge der Corona-Pandemie in die Höhe geschnellt. Und nicht nur, dass es vor Ort zunächst zu Lieferengpässen kam, den Weg in die Apotheke nebenan sparte sich der möglichen Ansteckungsgefahr wegen so mancher. Die Artikel, darunter auch die rezeptfreien Arzneimittel, lassen sich inzwischen ja ebenso bequem über das Internet bestellen.

Und davon profitieren in Europa zuvorderst zwei Unternehmen. Shop-Apotheke aus den Niederlanden und der Zur Rose-Konzern aus der Schweiz, zu dem unter anderem die dank groß angelegter Werbekampagnen inzwischen recht bekannte und ebenfalls in den Niederlanden beheimatete DocMorris-Versand-Apotheke gehört. Stefan Feltens, Chef von Shop-Apotheke sagte jüngst der Euro am Sonntag: „Wir eilen derzeit von Auftragsrekord zu Auftragsrekord und operieren nahe unserer Kapazitätsgrenze.“    

Aktienkurse von Shop-Apotheke und Zur Rose steigen um 87 und 45 Prozent

Solche Erfolgsgeschichten bleiben an der Börse nicht lange unentdeckt, schon gar nicht in Krisenzeiten. Anleger und Analysten feiern die genannten Marktführer deshalb schon seit Wochen. Die Shop-Apotheke-Aktie steht seit Jahresbeginn mit 87 Prozent im Plus. Die Zur Rose-Papiere notieren mit 160 Schweizer Franken um 45 Prozent höher. Ungeachtet dessen bleibt die Aktie der Schweizer für Berenberg-Analyst Gerhard Orgonas weiter ein „Top-Pick“ in der DACH-Region. Sein Kursziel setzt er bei 200 Franken. Volker Bosse von der Baader Bank erwartet mit 165 Franken zwar zunächst keine ganz großen Kurssprünge mehr, sah das Wachstum im ersten Quartal aber über der für das Gesamtjahr angepeilten Dynamik und rät so weiter zum Kauf. Auch bei den Anteilsscheinen von Konkurrent Shop-Apotheke sind sich die Experten einig darüber, dass es noch weiter nach oben geht. Die Citigroup hat ihr Kursziel jüngst auf 95 Euro angehoben. Derzeit kostet die Aktie rund 82 Euro.

Dieser Optimismus rührt freilich nicht nur aus den starken Umsatzzuwächsen infolge der Pandemie. Es schwingen auch gewaltige Erwartungen an die Einführung elektronischer Rezepte mit, zu der es in Deutschland 2022 kommen soll, wie vor kurzem bekannt wurde. Das würde der Branche nochmals mächtig Auftrieb geben und ihr womöglich zum endgültigen Durchbruch verhelfen. Dass sich jetzt unverhofft schon viel größere Kundengruppen erschließen lassen, als angenommen, hilft natürlich bei der Expansion. Diese allerdings geht ins Geld. Noch machen die beiden Marktführer Verlust. Und um der Bestellungen Herr zu werden, mussten sich beide nun zusätzlich frisches Geld besorgen. Doch für Anleger scheint die Tatsache, dass Kunden Online-Apotheken immer mehr Vertrauen entgegenbringen auch auch ihren Medikamentenkauf zunehmend ins Netz verlagern, viel wichtiger. Schließlich stiegen die Umsätze ja auch schon vor Ausbruch des Coronavirus, wenn auch  langsamer.

Shop-Apotheke wuchs zuletzt doppelt so schnell wie DocMorris


Zur Rose steigerte den Umsatz 2019 insgesamt um 30 Prozent auf umgerechnet 1,46 Milliarden Euro. Nur Deutschland betrachtet, lag das Plus sogar bei 45 Prozent.  Einem großen Teil dieses Anstiegs lag allerdings die Übernahme von Medpex, einer weiteren Online-Apotheke, zugrunde. DocMorris, der größte Umsatzbringer, wuchs „nur“ um 13,6 Prozent. Shop-Apotheke konnte die Erlöse von 540 auf 701 Millionen Euro steigern, ein Plus von ebenfalls fast 30 Prozent. Allerdings ließen sich 28 Prozent davon auf organisches Wachstums zurückführen, wie die Niederländer mitteilten. Damit wuchs Shop-Apotheke im vergangenen Jahr doppelt so schnell wie DocMorris, aktuell noch Marktführer in Europa.

Welche Aktie nun das bessere Investment ist, lässt sich deshalb jedoch nicht vorhersagen. Zur Rose hat möglicherweise Größenvorteile und mit DocMorris die noch stärkste Marke. Shop-Apotheke dagegen wächst schneller, ist dafür aber auch abhängig vom gleichnamigen Online-Shop. An der Börse kommen beide auf eine ähnlich hohe Marktkapitalisierung. Die Zur Rose Group ist mit 1,2 Milliarden Euro etwas mehr wert als die Niederländer (1,1 Milliarden Euro).

Die Börsenwerte zeigen, wie viel Potenzial da noch nach oben ist. Noch führen die Online-Apotheken eben ein Nischen-Dasein. Oder sollte man besser sagen, führten? Die Corona-Pandemie hat sie schließlich in den Fokus gerückt. So spricht auch wenig gegen weiter stark ansteigende Wachstumsraten.

Blasse Konkurrenz

Entscheidend dürfte sein, wie die herkömmlichen Apotheken reagieren. Doch bis es da flächendeckend konkurrenzfähige Versandlösungen gibt, könnte es dauern. DocMorris und Co könnten dann längst wichtige Marktanteile abgegraben haben. Als größter Konkurrent könnte so zunächst Amazon bleiben. Denn auch über die Plattform des Online-Giganten lassen sich schon längst Medikamente bestellen. Zwar über externe Händler, wie eben diverse Online-Apotheken. Doch hier könnten auch viele kleinere Anbieter auf Dauer mitmischen. Und dem Kunden dürfte es schlussendlich egal sein, über welchen Händler er sein Medikament bezieht. Hauptsache sicher, schnell und unkompliziert. Hier dürfte es für die beiden Marktführer also vor allem darum gehen, sich geschickt zu positionieren und Kunden direkt auf ihre Websites zu locken. Das geht über Preispolitik, oder über groß angelegte Marketing-Kampagnen. Die Pandemie kommt da womöglich gerade Recht.

OG

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12.05.2020 | 16:24

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