boerse am sonntag - headline

Müssen wir frieren? Verlieren wir den Arbeitsplatz? Neun Antworten zu dem, was passiert, wenn kein Gas mehr fließt

(Bild: Shutterstock)



Webinar

Jobsalle Jobs

In den nächsten Tagen wird Nordstream 1, die Gaspipeline, durch die uns russisches Erdgas erreicht, planmäßig außer Betrieb genommen. Wegen Wartungsarbeiten. Aber fließt das Gas danach wieder weiter? Wenn nicht, muss Deutschland umdenken. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren.

Es ist Juli, es ist warm. Dass eine Notsituation bei der Versorgung mit Erdgas droht, dass im Herbst die Heizung, Warmwasser und Gasherd ausfallen könnten, spricht sich so langsam herum – aber so richtig fühlbar ist es noch nicht angekommen. Ganz aktuell wird der Füllstand der Gasspeicher in Deutschland mit 62 Prozent gemessen – Tendenz (noch) steigend. Und der strauchelnde Versorger Uniper hat als erster Konzern die Genehmigung zum Bau eines Flüssiggas-Terminals in Norddeutschland erhalten. Gute Nachrichten. Also kein Grund zur Beunruhigung? Leider doch. Eine Bestandsaufnahme in Fragen und Antworten.

1.    Wie steht es aktuell um die Lage beim Gasimport?

Russland ist nach wie vor der wichtigste einzelne Lieferant von Erdgas nach Deutschland und weiten Teilen Westeuropas. Nach zahlreichen Droh- und Wendemanövern hat der russische Exporteur Gazprom die Lieferung durch die Ostsee-Pipeline „Nordstream 1“ auf 40 Prozent der üblichen und vereinbarten Menge reduziert. Dies geschieht zu einem Zeitpunkt, da Deutschland die Gasspeicher für den kommenden Winter auf die gesetzliche Zielgröße von rund 90 Prozent auffüllen muss. Die fehlenden Gasmengen lassen sich zwar ersetzen, denn auf dem Weltmarkt ist der Rohstoff verfügbar - Deutschland etwa bezieht Gas über die Niederlande und beispielsweise Norwegen. Allerdings sind die Preise jüngst auf das Siebenfache des vergangenen Sommers gestiegen. Das zu verkraften ist nun die große Herausforderung für die Industrie und später dann auch unweigerlich die privaten Gaskunden.

2.    Wie geht es mit den russischen Lieferungen weiter?

Am 11. Juli wird die Pipeline Nordstream 1 turnusgemäß für 10 bis 14 Tage geschlossen. Dies dient der Wartung und Überholung des Systems. Angesichts des Verhaltens des russischen Machthabers Putin, dessen Willen der Staatskonzern Gazprom zu folgen hat, lässt sich nicht mit Sicherheit vorhersagen, ob in der letzten Juliwoche wieder Gas fließen wird. Experten wie etwa die Bundesnetzagentur bereiten sich auf ein Szenario vor, nach dem Russland womöglich den Hahn komplett abdrehen könnte. Allerdings würde Putin damit auch seine eigenen Deviseneinnahmen radikal verringern, denn für die großen Mengen Gas stehen keine weiteren Abnehmer direkt bereit, schon gar nicht zu jedem Preis. Ganz zu schweigen davon, dass die Infrastruktur dort nicht ist, wo sie gebraucht würde – etwa höhere Leitungs- und Schiffskapazitäten nach Indien und China, beides nach wie vor willige Profiteure des Konflikts in Europa. Von daher scheint die komplette Schließung den schlimmsten denkbaren Fall darzustellen, aber auch darauf will man natürlich vorbereitet sein. Die Frage, warum man viele Jahre lang alles auf die Russland-Karte gesetzt hat und das günstige Gas für selbstverständlich gehalten, wird eines Tages dann sicher noch ausdiskutiert werden.

3.    Was tut die Bundesregierung?

Von einer weiteren Verschärfung der Lage muss auch die Bundesregierung ausgehen, um nicht unvorbereitet in einen Chaoswinter zu schliddern. Noch vor der Sommerpause des Parlaments sollen aktuelle Gesetzesvorhaben verabschiedet werden, die eine Handlungsfähigkeit des Staates in einer möglichen Notsituation sicherstellen. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage: Wie sichert man das Überleben von Gasimporteuren, die momentan für Gas im Energiewert von einer Megawattstunde etwa 130 Euro zahlen müssen, aber langfristige Lieferverträge mit Erlösen von vielleicht 20 Euro haben – das kann nicht lange gutgehen. Bereits in Kraft ist das Energiesicherungsgesetz, nach dessen § 24 der Bund zugunsten der Importeure entscheiden kann, die höheren Einkaufspreise an Zwischenhändler und am Ende Privatkunden weitergeben zu dürfen. Bislang ist das nicht geschehen, zumal wahrscheinlich zahlreiche Rechtsstreitigkeiten drohen, wollte man die etwas schwammige Vorschrift umsetzen. In der Diskussion ist daher eine Umlage ähnlich der gerade ausgelaufenen EEG-Umlage beim Strom: Damit würden Abnehmer generell an den höheren Kosten beteiligt. Das könnte für einkommensschwache Haushalte allerdings untragbar werden und weitere staatliche Unterstützung erfordern. Weitere Möglichkeiten sind die Beteiligung des Bundes, also des Steuerzahlers, an strauchelnden Unternehmen der Branche.

