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Gorillas und Co.: Startups stecken in der Todesspirale

(Foto: picture alliance / Jochen Tack | Jochen Tack)



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Den jungen Wilden der Start-Up-Szene laufen die Kosten davon. Selbst etablierte Player, wie Tesla und Paypal, müssen sparen. Sie entlassen massenweise Mitarbeiter. Der US-Wagniskapitalgeber Sequoia warnt vor einer „Todesspirale“.

Kaum vorstellbar, aber wahr. Das mit 46 Milliarden US-Dollar bewertete und damit wertvollste europäische Start-Up, Klarna, hat bis vor kurzem nur seinen größten Geldgebern einen Blick in die Geschäftsbücher gewährt. Kleinere Investoren bekamen ein Online-Meeting mit dem Management. Das musste reichen für die Entscheidung: Geld ja, oder nein.

Dieses selbstbewusste Auftreten des schwedischen Zahlungsabwicklers gegenüber seinen Investoren war kein Einzelfall. Es etablierte sich zuletzt über die gesamte Start-Up-Szene hinweg. Internationale Wagniskapitalgeber überhäuften junge, aufstrebende Unternehmen mit Geld. Diese konnten sich ihre Investoren zwischenzeitlich aussuchen. Die Angebote derjenigen, die genauere Geschäftszahlen wollten, ließen sich geradezu entspannt ausschlagen, stand doch der nächste Investor schon Schlange, dem allein eine vielversprechende Geschäftsidee ausreichte. Selten ließ sich Planlosigkeit so einfach kaschieren.

Wenn Investoren Milliarden von US-Dollar oder Euro in Unternehmen stecken, deren Geschäftsentwicklung und Prognosen sie gar nicht kennen, dann müssten eigentlich alle verfügbaren Alarmglocken schrillen. Ein solches Gebaren scheiterte mit der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende schon einmal und es scheiterte mit sich anschließender Mega-Finanzkrise auch 2008, als Banken aufhörten zu prüfen, wie genau eigentlich ihre Immobilienkredite besichert waren.

Notenbanken drehen den Geldhahn zu

Jetzt scheitert es erneut. Die aufgrund steiler Inflationsraten zu Zinserhöhungen gezwungenen Währungshüter dies- und jenseits des Atlantiks haben mit dem Ende ihrer ultralockeren Geldpolitik so etwas wie den perfekten Sturm ausgelöst. An der Börse ist der schon länger sichtbar. Der US-Tech-Index Nasdaq100 hat innerhalb eines halben Jahres knapp 30 Prozent an Wert verloren. Der deutsche TecDax rund 27 Prozent. In einem insgesamt schwachen Markt werden Tech-Werte seit Monaten abverkauft. Wer das Wort Crash vermeiden will, spricht von einer kräftigen Korrektur. Alle anderen von einem Crash. Wie sonst ließen sich die Kursverläufe von Paypal, Zalando oder Delivery Hero beschreiben? Oder die von Netflix, Pinterest und Coinbase? Alle haben sie innerhalb eines Jahres 60, teils über 70 Prozent an Wert verloren.

Kosten senken, koste es, was es wolle

Der steigenden Zinsen wegen, schauen Investoren auf einmal wieder ganz genau hin, schießen nicht mehr Milliarde um Milliarde nach, wenn die Gewinnzone nicht näher rückt. Auf einmal werden Investitionen wieder an Bedingungen geknüpft. Die Geldgeber wollen Fortschritte sehen bei Umsatz und Gewinn. Marktdurchdringung alleine reicht nicht mehr. Für Aufsehen sorgte unter anderem der US-Wagniskapitalgeber Sequoia, der in einem Schreiben an seine Unternehmen vor einer „Todesspirale“ warnte. Es würden nur diejenigen Firmen die kommenden Monate überleben, die ihre Kosten am schnellsten in den Griff bekämen, hieß es weiter.

Das ist vor allem für kleine bis mittlere und noch wenig am Markt etablierte Start-Ups ein Problem. Sie leben von dem Vertrauen ihrer Investoren in die eigene Geschäftsidee. Bis zur Profitabilität und großen Etablierung am Markt ist der Weg oft noch weit. Die Zinswende kommt für sie zur Unzeit. Sie haben keine Reserven, brauchen aber viel Geld um die Expansion voranzutreiben. Ausgerechnet den jungen Wilden, in der Corona-Pandemie gefeiert, droht nun die Luft auszugehen.

Klarna hat angekündigt zehn Prozent seiner weltweit 7.000 Beschäftigten entlassen zu wollen. Der Lieferdienst Gorillas entlässt mit 300 Angestellten rund die Hälfte seiner Verwaltung. Die Berliner suchen seit Beginn des Jahres nach Investoren, konnte die Finanzierungsrunde aber bis heute nicht abschließen. Nicht einmal ein Verkauf klappt aktuell. Wie das Handelsblatt berichtet habe die beauftragte Investmentbank JP Morgan bis dato keine Interessenten gefunden.

Rocket Internet-CEO Samwer: Unternehmen, die Maßnahmen verzögern, werden höchstwahrscheinlich sterben


Die Neobank Nuri hat derweil  rund ein Viertel ihrer Angestellten entlassen. „Der Markt erlebt gerade seismische Verschiebungen“,  begründete CEO Kristina Walcker-Mayer den Schritt. Konkurrent Kontist entließ zuletzt ebenfalls 50 Mitarbeiter. Der Lieferdienst Getir 4000. Und auch der Start-Up-Investor Rocket Internet muss Stellen kürzen. Finance Forward nach müssen beim Fonds Global Founders Capital wie auch beim Investor Flash Ventures Mitarbeiter gehen. Man werde als Unternehmen „höchstwahrscheinlich sterben, wenn man Maßnahmen verzögert“, schrieb CEO Oliver Samwer in einem Brief.

Wie schon  beim US-Investor Sequoia sind das überraschend deutliche Worte, in denen beinahe schon etwas Verzweiflung mitschwingt. Verständlich wohl, wenn selbst etablierte Player, wie Paypal oder Tesla, Mitarbeiter verabschieden müssen. Elon Musk kündigte jüngst an rund zehn Prozent seiner Angestellten entlassen zu wollen. Bei rund 100.000 Mitarbeitern müssten also in etwa 10.000 davon ihren Arbeitsplatz räumen. Auch bei Paypal müssen hunderte Angestellte gehen.

Etwas rationaler formuliert es Alex von Frankenberg, Geschäftsführer des High-Tech Gründerfonds. „Es wird jetzt wichtiger, auf die Balance zwischen Wachstum und Profitabilität zu achten“, sagte er im Interview mit der Wirtschaftswoche. „Wenn ich mir ohne Probleme neues Geld besorgen kann, kann ich Gas geben ohne Rücksicht auf Verluste – und so viel wachsen wie möglich. Wenn die Kapitalbeschaffung schwieriger wird, muss man stärker auf die Profitabilität achten. Die Schraube muss bei einigen Start-ups neu justiert werden.“

Dass die Bücher zu bleiben und Investoren wie im Fall Klarna quasi dazu gezwungen werden blind zu investieren, wird also erst einmal der Vergangenheit angehören. Im Jetzt zählen Zahlen. Schwarze Zahlen.

OG

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23.06.2022 | 14:23

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