Beitrag teilen

Link in die Zwischenablage kopieren

Link kopieren
Suchfunktion schließen
Märkte > US-Wahlen

Diese Wette sorgt für die steigenden Aktienkurse nach den Midterms

| Oliver Götz

Jocelyn Benson, demokratische Gouverneurskandidatin für Michigan, mit Jubelgeste.
Die demokratische Gouverneurskandidatin für Michigan, Jocelyn Benson, feiert auf einer Veranstaltung am Wahlabend. (Foto: picture alliance / AP Photo/Julia Demaree Nikhinson | Julia Demaree Nikhinson)

Die Demokraten dominieren die Zwischenwahlen und an der Börse geht die Post ab. Auch Tech- und KI-Aktien steigen deutlich. Woran das liegt.

Am Tag nach dem Erdrutschsieg der Demokraten bei den US-Zwischenwahlen steigen die Aktienkurse dies- und jenseits des Atlantiks deutlich. Überraschend kräftig legen dabei Technologiewerte zu, obwohl im Vorfeld gerade für Aktien aus dieser Branche Gegenwind befürchtet worden war, sollten die Demokraten die Mehrheitsverhältnisse im Kongress deutlich zu ihren Gunsten verschieben. Die Sorge: Der Ausbau der KI-Infrastruktur könnte durch strengere Auflagen und mehr Regulierung an Schwung verlieren.

Vorerst aber passiert das Gegenteil. Nicht, weil diese Sorge plötzlich vom Tisch wäre, sondern weil die Börse andere Entwicklungen in den Blick nimmt – Entwicklungen, die den Aktienmärkten kräftigen Rückenwind geben könnten. Die Überlegung: Auf die Rückeroberung beider Kongresskammern durch die Demokraten könnte eine Phase nachlassenden Inflationsdrucks folgen. Die US-Notenbank müsste die Zinsen dann weniger stark anheben als befürchtet – und die Konjunktur könnte sich abkühlen, ohne in eine schwere Krise zu rutschen.

Die Kursgewinne sind also Ausdruck einer Wette auf die künftige Entwicklung von Inflation und Zinsen, seit geraumer Zeit die entscheidenden Taktgeber an den Märkten. Für Aktien ist nicht allein entscheidend, wie gut die Geschäfte der Unternehmen laufen. Ebenso wichtig ist, zu welchen Kosten sich Firmen finanzieren können und wie stark Anleger künftige Gewinne abzinsen müssen. Sinken die Zinserwartungen, profitieren insbesondere wachstumsstarke Unternehmen davon, weil ein großer Teil ihres bewerteten Erfolgs in der Zukunft liegt. Aber auch insgesamt werden Aktien im Vergleich zu festverzinslichen Anlagen attraktiver.

Aber woraus speist sich die Wette? Was verändern demokratische Mehrheiten in US-Senat und Repräsentantenhaus? Im Kern geht es um drei angepasste Erwartungen.

1. Der Anstieg der Staatsausgaben könnte sich verlangsamen

Der Wahlausgang verändert die politischen Spielregeln in Washington. Mit den Erfolgen der Demokraten im Kongress kann Präsident Donald Trump seine wirtschaftspolitischen Vorhaben nicht mehr so einfach durchsetzen. Eine geteilte Machtstruktur erschwert große Gesetzespakete und dürfte zusätzliche staatliche Ausgabenprogramme begrenzen.

Für die Börse ist das eine überraschend positive Nachricht. Denn eine ohnehin robuste US-Wirtschaft braucht aus Sicht der Anleger nicht unbedingt noch zusätzliche staatliche Impulse. Weitere umfangreiche Ausgaben könnten die Nachfrage anheizen, Unternehmen zu höheren Preisen befähigen und damit die Inflation erneut befeuern. Bleibt dieser zusätzliche Schub aus, könnte sich die Wirtschaft allmählich abkühlen. Das würde der Federal Reserve den Druck nehmen, mit immer höheren Zinsen gegen die Teuerung vorzugehen.