4.    Drohen jetzt Pleiten im großen Stil?


Ginge es allein nach den Gesetzen der Marktwirtschaft, würden zahlreiche Importeure wohl in Kürze zusammenbrechen – die Diskrepanz der Einkaufs- und Verkaufspreise allein würde dafür sorgen, dazu kommen langfristige Verpflichtungen und Kredite, die bezahlt werden müssen. Der Bund hat bereits im Falle der deutschen Gazprom-Tochter vor längerer Zeit schnell reagiert: Die russische Muttergesellschaft wollte sie in die Pleite schicken, Deutschland übernahm sie kurzerhand und sicherte das Weiterbestehen unter dem Namen „Securing Energy for Europe“.
Ganz aktuell steht nun das börsennotierte Unternehmen Uniper im Blickpunkt. Geschieht nicht bald etwas, droht die Insolvenz. In Gesprächen mit der Bundesregierung soll nun ein Ausweg gefunden werden – sei es in einer direkten Beteiligung auf Zeit, wie schon im Krisenfall einst bei der Commerzbank und bei Lufthansa, sei es in Form von Darlehen, die dann etwa mit den Einnahmen aus einer künftigen Gas-Umlage zurückgezahlt werden könnten.

5.    Wie geht es weiter mit den Notfallplänen?

Eine große Hoffnung ruht auf den geplanten schwimmenden Terminals für Flüssigerdgas (LNG), das per Schiff angeliefert wird. Die Genehmigung zum Bau des ersten in Wilhelmshaven wurde gerade erteilt – Betreiber: Uniper. Allerdings wird diese Versorgung, die dann auch später über Terminals an Land gesichert werden soll, für den akuten Notfall-Winter nicht mehr entscheidend wirksam. Die Inbetriebnahme weiterer LNG-Terminals fällt erst ins kommende Jahr. Falls es wirklich knapp wird, müsste die Regierung nach der jetzigen „Alarmstufe“ die „Notfallstufe“ ausrufen, im Notfallplan Gas so vorgesehen. Dies würde dann Rationierungsmaßnahmen nach sich ziehen, über deren genau Ausgestaltung bislang nicht entschieden ist. Noch wird diskutiert, in welchem Umfang industrielle und private Verbraucher sich einschränken müssten. Bei der Bundesnetzagentur entwickelt man derzeit Pläne, natürlich mit dem Ziel, den zwangsläufig eintretenden Schaden so gering wie möglich zu halten. Negative Auswirkungen auf die Konjunktur und den Arbeitsmarkt wären in diesem Fall jedoch mit Sicherheit unvermeidbar. Daher soll der am wenigsten schädliche Weg gefunden werden, indem zum Beispiel Industriekunden feststellen, auf welche Gasmengen sie vielleicht verzichten könnten – wenn der Preis dafür stimmt. Die freiwerdenden Mengen könnten dann von anderen Unternehmen sozusagen per Gebot ersteigert werden.

6.    Welche Branchen wären am härtesten betroffen?

Gar kein Gas mehr zu erhalten, wäre für zahlreiche Industrieunternehmen das sichere Aus. Der größte Abnehmer in Deutschland ist das Chemieunternehmen BASF mit Sitz in Ludwigshafen. Gas ist Betriebsmittel, Energiequelle und Rohstoff. Die Chemieindustrie braucht etwa zwei Fünftel der Gasmenge, die in Deutschland bei gewerblichen Verbrauchern landet. Weitere Großabnehmer sind die pharmazeutische Industrie, Textil-,  Metall-, Autoindustrie und Drucker und Getränkehersteller. Hier wären im Ernstfall, falls marktwirtschaftliche Prozesse nicht zum Ziel führen, auch Eingriffe des Staates nötig – eine Art Mangelbewirtschaftung entstünde, die jene nach 1950 Geborenen sich bislang kaum vorstellen können. Der gesamtwirtschaftliche Schaden wäre erheblich, gesellschaftliche Verwerfungen kaum auszuschließen. Schon von daher versuchen Bundeswirtschaftsminister und Netzagentur, solche Notfälle zu vermeiden, so gut es eben geht.

