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„Es ist falsch, am derzeitigen Bankensystem festzuhalten“



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Wie sicher ist das deutsche Bankensystem in der aktuellen Konjunkturkrise? Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) ist dieser Frage nachgegangen und schlägt Alarm: Die Banken seien gefährdet, insbesondere Volksbanken und Sparkassen stünden nicht so sicher da wie gedacht. Während die Sparkassen dieses Ergebnis zurückweisen, legt der Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts Prof Reint Gropp im Interview mit dem WirtschaftsKurier nach.

Die Ergebnisse einer Bankenstudie, die das IWH jüngst präsentiert hat, sind beunruhigend: Da in der aktuellen Corona bedingten Konjunkturkrise damit zu rechnen sei, dass insbesondere Kredite von kleineren Unternehmen nicht mehr bedient werden können, geraten Sparkassen und Volksbanken unter Druck. Je nach Verlauf der Krise haben die Ökonomen Szenarien berechnet. Im schlimmsten Fall könnten mehr als 20 Prozent der Sparkassen in Schwierigkeiten geraten, lautet ihre Vorhersage.

Die Sparkassen reagieren empört auf diese Vorhersage. Der Präsident der ostdeutschen Sparkassen Michael Emrich sagt dazu: „Es ist das wiederholte Mal, dass das IWH mit sensationsartigen Meldungen versucht, die reale Lage der Sparkassen schlechtzureden. Wir weisen das zurück.“ Der Verband räumt ein, dass jede Wirtschaftskrise zu Kreditausfällen führe. Die Sparkassen hätten dies selbstverständlich im Blick. Angesichts der langjährigen Vorsorge für schlechte Zeiten und der guten Kapitalausstattung der Sparkassen rechne er nicht mit Schieflagen von Sparkassen.

Reint Gropp lässt sich davon nicht beirren. Der Professort leitet das IWH und unter seiner Mitwirkung ist auch die alarmierende Studie entstanden. Im Gespäch mit dem WirtschaftsKurier legt er nach. (Wir veröffentlichen das Interview im Wortlaut)

WirtschaftsKurier: Herr Professor Gropp, das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) hat in einer Studie festgestellt, dass insbesondere Sparkassen und Volksbanken durch die Corona-bedingte Konjunkturkrise in Schwierigkeiten geraten könnten. Unterschätzen Sie dabei, das Reaktionsvermögen dieser kleineren Banken, die sich schnell auf neue Bedingungen einstellen können?

Herr Professor Gropp: Die Sparkassen argumentieren stets, dass sie im Verbund stark sind. Wir haben da Zweifel. Wenn viele Banken gleichzeitig von Kreditausfällen betroffen sind, gibt es am Ende keinen starken Mann, der sie auffangen kann.

Aber wenn ich mir die Kapitalquote dieser Sparkassen ansehe, dann erfüllen die sämtliche Vorgaben und sind sogar besser aufgestellt, als die Regeln es verlangen. Trotzdem sind Sie skeptisch . . .

. . . es stimmt ja: Seit der Finanzkrise vor zehn Jahren ist eine Menge passiert. Aber die Sparkassen haben das Problem, dass sie ihr Eigenkapital wirklich nur aus ihrem Gewinn speisen können. Wenn sie allerdings einen erheblichen Gewinn ausweisen, weckt das Begehrlichkeiten in der Region, wo sie zu Hause sind und wo Landräte, Bürgermeister und lokale Würdenträger ihren Einfluss auf die Sparkassen nehmen. Deswegen argumentieren die Sparkassen mit Reserven, die sie nicht ausweisen. Mag sein, dass es die gibt. Aber Reserven haben die Tendenz, immer dann nicht da zu sein, wenn es darauf ankommt.

Durch die Finanzkrise sind Sparkassen und Volksbanken aber vergleichsweise gut gekommen. Wieso jetzt diese Skepsis?

Die Finanzkrise war eine andere Situation. Sie hatte ihren Ursprung bei den Banken, und plötzlich war davon auch der Arbeiter am Fließband bei Opel betroffen. Jetzt haben wir aber eine Krise in der Realwirtschaft. Es ist sozusagen der umgekehrte Transmissionsmechanismus. Die Auswirkungen können wir nicht vergleichen. Und wir versuchen uns jetzt ein Bild davon zu machen.

Ist das vergleichbar mit der großen Depression in den 20erJahren des letzten Jahrhunderts?

In der Tat wird das oft verglichen. Aber auch dieses Beispiel taugt nur begrenzt als Vorbild. Die Rahmenbedingungen sind völlig anders. Wir arbeiten heute viel vernetzter. Es gibt gravierende regulatorische, rechtliche und institutionelle Unterschiede.

Welche Rolle spielen die Landesbanken? Sie waren in der Finanzkrise stark betroffen und gehören zum Sparkassensektor.

Sie sind diesmal weniger stark im Feuer. Das gilt auch für die großen Geschäftsbanken wie die Commerzbank und die Deutsche Bank und liegt einfach daran, dass die Kunden dieser Banken durch die Krise nicht so stark in Mitleidenschaft gezogen werden, wie der traditionelle kleine, regionale Betrieb, der Kunde bei einer Sparkasse oder Volksbank ist. Allerdings haben die Landesbanken natürlich ein Problem, wenn ihre Eigentümer, eben die Sparkassen, unter Druck geraten.

Unterscheiden Sie bei den Auswirkungen zwischen Sparkassen und Volksbanken?

Tendenziell sind die Volksbanken ein bisschen besser aufgestellt. Ihre Kunden sind oft krisenresistenter als die der Sparkassen, die nicht zuletzt auch unter regionalen und politischen Gesichtspunkten Geld verleihen müssen.

Was ist ihr Eindruck über alle Banken hinweg – was könnten die langfristigen Auswirkungen der Corona-Krise auf die deutsche Bankenlandschaft sein?

Das Bankensystem hierzulande ist anders aufgestellt als in den Nachbarländern. Es ist viel kleinteiliger, was zu einem starken Wettbewerb führt. Das ist für die Kunden gut, für die Banken aber schwierig, weil die Margen gering sind. Es ist damit auch ein Nachteil für die Stabilität des Bankensystems. Insofern wäre es für alle das Beste, wenn diese Krise zu einer langfristigen Bereinigung der Bankenlandschaft in Deutschland führt. Aus unserer Sicht ist es falsch, an dem kleinteiligen System auf jeden Fall festzuhalten.

Das Gespräch führte Oliver Stock

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17.07.2020 | 16:16

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