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Joachim Nagel: Dieser Mann verkauft unser Geld so teuer wie möglich

(Bild: picture alliance / dpa | Arne Dedert)



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Er soll nach dem Willen von Kanzler und Finanzminister an die Spitze der Bundesbank rücken: Joachim Nagel. Der Mann mit SPD-Parteibuch hat die Chance, die Geldpolitik zu steuern und über Zinsen und Inflation zu entscheiden. Allerdings nur ein ganz kleines bisschen.

Durch die Bundesbank war schon einmal ein hörbares Aufatmen gegangen, als sein Name fiel. Das war, als der politisch unbequeme Vorstand Thilo Sarrazin, der seinen Arbeitgeber mehr in die Schlagzeilen brachte, als dem lieb war, seinen Platz räumte und Joachim Nagel ihn einnahm. Der kompetente Herr Nagel, ein promovierter Volkswirt aus Karlsruhe, den kannte man in der Bank, der würde keinen Ärger machen. Er stand damals seit mehr als einem Jahrzehnt in den Diensten der Zentralbank, und gerne vertraute ihm der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber den Zentralbereich Märkte als Vorstand an. Und jetzt ist es wieder soweit: Ein Aufatmen geht durch die Bundesbank, wo diesmal mit Jens Weidmann der oberste Bundesbanker Ende Dezember auf eigenen Wunsch seinen Sessel räumt. Ihm folgt nach Informationen aus Frankfurter Bankenkreise wieder jener Joachim Nagel. Die anderen Kandidaten, die bisher als mögliche Nachfolger gehandelt wurden, kamen nicht zum Zug, was manchen in den Fluren der ehrwürdigen Einrichtung ein „Gott sei Dank“ entfahren läßt.

Isabel Schnabel war darunter, die nun bleibt, wo sie ist: im Direktorium der EZB. Und Jörg Kukies war dabei, bisheriger Finanzstaatsekretär von Ex-Finanzminister Olaf Scholz. Schnabel ist eine, die für eine Geldpolitik steht, die manche expansiv und andere exzessiv nennen. Inflationsrisiken hält sie stets für überschaubar, und das Risiko, dass eine Welt ohne Zinsen mit sich bringt, für beherrschbar. Sie ist damit so ganz anders, als Jens Weidmann, den sie wegen seinem Hang, das Schuldenmachen strikt zu begrenzen, in Fachkreisen einen Falken nannten. In der Bundesbank hätten sich manche umgewöhnen müssen, wenn Schnabel gekommen wäre. Das ist nun weniger nötig, weswegen ein gewisses Aufatmen hörbar ist. Auch Kukies hätten sie hier empfangen, immerhin, hat der Finanzstaatssekretär das Auslaufen von Hilfsprogrammen und die Gefahren der Inflation schon mal thematisiert. Aber Kukies bleibt bei Scholz, der neue Kanzler will es so, was den Eindruck hinterlässt, dass der Bundesbankpräsident nicht mehr die allerwichtigste Rolle im Finanzuniversum spielt.

Die Entscheidung für Nagel, die in den nächsten Tagen offiziell verkündet werden dürfte, haben der neue Kanzler und sein neuer Finanzminister untereinander abgesprochen, womit klar ist, dass der Sozialdemokrat Nagel auch für den liberalen Lindner tragbar ist. Es dürfte Nagels kritische Sicht auf die EZB sein, die ihn in Lindners Augen qualifiziert. In seinen sechs Jahren, die er schon im Vorstand der Bundesbank verbracht hat, war er stets kritisch gegenüber den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank, über die letztlich die Geldmenge ins Unermessliche steigen kann.

Nagel, 55 Jahre alt, schrieb einst seinen Doktor über die Wirtschaftspolitik Ronald Reagans und erhielt einen Preis, weil er die Gabe unter Beweis stellte, wissenschaftliche Erkenntnisse besonders verständlich darzustellen. Später als Bundesbanker und auch danach in seiner Zeit als Vorstand bei der KfW und zuletzt in der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ9 in Basel hielt er ständig Referate und Vorlesungen für Studenten, die ihn dafür mit Spitzennoten bewerteten. Die Brücke zwischen Theorie und Praxis – es sieht so aus, als bewege sich der Ökonom Nagel auf ihr täglich mit schlafwandlerischer Sicherheit.

Was er nun bewegen kann? Realistisch betrachtet nicht viel. In der Geldpolitik sind ihm die Hände gebunden, sie wird von der EZB gesteuert, dort sitzt er künftig von Amts wegen in dem Rat, mit dem sich EZB-Direktorin Christine Lagarde bespricht, aber er ist dort nur einer unter vielen. In Deutschland obliegt der Bundesbank die Bankenaufsicht, operativ ist hier allerdings die BaFin am Zug. So wird es künftig für Nagel eher darum gehen, wie es so schön heißt, „Impulse zu setzen“: etwa bei der Entwicklung des digitalen Euros. Und er kann bei jeder sich bietenden Gelegenheit jene Haltung öffentlich vertreten, die man international von den Deutschen erwartet. Nagel hat sie bereits formuliert, als er beispielsweise 2014, in seinem ersten Leben bei der Bundesbank, warnte: Niemand dürfe sich an die außergewöhnlichen Umstände von extrem niedrigen Zinsen und umfangreicher Liquiditätsausstattung gewöhnen. Dass es inzwischen genauso gekommen ist, ist eine Entwicklung, an die sich – so hoffen nun seine neuen und alten Kollegen - Nagel noch lange nicht gewöhnen wird.

Oliver Stock

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07.12.2021 | 17:17

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