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Märkte > Citrini Research Post geht viral

Ein Blog-Eintrag schockt die Märkte

| Oliver Götz

Grafik mit Chip.
Maschinen übernehmen immer mehr Aufgaben des menschlichen Gehirns. Was zunächst die Gewinne von Firmen steigen lässt, könnte auf Dauer auch in die andere Richtung laufen. (Foto: Treecha / Shutterstock)

Unter Investoren breitet sich die Angst vor übermächtiger KI aus. Ein Gedankenexperiment einer bis dato kaum bekannten Research-Firma reicht für eine Panikattacke.

Es ist ein fiktiver Blick in das Jahr 2028 und er beginnt so: „Heute Morgen lag die Arbeitslosenquote bei 10,2 Prozent. Ein überraschender Sprung um 0,3 Prozent nach oben, woraufhin es an den Börsen um zwei Prozent nach unten ging. Damit beläuft sich der kumulierte Rückgang des S&P500 seit seinem Höchststand aus dem Oktober 2026 bereits auf 38 Prozent.“

Citrini Research ist damit auf der Plattform Substack eine Geschichte gelungen, die nun um die Welt geht. Sie endet aus Anlegersicht fatal – wer schließlich würde heute noch breit in den Markt investieren, wüsste er, dass sein angelegtes Geld zwei Jahre später nur noch etwas mehr als die Hälfte wert ist. Und sie fußt auf einem Gedankenkonstrukt, dass unter Börsianern einen Nerv zu treffen scheint. Was, wenn es nicht die – wie von einigen Experten befürchtet – zu hohen Erwartungen an KI sind, die irgendwann eine aufgeblähte Spekulationsblase platzen lassen, sondern eine sich entfesselnde KI, die so viel menschliches Können obsolet werden lässt, dass sie quasi per Bullenmarkt einen Bärenmarkt lostritt?

Aufbauend darauf ergründet Citrini Research in einer plausibel wirkendenden Aneinanderreihung von Kausalketten einen beängstigenden Weg hinein in eine „Global Intelligence Crisis“.

Es gehört zur Funktionsweise des Internets von heute, dass es ein Post einer bis dato kaum bekannten, wenige Mitarbeiter und gerade einmal rund 700 Follower auf LinkedIn umfassenden Research-Firma gelingt, plötzlich Millionen von Menschen zu erreichen. Dass dies aber direkt die Kurse an der Wall-Street in den Keller schickt, zeigt: es könnte eine Reihe von professionellen Investoren geben, die diesen Blogbeitrag für ein durchaus realistisches Szenario halten. Viele Software-Aktien rauschten ab. Die Aktie von IBM verlor zweistellig, was allerdings zusätzlich daran lag, dass Anthropic in etwa gleichzeitig eine KI vorstellte, die die Modernisierung von COBOL, eine Programmiersprache, die auf vielen Großrechnern von IBM läuft, automatisiert.  Aber auch die Papiere von Microsoft und Oracle mussten federn lassen. Ebenfalls unter Druck gerieten die Titel der Kreditkartenanbieter Visa, Mastercard und American Express. In China fiel bei großen Tech-Werten wie Baidu, Alibaba und Tencent der Kurs.

Phase 1: Der technologische Durchbruch

Es ist die Tiefe des Textes, die volkswirtschaftliche Analytik im Szenario, die diesen Citrini-Text nachhallen lassen. In der Logik der Marktbeobachter beginnt alles Anfang 2026 – also jetzt. Unternehmen setzten zunehmend KI-Agenten in großem Umfang ein. Diese wiederum übernehmen immer komplexere Aufgaben, unter anderem auch Tätigkeiten, wie das Software-Coding, welches noch vor kurzem hochqualifizierten Mitarbeitern vorbehalten war, arbeiten 24 Stunden am Tag, sind nie krank. Das führt folglich zu explosionsartigen Gewinnen, da Unternehmen durch Personalkürzungen die Kosten rapide senken können, womit die Margen emporschnellen. Das wiederum führt auf dem Papier zu einer steigenden Produktivität und einem prosperierenden nominalen Bruttoinlandsprodukt. Die Börsenkurse steigen – und das verdiente Geld wird in weitere KI-Effizienzsteigerungen reinvestiert. Richtig: Diese Phase ist mehr realer Ausgangspunkt, als fiktive Annahme. Vielleicht sorgt Investoren auch deshalb so sehr, was Citrini via theoretischem Konstrukt daraus ableitet.