7.    Gibt es weitere Lösungswege?


Naheliegend ist natürlich der Versuch, Gas durch andere Energieträger zu ersetzen, wenn auch nun in größter Eile. Bereits im Gange ist der Weiterbetrieb von Kohlekraftwerken zur Entlastung der Gaskraftwerke, was jedoch umweltpolitisch keine Ideallösung darstellt. Daher mehren sich die Rufe danach, die für die Abschaltung zum Jahresende vorgesehenen Kernkraftwerke weiterlaufen zu lassen – die Betreiber haben sich bereits positiv geäußert. In der Bundesregierung hat man dies bislang ausgeschlossen. Würde dies so entschieden, stünden längerfristig drei weitere Kernkraftwerke zur Reaktivierung zur Verfügung – hierfür plädiert aktuell etwa der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Werner Sinn (ehemals Ifo-Institut).

Es gibt Vorhaben, dort, wo möglich, Gas durch Elektrizität als Energiequelle zu ersetzen. Doch weder von der Kostenseite her noch von der freien Verfügbarkeit ist dies eine nachhaltige Lösung. Strom müsste in jedem Fall in großer Menge aus den Nachbarländern importiert werden, wo er aus Kohlekraft (etwa in Polen) oder vorwiegend Kernkraft (etwa in Frankreich) erzeugt wird. Nicht kurzfristig wirksam, aber ironischerweise für die Zukunft eine Patentlösung: Eigene Gasvorkommen in Niedersachsen. Die für das gesamte Land lange reichen würden – wenn nicht die Gewinnungsmethode, das Fracking, in Deutschland absolut tabu wäre.

8.    Was ist mit Energiesparmaßnahmen?

In der aktuellen Debatte gibt es zahlreiche Stimmen, die zum Einsparen von Gas beim privaten Verbrauch aufrufen. Dass dies die Gasrechnung etwas im Zaum halten könnte, erscheint logisch. Inwieweit es angesichts der galoppierenden Preise tatsächlich spürbar wird, wenn man kühler-kürzer duscht, lau badet oder ab Herbst nur noch ein Zimmer heizt (sofern man mehrere zur Wahl hat), ist ein Rechenexempel. Privaten Verzicht am Ende auch merklich beim gesamtdeutschen Gasverbrauch ablesen zu können, dürfte zweifelhaft sein. Wirksam wäre hingegen wirklich ein Zurückfahren des Verbrauchs in der Industrie, wo man bereits deutlich länger an Sparmöglichkeiten tüftelt – schon im eigenen Gewinninteresse. Technologische Lösungen dürften sich daher eher auswirken als kleinteilige Selbstversuche. Am Ende spricht ohnehin ein gewichtiger Teilnehmer am Geschehen das letzte Wort: Das jahreszeitliche Wetter nämlich.

9.    Kann man irgendwo wenigstens am Preisboom teilhaben?


Die Frage, wie man sich als Sparer oder Geldanleger auf die Gewinnerseite schlagen kann, liegt nahe. Sie ist allerdings knifflig zu beantworten. Der bereits erwähnte Großimporteur Uniper etwa ist durch den Preisboom in eine böse Klemme geraten, und der Börsenkurs spiegelt dies. Die Uniper-Aktie rutschte zuletzt unter zehn Euro, nachdem sie zum Jahreswechsel noch 42 Euro wert war. Und im jetzigen Kurs um die zehn Euro ist auch die Spekulation enthalten, dass das Unternehmen zu wichtig ist, als dass der Staat es in den Konkurs rutschen lassen würde. Großverbraucher BASF ist an der Börse ebenfalls unter Druck – hier würde man dann eben kühn darauf spekulieren, dass alles schon nicht so schlimm werden wird.

Etwas weniger riskant sind da Fonds oder börsengehandelte Indexfonds (ETF), die sich einen Rohstoffindex als Messlatte gewählt haben. Dazu zählt etwa der amerikanische „Bloomberg Commodities Index“, der für zahlreiche Güter aus den Bereichen Energieträger, Metalle oder Edelmetalle die Wertentwicklung dokumentiert. Angelehnt an diesen Index gibt es zahlreiche Fonds – allerdings kommt das Währungsrisiko hinzu, da diese Papiere in Dollar notiert sind. Ob ein Investment jetzt nicht schon zu spät ist, muss man natürlich ebenfalls für sich beantworten – das Risiko lässt sich mit einem Aktiensparplan und gleichmäßigen regelmäßigen Einzahlungen etwas strecken. Je nach Anlagesumme, das ist natürlich die Gewissensfrage, kann man im Idealfall die nächste Gasrechnung komplett aus den Kursgewinnen begleichen. Oder aber – man zahlt frierend bei beidem am Ende heftig drauf.

Reinhard Schlieker

Lesen Sie auch: Die Top 100 und die 40 Zwerge

08.07.2022 | 12:53

Artikel teilen:

×