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Rohstoffe > Im Zweifel lieber Gold

Barren statt Bonds

| Oliver Götz

Goldbarren und steigender Goldpreis.
Der Goldpreis steigt und steigt. Zentralbanken, Investoren, Privatanleger: alle wollen mehr vom Edelmetall. (Foto: Shutterstock)

Der Goldpreis setzt seine irre Rekordjagd fort. Goldman Sachs hält einen Anstieg auf 5.000 US-Dollar für möglich. Eine zentrale Rolle dabei spielen: (US-)Staatsanleihen.

Der Goldpreis kennt kein Halten. Auch in dieser Woche verteuert sich das Edelmetall an der Börse munter weiter. Selbst mutige Prognosen wie die der US-Investmentbank Goldman Sachs mit einem erwarteten Kurs je Feinunze in Höhe von 3.700 US-Dollar bis Ende des Jahres sind bereits Makulatur. Mitte der Woche kosteten die 31,1 Gramm Gold 3.768 Dollar. Seit Jahresbeginn entspricht das einem Anstieg von über 40 Prozent. So stark hat sich das Edelmetall binnen Jahresfrist seit 1978 nicht mehr verteuert. Die Aktienmärkte können da nicht mithalten, obwohl der S&P500 inzwischen auch auf ein stattliches Jahresplus von rund 13 Prozent kommt. Der digitale hinkt der physischen Goldmünze ebenfalls hinterher, der Bitcoin kommt seit Januar nur auf ein Plus im einstelligen Bereich.

Am Freitag der vergangenen Woche verzeichneten Gold-ETFs einer Bloomberg-Analyse zufolge Zuflüsse von fast 27 Tonnen. Der höchste Wert seit Januar 2022. Zu Wochenbeginn kamen noch einmal knapp neun Tonnen hinzu. Im gesamten September sind den Fonds nun bereits 88 Tonnen physisches Gold zugeflossen. Zusätzlicher Rückenwind für die nun schon seit drei Jahren laufende und sich immer weiter beschleunigende Preisrally. Seit Herbst 2023 hat sich der Kurs mehr als verdoppelt.

Die Preisexplosion hat viele Gründe, darunter die gestiegenen geopolitischen Risiken vor dem Hintergrund des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sowie der zunehmend aggressiven Position Chinas in der Taiwan-Frage. Ein Krieg um den Inselstaat zwischen der Volksrepublik und den USA, die bis dato als militärische Schutzmacht Taiwans auftreten, hätte politisch wie wirtschaftlich unabsehbare Folgen. Nur eines ist fast sicher: Ein Crash an den Finanzmärkten. Gold wird diesbezüglich seinem Ruf als Krisenwährung und sicherem Hafen in unruhigen Zeiten einmal mehr gerecht. Schließlich sorgen nicht nur territoriale Konflikte für Unruhe, auch Donald Trumps erratische Zollpolitik verhindert verlässliches Investieren in globale Märkte. So wird Gold zum Stabilitätsanker und zu einer Art Sicherheitszone für die hohen Gewinne, die Investoren in den vergangenen Jahren am Aktienmarkt erzielt haben.

Investoren suchen Alternativen zu US Treasuries

Dass innerhalb dieser Sicherheitszone nun aber sogar eine fast viermal so hohe Rendite möglich war, wie mit einem Investment in den S&P 500, und ein Ende der Gold-Rally nicht in Sicht scheint, hat wohl noch mehr mit Staatsanleihen zu tun als mit Handelskonflikten und Kriegssorgen, insbesondere mit solchen aus den USA. Bonds der größten Volkswirtschaft der Welt galten lange Zeit als ähnlich sicherer Hafen wie ein Goldkauf, versehen mit dem zusätzlichen Vorteil jährlicher festgeschriebener Zinszahlungen. Doch das Vertrauen in die politische und wirtschaftliche Stabilität hat Risse bekommen. Die Schuldenquote der USA belief sich im vergangenen Jahr bereits auf rund 121 Prozent der Wirtschaftsleistung, für 2025 wird mit einem Anstieg auf 123 Prozent gerechnet. Die absolute Staatsverschuldung lag im August des laufenden Jahres bei 37,2 Billionen Dollar. Allein die Zinszahlungen dafür dürften 2025 erstmals bei über einer Billion Dollar liegen.

Ein Schulden-Pulverfass, an dessen Zündschnur Donald Trump gefährlich zündelt, indem kaum ein Tag vergeht, an dem der US-Präsident nicht versucht, die Unabhängigkeit der Notenbank zu untergraben. Prominente Stimmen, die vor einem Systemcrash warnen, mehren sich. Zuletzt sorgte Hedgefonds-Legende Ray Dalio für Aufsehen, indem er mit Blick auf die Schuldenlast vor einem „finanziellen Herzinfarkt“ der USA warnte. Ein solcher hätte wohl den Zusammenbruch des globalen Finanzsystems, wie wir es heute kennen, zur Folge.

