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Mega-Potenzial: Wird Chinas Aktienmarkt unterschätzt?

Chinesische Aktien dürften in Zukunft deutlich an Einfluss hinzugewinnen. (Foto: bluedog studio / shutterstock)


Innerhalb der nächsten 15 Jahre dürfte China die USA als absolut größte Volkswirtschaft der Welt überholen. Gemessen daran ist der Anteil der Volksrepublik an den globalen Aktienindizes noch immer extrem niedrig. Das könnte sich jedoch ändern. Anlegern bietet das schon heute vielfältige Chancen.

Eine Analyse von J.P. Morgan Asset Management

Chinas Anteil an den globalen Aktienmarktindizes liegt immer noch weit hinter der Größe und wirtschaftlichen Bedeutung des Landes zurück. Dabei dürfte das Reich der Mitte die USA in den nächsten 15 Jahren als absolut größte Volkswirtschaft der Welt überholen. Als Heimat einiger der weltweit größten Aktien- und Rentenmärkte bieten Investments in China bei Beachtung einiger spezifischer Risiken eine Vielzahl von Chancen. So ist zu erwarten, dass China in den nächsten 10 bis 15 Jahren im Vergleich zu anderen Märkten weiterhin ein überdurchschnittliches nominales Wirtschaftswachstum erzielen wird, woraus sich eine Rendite von 8,1 % in lokaler Währung für chinesische A-Aktien ableiten lässt. Dennoch sind diese chinesischen Inlands-Aktien im Durchschnitt nur zu 7 % in einem breiten Schwellenländerindex und weniger als 1 % in einem globalen Aktienindex vertreten.

Entsprechen diese Benchmark-Gewichtungen den Bedürfnissen der Anleger oder ist ihre Allokation untergewichtet? Auch wenn es auf diese Frage keine einheitliche Antwort gibt, denn Renditeziele und Risikoparameter sind für jeden Anleger anders, sind wir überzeugt, dass ein grundlegendes Modell für die Prüfung einer langfristigen Aktienallokation in China hilfreich sein kann. Wir stellen im Folgenden auf Basis unseres langfristigen Kapitalmarktausblicks ein solches Modell vor.

Es lässt sich mit unterschiedlichen Allokationen in chinesischen Onshore-Aktien feststellen, dass durch das Hinzufügen von A-Aktien im Austausch zu einer ACWI-Positionierung die Portfoliorendite gesteigert wird, ohne das Risiko zu erhöhen. Dies liegt daran, dass der prognostizierte Diversifizierungsvorteil den Volatilitätsnachteil ausgleicht, insbesondere für in US-Dollar investierende Anleger.

Im Laufe des nächsten Jahrzehnts ist zu erwarten, dass China einen deutlich größeren Anteil im MSCI Emerging Markets Index und im ACWI ausmachen wird - der inländische A-Aktienmarkt dürfte für ausländische Investoren zu einer Kern-Allokation werden.

Es mag unpassend erscheinen, über eine Allokation an den chinesischen Aktienmärkten nachzudenken, wenn China immer wieder in den Schlagzeilen ist: sei es mit dem Holding Foreign Companies Accountable Act, dem Uyghur Human Rights Policy Act, der Aufhebung des Sonderstatus von Hongkong oder der Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China, um nur einige zu nennen. Wir sind uns einer möglichen Verschiebung der geopolitischen Landschaft in Richtung Deglobalisierung bewusst, falls die USA und China zunehmend ihre eigenen Wege gehen. Es bleibt jedoch festzuhalten, dass sich China in einem frühen Stadium einer finanziellen Entwicklung befindet, die geduldigen Anlegern in den nächsten 10 bis 15 Jahren bedeutende Chancen ermöglichen kann. Und es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass sich gerade in Zeiten der Unsicherheit Chancen für diejenigen bieten, die hinter die Schlagzeilen schauen und sich auf das Wachstum des Gewinns je Aktie (EPS) konzentrieren, was letztendlich ausschlaggebend für höhere Anlageerträge ist.

Steigende Einkommen verbunden mit verbraucher- und technologiegetriebenen Chancen

China steht nach zwei Jahrzehnten, in denen sich das Pro-Kopf- BIP verzehnfachte, kurz vor dem Erreichen des so genannten „mittleren Einkommensstatus“. Obwohl sich das Wachstum gegenüber dem früheren zweistelligen Tempo verlangsamt hat, prognostiziert unser Langfristausblick LTCMA 2020 für die nächsten 10 bis 15 Jahre ein Wachstum von 4,4 % pro Jahr (oder sogar noch höher, sollte eine Strukturreform staatseigener Unternehmen durchgeführt werden). Darüber hinaus erwarten wir einen breiten Erfolg Chinas bei der Weiterentwicklung der Wertschöpfungskette mit stärkerem Wachstum bei Dienstleistungen, Konsum und Technologie. Diese Dynamik dürfte dazu führen, dass China innerhalb des Prognosehorizonts zu einer Wirtschaft mit hohem Einkommen übergeht - auch wenn sich das Wirtschaftswachstum gegenüber den historischen Niveaus verlangsamt.

