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Vonovia und die Macht des Faktischen



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Deutschlands größter Vermieter Vonovia ist auch in der Corona-Krise kräftig gewachsen. Ein Grund für den Einstieg in die Aktie? 

Von Reinhard Schlieker

In manchen Leuten steckt mehr Neandertaler als man gemeinhin glaubt. Jeder, der sofort zustimmend nicken möchte, weil die Aussage mit den gemachten Alltagserfahrungen übereinzustimmen scheint, sei hier jedoch auf die Wissenschaft verwiesen. Kaum merklich befindet sich in den Genen zumindest von Europäern und Asiaten ein Rest von Neandertaler-DNA. Neueste Forschungen nun zeigen, dass offensichtlich die Anwesenheit oder das Fehlen bestimmter dieser Erbstücke sogar darüber mitbestimmen, wie schwer eine Corona-Infektion verlaufen mag. 

Eines nicht allzu fernen Tages wird man also durch entsprechende Analysen die Krankheitsneigung erkennen können, und damit gibt es schon einmal ein neues Betätigungsfeld für Biotechnologieunternehmen. Was dafür spricht, deren Aktien oder Fonds auch nach Höhenflügen nicht mit Verachtung zu strafen: Die Chancen sind riesig, wenn auch natürlich nicht für alle. Wie immer. Auch wenn derzeit Hochtechnologie unter die Räder zu kommen scheint, zumindest an der Börse: Mit guten Nerven und breiter Streuung kann man das aussitzen. Aber solche Bemerkungen wie nun diese Woche von Jerome Powell, Chef der amerikanischen Notenbank, der einfach nur sagte, dass man gegen eine anziehende Inflation gewappnet sei, bringen normalerweise die Märkte nicht aus der Fassung. Jetzt schon. Sogar ganz ohne Inflation am Horizont. 

Ein deutliches Zeichen nicht nur für die Nervösen, sich mal Bodenständiges anzusehen. Als da wären Wohnbau- und Immobilienaktien oder -fonds. Kaum jemand hätte erwartet, dass die Vonovia-Papiere offenbar zu einer Erholung ansetzen würden, nachdem nun monatelang eher Skepsis vorherrschte. Aber 1,35 Milliarden Euro Gewinn für 2020, wie diese Woche verkündet und erläutert, sind eine überzeugende Zahl. Vonovia vermietet in Deutschland 355.000 Wohnungen, weitere rund 60.000 im Ausland. Damit ist der Schwerpunkt natürlich klar, und Anleger betrachten diese Konzentration denn auch kritisch. Das Schicksal des deutschen Immobilienmarktes ist auch Vonovias Schicksal - vorerst jedenfalls. Da jedoch konnten die Steigerungen der Verkehrswerte und Mietsteigerungen den Gewinn stützen - und der weckte denn auch gleich Begehrlichkeiten. Sowohl Mieterbünde als auch Gewerkschaften forderten Mietzurückhaltung, der DGB will gar sechs Jahre keine Erhöhungen - mit welcher Begründung, bleibt vorerst offen. 

Die Durchschnittsmieten, die Vonovia einnimmt, lagen 2020 bei 7,16 Euro pro Quadratmeter, 3,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Gestiegene Kosten für Unterhaltung und vor allem gestiegene staatliche Anforderungen treiben die Preise. Vonovia sagt dazu vor allem, dass man in den Zeiten der Corona-Pandemie weitgehend auf Erhöhungen und auf Kündigungen verzichtet habe. Demgegenüber steckte man 1,9 Milliarden Euro in Modernisierungen, Neubau und Unterhaltung - mehr also als den Jahresgewinn. Die Dividende soll dennoch auf 1,69 Euro steigen, ein Plus von 12 Cent pro Aktie. Angesichts eines Aktienkurses von um die 55 Euro zählt Vonovia damit nicht gerade zu den Titeln mit hoher Dividendenrendite, hat allerdings nach Meinung zahlreicher Beobachter den großen Pluspunkt „Sicherheit“. 

Für Immobilienfans, die sich nicht auf das eine, das eigene Grundstück festlegen wollen, eine Möglichkeit, in Grund und Boden zu investieren, ohne dies zu einer lebenslangen Belastung werden zu lassen. Das eigene Heim gemietet, die Ersparnisse in einem Aktienportfolio mit Immobilienschwerpunkt, so etwa ginge das. 

Diese Konzept verfolgt im übrigen seit Jahren der amerikanische Wirtschaftsprofessor Robert Shiller, der so argumentiert: Wer sich in den USA sein Eigenheim leistet und dabei auf eine Region, einen Ort angewiesen ist (nämlich dort, wo er wohnt), verpasst womöglich die Chance, in anderen Regionen am Aufschwung teilzuhaben, während die eigene Gegend unter Umständen nicht vom Fleck kommt (im übertragenen Sinne natürlich, alles andere wäre bei Grundstücken misslich). Beachten sollte man als Anleger jedenfalls auch, wo die Schwerpunkte eines Immobilienunternehmens liegen. Vonovia-Konkurrent Deutsche Wohnen zum Beispiel ist sehr stark auf Berlin fokussiert. Der Markt dort ist allerdings schwer berechenbar, sehr viel politische Einflussnahme und heftige Diskussionen sind an der Tagesordnung. Die Macht der Worte wird zur Macht des Faktischen. Deutsche Wohnen hat sich daher auch deutlich weniger gut gehalten als Vonovia. 

Die Unternehmen stehen jedenfalls angesichts solcher Widrigkeiten vor erheblichen Herausforderungen und bleiben auch unter dem Druck, sich gesellschaftlich zu engagieren. Ob es ihnen gedankt würde, wird man sehen müssen. Auch angesichts solcher Überlegungen also ist bei der Aktienanlage ein Gespür für das gesellschaftliche Umfeld unabdingbar - und internationale Streuung ist hier fast noch wichtiger als ohnehin: Anlagehorizont ist etwas, das nicht an den Landesgrenzen enden sollte.

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05.03.2021 | 09:29

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