Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Lebensart >

Ein Bekenntnis zu Papier

Trotz Smartphones, Laptops und eBook-Readern: Der Papiermarkt verzeichnet derzeit ein Wachstum. Davon profitieren Unternehmen wie Gmund Papier. Der Hersteller vom Tegernsee produziert und exportiert weltweit edle Papierprodukte und Verpackungen.

Die neue Papiermaschine von 1979 bei der Arbeit (Foto: Gmund Papier).

Trotz Smartphones, Laptops und eBook-Readern: Der Papiermarkt verzeichnet derzeit ein Wachstum. Davon profitieren Unternehmen wie Gmund Papier. Der Hersteller vom Tegernsee produziert und exportiert weltweit edle Papierprodukte und Verpackungen.

Wenn Florian Kohler über Papier spricht, dann gerät er ins Schwärmen. Nicht nur wegen seines Berufs. Der Inhaber und Geschäftsführer von Gmund Papier liebt analoge Produkte und Erlebnisse. Das Authentische, das Gefühl des Greifbaren in einer zunehmend digitalisierten Welt. „Das Digitale ist zu flüchtig“, findet der 61-Jährige. Authentische Erlebnisse sind für Kohler analog: das Glas Rotwein, das gute Essen und das Gespräch mit dem Tischnachbarn. Oder die Haptik von Papier. Kohler möchte den Rohstoff Papier in die Zukunft führen und die Menschen dafür begeistern. Sein Familienunternehmen mit Sitz am Tegernsee ist weltweit bekannt für die Herstellung von Design- und Naturpapieren, fertigen Papierprodukten sowie Verpackungen. Kohlers Firma ist ein Bekenntnis zu Papier.

Auch wenn immer mehr Menschen am Bildschirm lesen und sich dort Notizen machen: Der weltweite Zellstoff- und Papiermarkt floriert. Laut Schätzungen von Presedence Research wächst der Sektor jährlich um vier Prozent und wird bis 2030 ein Volumen von 380 Milliarden US-Dollar erreichen. Bedruckte Papierprodukte und Schreibwaren gehen zurück, der Verpackungssektor aber expandiert. Durch vermehrt Online-Shopping steigt der Bedarf an Verpackungen, wobei viele Menschen Papier dem umweltschädlichen Material Kunststoff vorziehen. So befindet sich die Branche trotz Wachstum im Wandel. Gmund Papier wird in vierter Generation und komplett selbstfinanziert geführt. Es verbuchte in der Geschäftsentwicklung 2022 ein Wachstum von rund 20 Prozent, den Jahresumsatz kommuniziert das inhabergeführte Haus nicht. Im Vorjahr übernahm das Unternehmen die Papierfabrik Cartonnerie Jean in Frankreich, Gmund Papier wuchs damit auf 150 Mitarbeiter (zuvor 130).

„Wir sind ein analoges Unternehmen“, sagt Kohler. Der Unternehmer ist überzeugt, dass es analoge Produkte gibt, die digitalisiert werden müssen, weil sie sich finanziell nicht tragen, zum Beispiel ein Katalog. Dann wiederum existieren Papier-Produkte, die allein schon wegen ihrer Haptik und dem damit verbundenen Erlebnis der digitalen Variante den Rang ablaufen, beispielsweise ein Fotobuch. Neben Papierprodukten setzt Gmund daher auch auf Erlebnisse wie „Unfolded“, ein jährliches analoges Design-Festival. „Wir laufen keinem Bedarf nach, den es nicht mehr gibt“, betont Kohler. „Den Fehler, den unsere Branche macht, ist sich an einem alten Bedarf zu orientieren.“ Der Unternehmer indes ist keiner, der alten Idealen nachhängt: „Ich blicke nicht zurück, ich blicke in die Zukunft. Tradition ist das Gefährlichste, was es für eine Firma gibt.“ Dabei kann er durchaus gelassen auf die Firmen-Vergangenheit zurückblicken.

1829 startete die Papierherstellung im Mangfalltal „mit der Vision, tolles Papier in der Natur zu machen“, wie Kohler erklärt. Der schwäbische Papiermacher Johann Nepomuk Haas kaufte das teilweise abgebrannte Kupfer-, Walz- und Hammerwerk und richtete dort eine Papiermühle ein. Nach seinem Tod übernahm Gregor Fichtner im Jahr 1854 die Firma und spezialisierte sich auf die Produktion handgeschöpfter Feinpapiere und avancierte zum Hoflieferanten des Bayerischen Königshofs. 1886 folgte die erste Papiermaschine, die noch heute läuft – mit diesem Schritt wurde das Unternehmen großindustriell. Ludwig Kohler, Florian Kohlers Urgroßonkel, und Carl Pfannenberg gründeten 1904 die Büttenpapierfabrik Gmund, um das überschuldete Unternehmen wieder in die Gewinnzone zu führen. 1910 erfand Kohler auch das farbige Papier. Anfang der 50er-Jahre übernahm Florian Kohlers Vater vom Großvater. Dieser setzte 1979 mit einer zweiten Papiermaschine einen weiteren Meilenstein der nächsten Industrialisierung. „Er hat es geschafft, das Know-how hemdsärmelig nach Gmund zu ziehen“, erinnert sich der Sohn. Als Florian Kohler 2004 als Geschäftsführer und Inhaber einstieg, wollte er es dennoch anders machen als der Vater. Der Sohn hatte lange in Großbritannien und Frankreich gelebt und so einen internationalen Blick auf die Dinge bekommen. Heute setzt das Unternehmen neben der Papierfabrik auf mehrere Säulen, darunter das Cartonnerie-Zweitwerk in Frankreich, Gmund Fullservice als Produktionsagentur, den Gmunder Papiershop und das Restaurant Mangfallblau.

