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Märkte > Macrons riskante Wette

Neuauflage der Eurokrise nicht ausgeschlossen

(Foto: Sosna Radosna / Shutterstock)

Der Schock über die Ergebnisse der Europawahl und die von Frankreichs Präsident Macron ausgerufenen Neuwahlen sitzt auch zwei Wochen später an den Finanzplätzen Paris und Frankfurt noch tief.

Von Konstantin Oldenburger, Marktanalyst CMC Markets

Die politische Unsicherheit über Europas Zukunft überlagert derzeit auch jegliche positive Sogeffekte der Wall Street, die getrieben vom KI-Hype und anhaltenden Zinssenkungshoffnungen ihren Rekordlauf ungehindert fortsetzt. 

Französische Staatsanleihen und Aktien dagegen stehen massiv unter Druck und zogen auch den Deutschen Aktienindex zwischenzeitlich unter die 18.000er Marke. Die Nervosität dürfte mindestens mal bis zum ersten Teil der Wahl am kommenden Sonntag, wahrscheinlich aber bis zur Stichwahl am 7. Juli und möglicherweise auch darüber hinaus anhalten.

Egal, ob Rechts oder Links
Es ist Emmanuel Macrons riskante Wette, die den Investoren Kopfschmerzen bereitet und zu einer deutlichen Risikoprämie für französische, aber auch viele andere europäische Assets geführt hat. Dabei geht es nicht nur um ein Szenario, in dem die rechtsextreme Rassemblement National (RN) eine absolute Mehrheit im französischen Parlament gewinnen könnte, sondern auch um andere extreme Kräfte wie ein neues Linksbündnis, dass ebenfalls für einen Ausstieg des Landes aus der Europäischen Union werden könnte. 

Alles auf eine Karte gesetzt
Die Situation ist brenzlig und kritisch, um es vorsichtig auszudrücken. Der französische Aktienindex CAC 40 fiel nach der Europawahl in der Spitze um über sieben Prozent. Noch deutlicher die Reaktion am Anleihemarkt, der zehnjährige Rendite-Spread zwischen deutschen und französischen Bonds ist um 28,6 Basispunkte gestiegen und hat den höchsten Stand seit zwölf Jahren erreicht, als die Eurokrise rund um Griechenland schwelte. Jetzt steckt Frankreich in einer Krise und das ist noch schlechter für Europa und die Aktienmärkte. Denn es ist auch das Land, dessen Präsident immer für eine stärkere europäische Integration geworben, aber nun alles auf eine Karte gesetzt hat. 

Können die Extreme verhindert werden, …
Auf der anderen Seite steht die Erkenntnis, dass politische Börsen kurze Beine haben und am Ende nichts so heiß gegessen wird wie es gekocht wird. Nur extreme Forderungen dürften nachhaltig negativ für die Finanzmärkte sein. Sollte der RN oder Macrons „La République en Marche“ sich aber Reformen verschreiben und den aktuellen Status-Quo belassen, bestünde einiges an Erholungspotenzial an Europas Börsen. Solange die Maßnahmen von links, rechts oder aus der Mitte wirtschaftsfreundlich ausfallen und an den bestehenden Institutionen nicht gerüttelt wird, ist die Crash-Gefahr gebannt.

… droht politischer Stillstand in Paris
Viel wahrscheinlicher ist stattdessen, dass in Paris ein Parlament ohne Mehrheit gewählt wird und politischer Stillstand bis zur nächsten Präsidentschaftswahl im Jahr 2027 herrscht. In diesem Szenario könnte sich die bereits hohe Schuldenquote noch weiter erhöhen. Es droht eine ähnliche Situation wie damals in Griechenland, sollten die internationalen Institutionen versuchen, Frankreich dazu zu bringen, sich mit seiner Schuldensituation auseinanderzusetzen, wie sie es Anfang der 2010er Jahre mit den Südeuropäern getan haben.
 
Schuldendienst könnte schwieriger werden
Frankreich hat ein hohes Haushalts- und Leistungsbilanzdefizit, sieht sich mit Problemen der Schuldentragfähigkeit konfrontiert und muss in den nächsten 12 Monaten Schulden in Höhe von über 400 Milliarden Euro aufnehmen. Die Aussicht auf eine Regierung, die als "euroskeptisch und extrem" bezeichnet wird, könnte auch dazu führen, dass ausländische Investoren weniger bereit sind, französische Schulden zu kaufen. 

Frankreich bewegt sich auf eines von zwei extremen politischen Szenarien zu: eine funktionierende Mehrheit in der Nationalversammlung, die von der populistischen Rechten dominiert wird, oder eine linke Mehrheit, die auch die radikale Linke einschließen könnte. Da keine der beiden Gruppen marktfreundliche Prinzipien wie fiskalische Verantwortung oder eine einheitliche Währung vertritt, droht durchaus eine Neuauflage der Eurokrise, wenn nicht bei allen Beteiligten die Vernunft obsiegt.  

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