Wir sind optimistisch, dass China, analog zu Südkorea und Taiwan, die „Falle des mittleren Einkommens“ vermeiden kann, auch wenn ein Erfolg nicht garantiert ist. In unserem Basis- Szenario steigen die Einkommen in dieser riesigen Volkswirtschaft, was zu einer stärkeren Konsumorientierung führt und attraktive Aktienchancen nach sich zieht. Diese sind inzwischen über das Stock Connect Abkommen für Investoren leichter zugänglich, was Ausländern bessere Möglichkeiten gibt, in China zu investieren - auch wenn nicht mit gleicher Offenheit, wie etwa an der Börse in Hongkong.

Sicherlich bestehen weiterhin Herausforderungen in Verbindung mit China – vor allem kurzfristig, da die Pandemie alle Volkswirtschaften trifft. Zusätzlich zu den genannten Risiken ist die schrumpfende Bevölkerung des Landes im erwerbsfähigen Alter eine demografische Herausforderung, die jedoch durch die fortschreitende Verstädterung ausgeglichen werden dürfte. Die massive Schuldenanhäufung ist ein weiteres Risiko für das Produktivitätswachstum, was die Behörden jedoch erkannt haben. Dass nach wie vor viele große staatseigene Unternehmen die Vorherrschaft haben, könnte Chinas Aufstieg zu einem Land mit hohem Einkommensstatus zudem behindern, obwohl Reformen geplant sind.

Ein riesiger, liquider Markt mit besserem Renditepotenzial und Diversifizierungsvorteilen

Laut MSCI macht Chinas A-Aktienmarkt derzeit etwa 7 % der gesamten Marktkapitalisierung von Schwellenländeraktien aus. Dieser Anteil sollte in naher Zukunft weiter zunehmen, wenn die Bemühungen des Landes, sich für internationale Investoren zu öffnen, zunehmen. Mit über 3.500 börsennotierten Aktien ist der Markt groß, tief und sehr liquide: In den Jahren 2018 und 2019 wiesen Chinas Binnenmärkte, darunter Shanghai und Shenzhen, eine höhere Liquidität auf als sämtliche US-Aktienmärkte zusammen. Das durchschnittliche tägliche Handelsvolumen einer Onshore-Aktie beträgt ungefähr 13 Millionen USD gegenüber 8,5 Millionen USD im übrigen Schwellenländer-Universum.
Indexanbieter erkennen diese Merkmale allmählich, indem sie Chinas Anteil ausweiten. Chinas „Index-Inklusionsfaktor“ IIF – also der Prozentsatz der im Index abgebildeten Marktkapitalisierung - beträgt im MSCI bisher nur 20 %. Es ist aber wahrscheinlich, dass der IIF Chinas im Laufe der Zeit auf 100 % ansteigen wird.

Unser Langfristausblick schätzt die chinesischen Aktienmarktrendite im Verlauf des Prognosezeitraums von 10 bis 15 Jahren auf etwa 8 % pro Jahr (in lokaler Währung). Die Rendite für USD-basierte Anleger sollte sogar 10 % betragen. Diese beeindruckende Entwicklung ist vor allem auf ein schnelleres Gewinnwachstum als an den entwickelten Aktienmärkten zurückzuführen, selbst wenn sich Chinas BIP-Wachstum abkühlt. Die Bewertungen tragen ebenfalls leicht positiv dazu bei. Auch wenn eine steigende Anzahl von Neuemissionen die Marktkapitalisierung Chinas im MSCI EM-Index wahrscheinlich erhöhen würde, stellt dies jedoch einen leichten Gegenwind für das Wachstum der Aktienrenditen durch die Verwässerung bestehender Aktionäre dar.

Chinesischer Markt dürfte Wettbewerber überflügeln

Unsere Erwartungen an ein überragendes nominales Wachstum sind hoch – sowohl strukturell als auch unternehmensspezifisch. Insbesondere in den Bereichen Digitalisierung, Software, Gesundheitswesen, Elektrofahrzeuge, künstliche Intelligenz und 5G-Infrastruktur, wo Unternehmen durch Innovation und/oder Konsolidierung eine Führungsposition im Inland erlangen, sind zahlreiche Chancen vorhanden. Dies verbunden mit der Breite und Fülle der Möglichkeiten des A-Aktienmarktes lässt uns zu dem Schluss kommen, dass der Markt seine Wettbewerber überflügeln sollte und unabhängig vom Zustand der chinesischen Wirtschaft ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum erzielen dürfte.

Zusätzlich zu den besseren nominalen Wachstumsaussichten schafft die Tatsache, dass nach wie vor vorwiegend Privatanleger investieren, die 80 bis 90 % des täglichen Umsatzes ausmachen und regelmäßig für Volatilität sorgen, das Potenzial für aktive Manager, Marktineffizienzen auszunutzen.

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01.08.2020 | 12:34

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