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Wie man mit sich selbst zum Millionär schreibt

(Bild: Shutterstock)



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Prinz Harry vermehrt durch seine Autobiografie seine Milliarden. Versucht haben das schon viele, aber nur bei einem hat das so gut funktioniert wie bei ihm. Was Angela Merkel von Harry lernen kann – und warum es Boris Becker ein drittes Mal tun sollte.

Es gibt viele gute Gründe, eine Autobiografie zu schreiben. Mal abgesehen davon, dass viele Menschen des öffentlichen Lebens nicht nur gerne über sich reden, sondern auch schreiben, möchten die meisten Autorinnen und Autoren ihre Beliebtheit steigern. In einem Buch können Prominente eine gewisse Deutungshoheit erlangen über das, was andere über sie denken. Oder sie erhoffen sich diesen Effekt zumindest. Bei Prinz Harry (38) hat das bisher nicht ganz geklappt: Das Meinungsforschungsinstitut Yougov hat am Montag eine brandaktuelle Umfrage veröffentlicht, wonach der jüngere Sohn des britischen Königs Charles III. nach den Meldungen über die Inhalte seiner Autobiografie so unbeliebt ist wie nie zuvor: 64 Prozent seiner befragten Landsleute haben inzwischen eine negative Meinung von ihm. Nur ein Viertel finden ihn noch gut. Im November taten das noch 40 Prozent.
 
Seine Autobiografie trägt den Titel „Spare“, was so viel heißt wie „überflüssig“ oder „Ersatzteil“. Die deutsche Ausgabe macht es Leserinnen und Lesern mit dem Titel „Reserve“ einfacher. Allein die im Fachjargon „Vorschuss“ genannte Vorauszahlung des Verlages für die Biographie soll umgerechnet 20 Millionen Euro betragen. Womit wir bei einem anderen, guten Grund sind, eine Autobiografie zu schreiben. Man kann richtig reich damit werden. Wobei Harry angekündigt hat, einen Teil davon zu spenden – was immer misstrauisch macht, solange man den Prozentsatz nicht kennt, den jemand unter „einen Teil davon“ versteht.

Was man als sicher annehmen kann ist, dass es bei diesem Vorschuss nicht bleiben wird. Harry hat einige Interviews gegeben und sich dafür fürstlich bezahlen lassen. Zudem verdient er an jedem verkauften Buch mit. Zuletzt geisterte die erstaunlich runde Summe von 100 Millionen Euro durch die Medien, die Harry an dem Buch verdienen soll. Zum Teil Spekulation natürlich. Aber sagen wir es mal so: Ärmer hat ihn das Schreiben nicht gemacht.
 
Das hat sich schon lange vom Buckingham Palace bis nach Wimbledon herumgesprochen. Immerhin hat Boris Becker schon gleich zwei Autobiografien veröffentlicht: 2003 erschien sein Werk mit dem Titel „Augenblick, verweile doch“ – Goethes „Faust“ lässt grüßen, mit irgendeinem Schreiberling muss man sich ja schließlich auf eine Stufe stellen. Und zehn Jahre später versuchte der Wimbledon-Star in „Das Leben ist kein Spiel“ den Rosenkrieg zwischen ihm und seiner ersten Frau aufzuarbeiten. Beide Bücher sollen ihm rund 500.000 Euro eingebracht haben. Hat nicht gereicht, wie wir heute wissen. Womöglich folgt alsbald ein drittes Buch. Vielleicht über seine Zeit im Knast – man weiß ja nie.

Direkt vor der Fußball-Weltmeisterschaft ist die Autobiografie von Hansi Flick erschienen. Das mag dem Nationaltrainer beim Turnier in Katar nicht geholfen haben, aber man lernt daraus eines: Egal, wie berühmt man ist: So ganz ohne Drama führt es nicht zu hohen Verkaufszahlen. Flick erzählt in dem übrigens munter lesenswerten Buch über seine Führungsphilosophie. Gähn, könnte man sagen. Das ist etwas für enthusiastische Bayernfans, die das Tripple 2021 immer wieder erleben wollen – aber nicht für den großen Boulevard. Millionenerlöse sind so nicht zu holen.

