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Tesla zwischen Kursdruck und Behördendschungel



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Die Kühnheit des Elon Musk wird landauf, landab wohl mit einigem Recht gelobt. Der Tesla-Gründer gebietet über ein Reich, in dem die Sonne nicht untergeht – ganz sicher jedenfalls, wenn man seine Raketenaktivitäten unter dem Logo Space X im näheren oder bald ferneren Weltall mit einbezieht.

Von Reinhard Schlieker

Auf der Erdoberfläche passte noch etwas zwischen die USA und China, und da, wie gesagt, ein furchtloser Mann, fand Musk auf dem Globus das Land Brandenburg und einen Ort mit dem heimeligen Namen Grünheide. Dort hatte man auf einen Zuschlag für ein beabsichtigtes BMW-Werk gehofft, aber Tesla mit seiner Gigafactory 4 hat natürlich auch etwas. Vor genau zwei Jahren begann es in Grünheide, parallel dazu entsteht in Texas die Gigafactory 5 und legt mächtig Tempo vor.

Tesla arbeitet also mit wirklichem Hochdruck daran, zu expandieren – es geht auch darum, die Modellvielfalt zu erhöhen und mit den Stückzahlen an die Nachfrage heranzukommen. In Texas beispielsweise sollen die beiden geplanten Nutzfahrzeuge hergestellt werden – vorerst will man hier aber auch das Model Y bauen. Anteilseigner des Unternehmens sind einiges gewohnt, manche Ankündigung verlief im Sande (noch nicht dem märkischen, damals), die Stückzahlen hielten nicht mit der Vollmundigkeit des Gründers Schritt, aber dass die Aktionäre hier entweder Fans sind oder einfach nur Spielernaturen, das ist auch nicht mehr ganz wahr.

Das Unternehmen versucht, seinen exorbitanten Aktienkurs von derzeit etwas über 1.000 Dollar mit stetigen Höchsteinsätzen zu rechtfertigen. Schließlich gibt es inzwischen ein ganzes Tesla-Universum, mit sehr eigener Batteriekonzeption und -fertigung, etwa in Nevada, und diversen Solarenergie-Aktivitäten – und nicht zuletzt die Software ist, wie man bei VW offenbar neidlos zugibt, einige Jahre vor der Konkurrenz. Dennoch – die Aktie ist verglichen mit denen der Volumenhersteller wie Toyota oder Volkswagen, die auf dem elektrischen Auge auch nicht mehr blind sind, höchst anspruchsvoll bewertet.

Was in diesen Tagen zu denken gibt, ist allerdings die relative Stabilität des naturgemäß schon volatilen Papiers im Angesicht des gerade stattfindenden Favoritenwechsels an den Märkten weg von riskanteren Technologiewerten, sofern sie nicht gerade langjährig etablierte Großkonzerne sind. Aber selbst die leiden maßvoll mit. Die Befürchtungen über weniger Investitionen und Erträge nach den angekündigten Zinsschritten der amerikanischen Notenbank führen daher erst einmal zu überschießendem Negativsentiment: Wenn selbst ein Unternehmen wie Apple, das mit seinen Barbeständen nicht weiß wohin, Kursverluste aufweist, lässt das an derzeit eher irrationale Pauschalurteile denken. Höhere Zinsen, die Startups stark belasten würden, führten bei Apple nur zu noch mehr Reichtum.

Aber das ist eine andere Geschichte, und dies alles ist weit weg von Grünheide, wo weniger die Notenbanken als vielmehr die deutsche Bürokratie noch Schaden anrichten könnte. Die Zeitpläne wurden ohnehin Makulatur, da Tesla mehrfach Planänderungen nachreichte. Allerdings geht der Konzern mit hoher Entschlusskraft ans Werk und nicht einmal geschützte Reptilien konnten im Brandenburgischen den Aufbau bisher nachhaltig hemmen. Ob es eine gute Idee war, noch weit nach dem ursprünglichen Genehmigungsantrag eine innovative Batteriezellfertigung zu integrieren, sei dahingestellt. Zur Beschleunigung im Aktendschungel der Behörden trug das jedenfalls nicht bei. Tesla machte und macht Druck – und ist im Umgang mit der deutschen Bürokratie und den erwartbaren Bürgerinitiativen gar nicht mal so ungeschickt.

Die Investoren wiederum rechnen fest mit dem Produktionsstart in wenigen Wochen, denn die angekündigten 500.000 Autos pro Jahr, später auch mehr, stehen in den Analystenpapieren schon abfahrbereit auf dem virtuellen Hof. Dass es nun auf den letzten Metern auch noch einen Behördenfehler bei der Feststellung der Wasserversorgung für Tesla in Grünheide gab, ist da nur eine Verwicklung unter vielen, und wozu gibt es schließlich Verwaltungsgerichte. Man wird sehen. Die Eile der Auto-Elektriker in Verbindung mit eigenwilligem Amtshandeln führt kurz vor dem Start nun noch zu einer Kuriosität wahrhaft germanischen Ausmaßes.

Tesla hat die Genehmigung erhalten, 2000 Exemplare des Model Y zu fertigen, ehe die Serienproduktion startet – um Abläufe zu testen und Fehlerquellen in seiner Gigafactory zu finden (es soll da einige geben, in der Tat). Allerdings, so die Brandenburger Behörden, darf keines dieser Autos in den Verkauf kommen, nicht einmal fabrikneue Teile davon, und die fachgerechte Verschrottung muss nachgewiesen werden. Sonst landen die womöglich im benachbarten Ausland, aber so geht es ja wohl nicht. 125 Millionen Euro kostet dieses Kapitel des Tesla-Brandenburg-Abenteuers, hat die Berliner „B.Z.“ flink errechnet. Wie dem auch sei - so jedenfalls bekommt das Wort „Abwrackprämie“ eine ganz eigene, brandenburgisch-innovative Bedeutung.

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14.01.2022 | 11:36

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