So weit ist es noch nicht, doch allein der mit der Sorge davor einsetzende Vertrauensverlust in US Treasuries, verändert das Anlageverhalten von Investoren. Barren statt Bonds, lautet jetzt die Devise. Gold ziehe heute Kapital an, dass in der Vergangenheit in US-Staatsanleihen oder auch in deutsche Bundesanleihen geflossen sei, schreibt die Dekabank in einer Analyse. Die hohen Staatsschulden sind kein reines US-Problem, sondern ein globales. Nicht zuletzt droht auch die europäische Schuldenkrise wieder aufzuflammen, diesmal womöglich mit Frankreich im Zentrum, dessen Schuldenlast mit 3,35 Billionen Euro höher liegt als in jedem anderen Euro-Land, die Schuldenquote könnte im kommenden Jahr 120 Prozent des BIP erreichen.

Anleihen und Inflation vertragen sich nicht

So werden Staatsanleihen fast überall auf der Welt risikobehafteter, im Fokus aber stehen die der USA. Schließlich ließen sich die bei Krisen in anderen Ländern im Notfall ansteuern. Doch jetzt wächst gerade dort der Schuldenberg in beinah absurde Höhen und Donald Trump treibt die Fed mit seinen aggressiven Forderungen nach niedrigeren Zinsen, vor sich her. Dies wiederum könnte die Inflationsrate erneut ansteigen lassen, was wiederum die realen Renditen der Anleihen senkt oder sogar ins Negative verkehrt. Die klassische Diversifizierungsregel, zu 60 Prozent Aktien und zu 40 Prozent Anleihen im Portfolio zu halten, wird so zum Renditerisiko. Die Annahme, dass sich Anleihen in wirtschaftlich schwächeren Zeiten erholen, während risikoreichere Anlage wie Aktien nachgeben, womit die Volatilität im Depot gering bleibt, gilt nicht mehr.

Unsichere Rendite-Aussichten und zumindest Anzeichen von Sorge bezüglich der Bonität des Schuldners – ein toxisches Zusammenspiel, dass Investoren immer öfter zu Feinunze und Barren greifen lässt. Goldman Sachs geht davon aus, dass der Goldpreis in naher Zukunft bis auf 5.000 Dollar steigen könnte, sollte nur ein Prozent der privaten Gelder, die aktuell im Anleihe-Markt stecken, in Gold umgeschichtet werden. Je vehementer Trump die Unabhängigkeit der Fed untergräbt, desto wahrscheinlicher hält die US-Investmentbank ein solches Szenario. Der „Sell America“-Trade, der im Zuge der Zolleinführungen Trumps im April erstmals größere Schlagzeilen machte, dann aber schnell wieder abflaute, könnte neu aufflammen.

Staaten setzen auf die „Entdollarisierung“

Den Goldpreis lässt aber nicht nur die bloße Umschichtung von Vermögen steigen. Eng verbunden mit dem Verkauf von Staatsanleihen ist in der Regel auch eine abwertende Währung, im Fall der USA also des Dollars. Da Gold auf dem Weltmarkt überwiegend in Dollar gehandelt wird, wird es günstiger und wird in der Folge stärker nachgefragt. Hinzu kommt, dass eine längerfristige Abkehr von US-Staatsanleihen in Folge eines Vertrauensverlustes in die Staatsfinanzen, den Leitwährungs-Status des Dollar in Gefahr bringt. So treiben aktuell auch viele Zentralbanken mit Käufen den Goldpreis mit dem Ziel sich unabhängiger vom Greenback zu machen. Goldman Sachs erwartet gar eine „Entdollarisierung“ der Reserven mancher Schwellenländer. Gold sei bereits zur zweitgrößten Reservewährung aufgestiegen, erklärte Ray Dalio unlängst und riet Anlegern dazu vor dem Hintergrund sinkender Nachfrage nach Staatsanleihen in etwa zehn Prozent ihres Portfoliowerts in Gold zu stecken. „Wir werden erleben, dass Nicht-Fiat-Währungen zu einer immer wichtigeren Wertanlage für Vermögen und Geld werden“, so der Gründer von Bridgewater Associates. Dies dürfte dann neben einem Gold- auch für ein Bitcoin-Investment sprechen. Für den Moment verlassen sich Anleger aber auf die Historie, da hat Gold als Wertspeicher in Schuldenkrisen stets geliefert. Francisco Blanch, Rohstoffanalyst bei der Bank of America, hält sogar einen längerfristigen „Gold-Superzyklus“ für möglich, der über das Edelmetall hinaus auch weitere Industriemetalle sowie Minenaktien anschieben könnte.

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