Wie man es besser macht, bewies schon vor zehn Jahren Demi Moore. Die US-Schauspielerin ließ sich allein 1,6 Millionen Vorschuss geben, weil jeder wissen wollte, wie es in der Ehe mit Ashton Kutcher wirklich lief. Alkohol in rauen Mengen und Kokainsucht wirken auch auf die Verkäufe stimulierend. Damit kann Angela Merkel eher nicht dienen – wenn doch, würde das sehr überraschen. Im Herbst 2024 erscheinen die politischen Memoiren der Bundeskanzlerin a.D., die sie gerade gemeinsam mit ihrer langjährigen Beraterin Beate Baumann verfasst. Das Werk wird exklusive und persönliche Einblicke in das politische Leben und Wirken von Angela Merkel bieten, so die Ankündigung. „Die Kanzlerin möchte nicht ihr ganzes Leben nacherzählen. Sie möchte ihre zentralen politischen Entscheidungen in eigenen Worten erklären“, sagt Beate Baumann. Hat hier hat jemand das Prinzip nicht verstanden? Das politische Wirken ist das eine, aber es braucht schon ein paar Skandale, die nur das echte Leben bietet – oder?
 
Hoffnung, dass es auch anders geht, machen die Obamas, quasi Mutter und Vater aller Über-sich-selbst-Schreiber. Der ehemalige US-Präsident war schon vor seiner Autobiografie als Autor erfolgreich: Mit seinen Sachbüchern ("Dreams From My Father", "Audacity of Hope", "A Letter To My Daughters") hat er laut Forbes gut 7,5 Millionen Dollar verdient. Die Präsidentschaft selbst soll ihm rund drei Millionen Gehalt eingebracht haben. Wir werden nie erfahren, ob die Idee von ihm oder seine Frau Michelle kam – aber sie war genial: Sie schrieben beide eine Autobiografie und vermarkteten diese im Paket. Der Verlag blätterte nach übereinstimmenden Medienberichten bis zu 65 Millionen Dollar dafür hin.

Die Obamas, Sie ahnen es, spenden davon „einen größerer Teil“. Die Summe stellte die bisherigen Rekordhalter in den Schatten: die Clintons. Amtsvorgänger Bill Clinton hatte im Jahr 2004 15 Millionen Dollar für seine Autobiografie "My Life" bekommen, der Republikaner George W. Bush etwa zehn Millionen Dollar für "Decision Points". Clever war Bills Gattin Hillary: Sie veröffentlichte ihre Autobiografie nicht nach der Präsidentschaft – aus der ja dann auch nichts wurde – sondern rechtzeitig vorher. 2014 wirkte das Buch mit dem Titel „Entscheidungen“ eher wie ein Bewerbungsschreiben, auch mal kandidieren zu dürfen. Ende ist bekannt.

Nun darf man nicht vergessen, dass die Erlöse durch eine Autobiografie oft nur der Start sind. Das mediale Drumherum hilft, die Tagessätze für Vorträge zu steigern. Ehemalige Präsidenten, Sportler, praktisch alle Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verdienen gut mit Gastauftritten auf Veranstaltungen. Ihre mal mehr und mal weniger gehaltvollen Reden bringen fünf bis sechsstellige Beträge für wenige Stunden Arbeit. Bill Clinton hat ein Jahrzehnt lang 200.000 Dollar eingestrichen – wohl gemerkt nicht pro Jahr, sondern pro Auftritt. Bush junior lag zwischen 100.000 und 175.000 Dollar. Darüber können die Obamas nur schmunzeln, Barack soll bis zu 400.000 Dollar nehmen, damit er sich auf die Bühne quält. Und Michelle, die zur Erinnerung nicht Präsidentin war, kommt auf 200.000 Dollar.

Und wer schreiben kann, für den ist der Weg zu Podcast und Streaming-Dokumentationen nicht weit: 2018 verkündete Netflix einen Deal mit den Obamas: Das einstige First Couple könne gern an Serien, Dokumentationen und Filmen mitarbeiten. Summen wurden nicht bekannt, aber die fünfteilige Naturpark-Doku wurde Im Frühjahr 2022 veröffentlicht und begeisterte die meisten Kritiker. Barfuß am Strand also statt in Lackschuhen durch den Rosengarten.

Was lernen wir daraus? Als Ehepaar – oder ehemaliges – schreibt es sich finanziell erfolgreicher. Ob Angela Merkels Ehemann Joachim Sauer nun auch zur Feder greift, ist aus deutscher Sicht ähnlich spannend wie die Frage, ob sich Boris Beckers Verflossene mal zusammentun. Aber die Briten achten nun auf Meghan Markle. Ob Harry seiner Ehefrau ein paar erhellende Insights übrig gelassen hat? Bei den Briten ist sie noch unbeliebter als ihr Gatte, auch das zeigte die aktuelle Umfrage. Vielleicht kommt ja auch wer auf die Idee, die Schauspielerin extra für die Briten auf die Leinwand zu bringen. Nicht auszuschließen, dass sie einen unangenehmen Filmtod erleidet, um das Publikum zu besänftigen.

Thorsten Giersch

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10.01.2023 | 10:06

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