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Bonds boomen

Allein im ersten Halbjahr kaufte die EZB Unternehmensanleihen für rund 50 Milliarden Euro. (Foto: telesniuk / shutterstock)



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Vor dem Hintergrund der Coronakrise purzeln am Euro-Markt für Unternehmensanleihen die Rekorde. Noch nie haben Firmen über diesen Weg so viel Geld aufgenommen. Droht ein Crash?

Europas Konzerne und Unternehmen lechzen nach Cash. In den ersten sechs Monaten des Jahres kletterte das Neuemissionsvolumen am Euro-Anleihemarkt für Unternehmen auf neue Höchststände. Bei fünf Monaten mit Rekordzahlen, kam insgesamt eine Summe in Höhe von 329 Milliarden Euro zusammen, wie die Landesbank-Baden-Württemberg (LBBW) in einer Studie festhält. Das ist über 50 Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2019 und dem ganzen Jahr 2018 – die Finanzbranche nicht mit berücksichtigt. Im zweiten Halbjahr, so schätzt die Bank, könnte der Trend zwar abebben, grundsätzlich aber dürfte er sich fortsetzen. Im Gesamtjahr sind wohl Neuemissionen im Wert von 500 Milliarden Euro denkbar.

Die Nachfrage unter Investoren ist weiter groß. Fonds mit Unternehmensanleihen guter Bonität  bleiben beliebt. Obwohl inzwischen 60 Prozent der europäischen Unternehmen nur noch das dreifache B von den Ratingagenturen bekommen. Das steht zwar immer noch für eine gute Bonität, ist diesbezüglich jedoch die schlecht möglichste Wertung. Hinzu kommt ein im Vergleich mit der Finanzkrise 2008 merklich höherer Anteil an Unternehmen, die innerhalb eines Jahres noch mit einer weiteren Abstufung rechnen müssen.

Notenbanken halten den Markt stabil

Wird also aus der Suche nach Cash schon bald der große Crash? Bei der LBBW hält man das für ein eher unwahrscheinliches Szenario und spricht von einem „theoretischen Risiko“. Grund dafür ist die großangelegte Kauflust der Europäischen Zentralbank (EZB). Sobald es schließlich zu größeren Marktverwerfungen käme, stünden die Notenbanker wohl bereit und würden ihr Ankaufprogramm ausweiten. Und da die Währungshüter ja bereits in großem Stil dabei sind, Unternehmensanleihen zu horten, kommt es wohl auch erst gar nicht zu solchen Verwerfungen. Schließlich bleibt für private Investoren dann weniger übrig, was sich entsprechend leichter auffangen lässt – die Finanzierungskosten bleiben niedrig. Alles in allem dürfte die EZB 2020 Unternehmensanleihen für rund 100 Milliarden Euro kaufen, schätzt die Commerzbank.

Aufgrund der Unterstützung von Seiten der Notenbanken gehörten Unternehmensanleihen momentan zu den interessantesten Segmenten im Rentenmarkt, urteilt Fondsmanager Ernst Konrad von Eyb & Wallwitz. Das liegt auch daran, da sie im Vergleich zu Staatsanleihen wesentlich stärker mit den Geschehnissen am Aktienmarkt korrelieren. Das birgt freilich Risiken, im Zuge des Corona-Crashs im März fielen auch die Anleihekurse. Sollten sich Konjunktur und Unternehmensgewinne jedoch zügig erholen, partizipieren Anleger entsprechend.

Dass es am Markt für Unternehmensanleihen im zweiten Halbjahr laut Experten nun etwas ruhiger zugehen soll, was die Neuemissionen angeht, lässt den Schluss zu, dass der Liquiditätsdruck europäischer Unternehmen ein wenig nachlässt. Das wiederum legt eine wirtschaftliche Erholung nahe, dürfte Investoren beruhigen und einen Crash noch unwahrscheinlicher machen.   

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03.08.2020 | 17:18

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