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Richter Gnadenlos: Die Börsengänge 2021 und der Anleger



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Manchmal hat der Anleger das erste Wort, und manchmal auch das letzte. Nur sind die beiden Gruppen oftmals nicht identisch. Das erste Wort spricht die Emissionsbank, dazu der Großinvestor oder der Alteigentümer. Die womöglich vielen letzten Worte haben dann die Aktionäre, ob klein oder größer, und die Analysten, die es ja haben kommen sehen. Immer.

Von Reinhard Schlieker

Der Richterspruch kommt also von der Anlegerbank, und im Falle des abgelaufenen Jahres hieß es zu häufig, dafür gnadenlos: Daumen runter. Ein Beispiel dafür: Mister Spex. Der Berliner Online-Brillenhändler mit inzwischen auch reichlich stationären Geschäften sammelte im vergangenen Sommer für 15 Millionen Aktien insgesamt 375 Millionen Euro ein und gehört nun zu deutlich mehr als einem Drittel einer großen Zahl düpierter Aktionäre. Aus den 25 Euro wurden im zweiten Halbjahr 2021 nämlich nur noch gut 12. Das hätte man im Spielcasino auch haben können (wenn man rechtzeitig aussteigt). Diese Optik also gefällt nicht. Für die immer noch engagierten Großinvestoren wie etwa Goldman Sachs handelt es sich bei den in Frage stehenden Summen ohnehin um Spielgeld, da machen auch 50 Prozent Verlust keine Kopfschmerzen.

Das ist alles nichts verglichen mit dem New Yorker Börsengang des chinesischen Fahrdienstleisters DiDi. Die Aktie verliert nicht nur, sie verschwindet nach ein paar Monaten einfach ganz. Die Empfänger von Kopfschmerz diesmal: Apple, Uber, Softbank und ungenannte und ungezählte Kleinaktionäre, die beim Blick nach China Milliarden Fahrgäste sahen und nicht das Zentralkomitee der KPC. Wer hier beim Spitzensatz von 18 Dollar einstieg und den Notausgang nicht fand, sitzt jetzt bei knapp fünf Dollar immer noch auf der Rückbank und kann zusehen, wie sich die Aktie nach dem Delisting in New York dann später bei der angestrebten Notierung in Hongkong bewährt.

Die chinesische Regierung hatte DiDi Global vor einem Börsengang im Westen gewarnt und wurde seither nicht müde, dem Dienstleister, der auch Datengeschäft macht und den staatlichen Kontrolleuren wohl zu unabhängig wurde, Steine in den Fahrweg zu legen. Das Management hielt sich wohl für unangreifbar. Das schlichte Verbot der DiDi-App schließlich beraubte das Unternehmen seines Verbreitungsweges – und zwang es zum Einlenken. Da wurde nun wirklich einmal zum Ausstieg an der Börse geklingelt – und viele hörten es nicht.

Jüngste Vorstöße in Richtung Kontrolle der Hightech-Unternehmen Chinas sollten klargemacht haben, dass dort verdientes Geld für private Aktionäre ebenfalls stets in Gefahr ist, und da ist ein reiner Unternehmens-Misserfolg fast schon das kleinste Übel. Für den wird dann aber schon zentral gesorgt: Neuerdings will die Staats- und Parteiführung „undurchsichtige“ Algorithmen unter die Lupe nehmen, aus Sicht der herrschenden KP ein völlig verständlicher Wunsch, denn was da so alles unter der Haube von Alibaba oder Tencent werkelt und den Gerontokraten nicht geheuer ist, ist Legion. Nur – mit offengelegten Betriebsabläufen und Geheimnissen der Kundengewinnung ist dann wohl auch der Geschäftserfolg perdü.

Das Jahr mit den meisten Börsengängen global seit dem letzten Rausch der Neuen Märkte hat aber nicht nur Verlierer produziert, natürlich. Lediglich die hochgejazzten Kleinfirmen mit allzu klangvollem Geschäftsprospekt geraten unter die Räder, wenn, wie gerade zu beobachten, ein Favoritensterben einsetzt, Unternehmen mit hohen Schulden nicht mehr durch ihre üppig bebilderten Zukunftsaussichten überzeugen können und stattdessen darlegen müssten, wie sie ihre Verpflichtungen finanzieren wollen, wenn die Zinsen steigen – allen voran in den USA. Das Interesse an den Firmen mit Cloud- oder ganz generell Digital-Geschäftsmodell dürfte dennoch anhalten, so sehen es Unternehmensberatungen wie etwa EY. Ob die Zeichnungs- oder Erstnotizgewinne so bleiben, ist eine andere Frage.

Immerhin waren die dreißig Neuemissionen den Deutschen im vergangenen Jahr fast zehn Milliarden Euro wert. Wobei es dem Online-Gebrauchtwagenhändler „Auto1“ gelang, über sechzig Prozent vom Höchstkurs abzurutschen, ungebremst, sozusagen. Während der Open-Source-Softwarehersteller Suse trotz der jüngsten Korrektur bei den Technologiewerten mit gut 37 Euro näher am Hoch notiert als an seinem Einstandskurs (dreißig Euro). Woanders, so scheint es, gab es die Reue schon ganz ohne Rausch zuvor.

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07.01.2022 | 10:45

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