Mehr Vermutung ist die konkret aufgeworfene Möglichkeit des Zusammenbruchs des SaaS (Software as a Service)-Modells, sowie insbesondere ein sich durch KI erübrigendes, auf Burggäben basierendes, Geschäftsmodell. Citrini schreibt davon, dass KI-Agenten die Preisverhandlungen übernehmen, stets die besten Angebote im Netz finden würden und immer die kostengünstigste Zahlungsoption wählten. Das, so die Überlegung, würde Markteintrittsbarrieren, wie sie sich viele große Konzerne über intensive Kundenbindung geschaffen haben, auflösen. Am Markt führte das kurzzeitig zu Verkäufen beim Essensauslieferer DoorDash und dem Fahrdienstleister Uber. Die Saas-Bedenken setzten unter anderem die Papiere von ServiceNow und Salesforce unter Druck.

Ob all das so kommt, ist reine Spekulation. Zurück deshalb zum Ausgangspunkt. KI lässt die Unternehmensgewinne steigen und sorgt für Wachstum. So weit, so nachvollziehbar.

Phase 2: Der Teufelskreislauf

Was auf den ersten Blick nach Wohlstand klingt, könnte sich jedoch in einer negativen Rückkopplungsschleife wiederfinden. Die These: immer mehr Jobs werden von der KI erledigt, womit das Einkommen der Arbeitnehmer sinkt. Makroökonomisch betrachtet führt das zu weniger Nachfrage. Ein Kreislauf setzt sich in Gang, da Unternehmen folglich auf noch mehr KI setzen, um den Nachfragerückgang mit sinkenden Kosten auszugleichen. Die Studienautoren sprechen von der „intelligence displacement spiral“, einem „negative feedback loop with no natural brake“. Es entsteht ein „Ghost GDP“, ein Bruttoinlandsprodukt, das seine wohlstandsfördernde Wirkung für die Allgemeinheit verfehlt. Am Ende zeigt der BIP-Anstieg nur noch die steigenden Vermögen der KI-Unternehmer an, da die hohen Gewinne in den Firmen verbleiben, statt über Löhne im ganzen Land verteilt zu werden. Das wiederum drückt schlussendlich auch die Steuereinnahmen, womit auch die Staatsausgaben auf der Nachfrageseite zurückgehen könnten, würde nicht auf noch mehr Schulden ausgewichen. Und selbst dann, könnte die keynesianische Idee, über staatliche Ausgaben das Wirtschaftswachstum in einer nachfragebedingten Wirtschaftskrise wieder anzukurbeln, fehlschlagen, da die Probleme struktureller Natur sind. Es erledigen schlicht zu viele Maschinen, die keinen Lohn bekommen und diesen auch nicht konsumtiv verwenden können, die Arbeit.

Phase 3: Kreditausfälle und Finanzkrise?

Einmal losgetreten wirkt der verheerende Kreislauf negativ auf die gesamte Leistungsfähigkeit der Volkswirtschaft und die Stabilität des Finanzsystems. Im Text gehen die Citrini-Analysten unter anderem auf die Kreditmärkte ein, die unter Druck geraten. Eine logische Folge von weniger Nachfrage und weniger Einkommen sind schließlich nicht mehr zu bedienende Kredite, die einst auf Basis eines vermeintlich sicheren Jobs aufgenommen wurden. Sowohl im Privat-Credit-Bereich, wie auch in dem der Hypotheken-Darlehen, könnte es zu schwerwiegenden Ausfällen kommen. Die nächste Finanzkrise wäre vorprogrammiert.

Fazit

Technologischer Fortschritt garantiert keinen makroökonomischen Gleichgewichtszustand. Wenn Produktivitätsgewinne schneller eintreten als sich Einkommens- und Nachfrage-Strukturen anpassen können, entsteht ein Ungleichgewicht. Und dieses Ungleichgewicht könnte – trotz steigender Effizienz – systemisch destabilisierend wirken. Ob es so, oder doch ganz anders kommt, kann niemand vorhersagen. Dass, ein Szenario wie das von Citrini aber für derart Wirbel an den Finanzmärkten sorgt, sagt viel über die aktuelle Nervosität an der Börse aus.

Hier geht es zum vollständigen Artikel von Citrini Research: https://www.citriniresearch.com/p/2028gic

 

 

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