Die Hoffnung lautet also: weniger fiskalischer Rückenwind, weniger Inflationsgefahr und eine Notenbank, die nicht noch stärker auf die Bremse treten muss. Für die Aktienmärkte wäre das eine günstige Kombination.

2. Der KI-Boom könnte an Tempo verlieren

Der zweite Faktor ist auf den ersten Blick widersprüchlich. Schließlich haben Tech- und KI-Aktien nach dem Wahlergebnis kräftig zugelegt, obwohl eine stärkere Regulierung der Branche wahrscheinlicher durch die Erfolge der Demokraten wahrscheinlicher wird. Der Ausbau von Rechenzentren steht zunehmend in der Kritik. Die Anlagen benötigen enorme Mengen Strom und Wasser, beanspruchen die Netzinfrastruktur und können die Energiekosten in den betroffenen Regionen erhöhen. Zusätzliche Auflagen, strengere Genehmigungsverfahren oder Verzögerungen beim Bau könnten die gewaltigen Investitionspläne der Technologiekonzerne bremsen. Das wäre zunächst ein Risiko für Unternehmen, die auf den rasanten Ausbau der KI-Infrastruktur setzen. Zugleich könnte eine langsamere Expansion aber den Energiebedarf und den Investitionsdruck begrenzen. Wenn Unternehmen nicht mehr ganz so viel Geld in neue Rechenzentren, Stromversorgung und Netze stecken, könnte sich das Wachstum der Nachfrage in einzelnen Bereichen abschwächen. Das wäre ein möglicher Entlastungsfaktor für Preise und Zinsen. Allerdings ist der Zusammenhang komplex: Strengere Regeln verteuern auch Projekte, und weniger Investitionen können die Gewinne betroffener Unternehmen belasten. Ob die positiven Effekte auf die Zinserwartungen überwiegen, muss sich zeigen.

3. Die Ölpreise könnten deutlich sinken

Zusätzliche Hoffnung liefert die Aussicht auf eine Entspannung im Iran-Konflikt. Sollte sich die Lage im Nahen Osten beruhigen und die Versorgung mit Öl verlässlicher werden, könnte ein wichtiger geopolitischer Preistreiber an Bedeutung verlieren. Das wäre nicht nur für Verbraucher und Unternehmen eine gute Nachricht. Auch die Notenbanken hätten mehr Spielraum, die Zinsen weniger stark anzuheben oder auf weitere Verschärfungen zu verzichten. Sinkende Ölpreise können die Inflation unmittelbar dämpfen. Autofahrer profitieren von günstigeren Kraftstoffen, zugleich sinken für viele Unternehmen die Kosten für Transport, Produktion und Logistik. Über diese Kanäle kann sich die Entlastung auf zahlreiche Preise auswirken. In einer ersten Reaktion auf die Wahlergebnisse, sank der Preis für ein Barrel Brent um fast neun Prozent.

Noch ist vieles nur Hoffnung

Alle drei Faktoren laufen auf dieselbe Hoffnung hinaus: Der Inflationsdruck lässt nach, ohne dass die US-Wirtschaft in eine schwere Krise gerät. In diesem Fall müsste die Federal Reserve weniger stark gegensteuern, die Finanzierungskosten könnten sich günstiger entwickeln und Aktien würden im Vergleich zu Anleihen attraktiver. Ein Hinweis auf veränderte Erwartungen sind die nach dem Wahlergebnis gesunkenen Renditen von US-Staatsanleihen. Sie spiegeln unter anderem wider, wie Anleger die künftige Zins- und Wirtschaftsentwicklung einschätzen. Doch die Rechnung hat ihre Risiken. Bleibt die Teuerung hartnäckig, steigen die Ölpreise wieder oder erweist sich die erhoffte Begrenzung der Staatsausgaben als Illusion, könnte die Zuversicht rasch schwinden.

bevorzugte Quelle 

Börse am Sonntag als bevorzugte Quelle festlegen

Sie möchten Finanz- und Wirtschaftsnachrichten von Börse am Sonntag häufiger bei Google sehen?

Bei Google bevorzugen

Ähnliche Artikel