Die Produktion in der Papierfabrik beginnt mit den Zellstoffplatten, die mit Wasser und Füllstoffen zu einer breiigen Masse aufgelöst werden, ehe das Papier in einem aufwändigen Prozess gefärbt, geschüttelt, gepresst, getrocknet und kontrolliert wird. Gearbeitet wird mit der ältesten noch produzierenden Papiermaschine der Welt von 1886 und der Papiermaschine von 1979. „Es sind trotzdem keine alten Maschinen, da sie laufend überarbeitet werden“, erklärt Kohler. Er vergleicht die alte Papiermaschine gerne mit einem Haus, das stets auf den neuesten Stand renoviert wird. „Daher kann die Papiermaschine noch ewig laufen.“ Die jeweils produzierende Maschine arbeitet Tag und Nacht, beide Geräte laufen im Wechsel: Auf der alten Papiermaschine werden dunklere Papiere gefertigt, auf der neuen hellere. „Jeder Schritt, jedes Detail in der Produktion ist wichtig“, sagt Kohler. Das Unternehmen produziert zwischen 6.000 und 10.000 Tonnen Papier pro Jahr. Durch die möglichen Kombination aus Farbe, Gewicht und Effekt ergeben sich mehr als 100.000 Papiersorten. Jedes Papier besitzt seine eigene Rezeptur. Die Papiere aus Gmund sind komplett durchgefärbt – und nicht nur an der Oberfläche eingefärbt. Auch Prägungen und besondere Strukturen sind möglich. Das macht unter anderem die hohe Qualität aus. Kohlers Lieblingsprodukt? „Immer das Neueste. Das bekommt die meiste Aufmerksamkeit“, sagt er lachend.

Bei allem Erfolg: Kohler und seine Branche sind inzwischen mehr kritischen Blicken in puncto Nachhaltigkeit und Umweltschutz ausgesetzt. „Die Papierindustrie ist die umweltfreundlichste Massenindustrie“, sagt er überzeugt. „Die Recyclingquote liegt bei 80 Prozent, bei der Textilindustrie ist es ein Prozent.“ Eine Papierfaser kann bis zu sieben Mal wiederverwendet werden. Zudem habe der Rohstoff Papier den Vorteil, dass er sich irgendwann in der Umwelt abbaut und verschwindet – anders als Kunststoff. Nachhaltigkeitsbestrebungen gibt es dennoch. Die Papiere sind zertifiziert aus nachhaltigem Anbau, es handelt sich um eigens für die Papierproduktion angebautes Holz. Gmund Papier sucht zudem laufend nach neuen, alternativen Rohstoffen wie Hanf, Blattgrün, Stroh und Baumwolle, um den Zellstoff-Anteil zu reduzieren. Ferner gibt es mit „Used“ auch ein Papier aus 100 Prozent Altpapier. Mit seiner Hanf-Kollektion gewann das Unternehmen auch den „Deutschen Nachhaltigkeitspreis“. Darüber hinaus erzeugt die Firma bis zu 75 Prozent der benötigten Elektrizität und Energie durch eine Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, ein eigenes Wasserkraftwerk und eine Fotovoltaik-Anlage. Unvermeidbare CO2-Emissionen bei der Produktion kompensiert das Unternehmen durch weltweite Klimaschutzprojekte. „Das Gmunder Papier ist klimaneutral“, erklärt Kohler. Das „Gmund Colors“-Farbsystem ist damit das einzige weltweit, das CO2-neutral ist.

Weiteres Optimierungs-Potenzial hin zu mehr Nachhaltigkeit sieht der Unternehmer aber dennoch – beim Energieverbrauch. „Energieeinsparungen sind für PR nicht sexy, aber das Beste für die Umwelt.“ Als noch nicht nachhaltig gilt in der Branche auch der Transport. Kohler versucht deshalb, Rohstoffe so nah wie möglich zu kaufen, und nicht in Südamerika. „Das Problem ist, dass wir uns bereits in einem Deindustrialisierungsprozess befinden und es oft keine Produktion mehr vor Ort gibt“, moniert er. „Es wird den Unternehmern zunehmend unattraktiv gemacht, hier zu produzieren.“

Bei einer Exportquote von 75 Prozent beliefert die Papierfabrik Kunden in etwa 80 Ländern. Haupt-Absatzmärkte sind neben Europa die USA und das Ferne Asien. Haupt-Abnehmer sind vorwiegend Großhandel und internationale Unternehmen, und nicht der Endverbraucher. Das Unternehmen entwickelt unter anderem Produkte für etablierte Marken wie Apple. Weltweit bekannt wurde Gmund Papier 2011 durch die mit Gold veredelten Papiere, aus der die Umschläge und Gewinnerkarten für die Oscarverleihung angefertigt werden. Schmerzt es Kohler da nicht, wenn das Papier für Hollywood nicht mehr aus Gmund kommt? „Das ist eine lustige, aber irrelevante Story. Die Medien haben das extrem gepusht“, sagt der Gmunder, der im Zuge dessen auch mit einer falschen Information aufräumen möchte. Die Produktion sei nämlich nicht im Zuge von Donald Trumps „America First“-Politik zum Erliegen gekommen. Es sei schlichtweg der Fünf-Jahres-Vertrag ausgelaufen und die Oscars hätten zudem passend zum neuen CI die Farbe der Umschläge von Gold auf Rot umgestellt.

Apropos Farben: Eine Vision hat Florian Kohler noch. „Ich möchte ein neues Farbkonzept entwickeln“, sagt er. Egal, was sich am Ende daraus ergeben wird: Es wird ein Bekenntnis zu Papier sein.

Ähnliche Artikel