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„US-Aktien sind weiterhin gefragter als deutsche oder europäische Titel“

Der Kampf ums Weiße Haus beschäftigt die Märkte - die Angst vor einem knappen Wahleregebnis geht um. (Foto: Alexandr Junek Imaging / Shutterstock)



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Der Wahlkampf in den USA biegt auf die Zielgerade. Und wirft am Aktienmarkt seine Schatten voraus. Unsicherheit dominiert zunehmend das Geschehen. Wie reagieren die Börsen auf ein knappes Wahlergebnis? Wie auf welchen Kandidaten? Und welche Auswirkungen spürt Europa? Maik Thielen, Marktexperte beim Sparkassen Broker, im Interview.

Herr Thielen, wie gut sind Wahljahre in den USA an der Börse?


Grundsätzlich sind Wahljahre an der Börse verhalten positiv. Allerdings beginnt die Jahresendrally meistens ein wenig später, als es sonst üblich ist. Die Jahresendrally startet normalerweise Anfang oder Mitte Oktober; in Wahljahren oft erst Ende November, wenn die Unsicherheit gewichen ist. Man kann dann eher von einer Weihnachtsrally sprechen. Nachwahljahre sind in der Regel recht  positiv für den Aktienmarkt.

Welche Auswirkungen hat die bevorstehende US-Wahl aktuell auf die Märkte?


Die Unsicherheiten sind in diesem Jahr ja ohnehin schon groß durch die Folgen der Coronakrise und den Handelsstreitigkeit zwischen China und den USA. Vor den US-Wahlen ist die Volatilität jetzt aber noch mal weiter gestiegen, was man beispielsweise am Volatilitätsindex „VIX“ des S&P500 ablesen kann. Trump und Biden stehen einfach grundsätzlich für gegensätzliche Inhalte. Es ist allerdings zu befürchten, dass sich die aktuelle Unsicherheit nicht direkt mit der Wahl auflösen wird. Denn bei einem knappen Wahlsieg muss man wohl damit rechnen, dass der Verlierer die Wahl anfechten wird. Von daher bringt möglicherweise auch der Wahlabend für die Marktteilnehmer keine Klarheit, wie es in den kommenden Jahren in den USA weitergeht. Das wäre kein gutes Signal, denn wenn es etwas gibt, was die Börse nicht mag, dann ist es Unsicherheit.

Welche Folgen hätte es für den Aktienmarkt, wenn Donald Trump am 3. November wiedergewählt wird?

Wenn Trump gewinnt, wird er wie bisher auf niedrige Steuern setzen. Er wird weiter versuchen, Branchen wie die Öl- und die Stahlindustrie in den USA zu schützen. Für den Waffensektor wäre eine Wiederwahl Trumps natürlich ebenfalls ein positiveres Signal, denn die Demokraten wollen den Waffenbesitz beschränken. Auch Tech-Aktien würden durch die niedrigen Steuern wohl weiter boomen – vielleicht sogar mehr als unter Biden, der angekündigt hat, Unternehmenssteuern zu erhöhen.. Dazu kommt natürlich, dass Corona die Digitalisierung insgesamt deutlich beschleunigt hat, wovon diese Firmen ebenfalls in besonderem Maße profitieren.

Und wenn Joe Biden gewinnt?

Dass Biden wohl die Unternehmenssteuer erhöhen will, habe ich ja bereits erwähnt. Das würde dem Aktienmarkt ganz generell erst mal gar nicht schmecken, weil diese Maßnahme natürlich einen negativen Einfluss auf die Unternehmensgewinne in den USA hätte. Auf der anderen Seite wird unter einem Präsidenten Joe Biden der Sektor der erneuerbaren Energien weiter in den Fokus rücken. Er hat auch schon angekündigt, dass er in Infrastruktur-Programme investieren will, was zum Beispiel gut für die Baubranche sein dürfte.

Sie haben gerade die Volatilität der S&P500-Aktien angesprochen. Setzen die Trader denn aktuell vermehrt auf europäische oder auch deutsche Aktien aufgrund der politischen Unsicherheiten in den USA?

Insgesamt kann man das mit Blick auf die Kursentwicklungen eher nicht beobachten. Der DAX ist schon seit Monaten in einer Art Starre gefangen und bewegt sich mehr oder weniger nur seitwärts. Beim Euro-STOXX ist es genauso. Dagegen sind US-Indizes – insbesondere S&P500 und der NASDAQ Anfang September auf neue Rekordhochs gezogen. US-Aktien sind weiterhin gefragter als deutsche oder europäische Titel, das muss man ganz klar sagen. Was man in den vergangenen Wochen mit Blick auf die US-Einzelaktien gesehen hat: Neben Tech-Aktien haben besonders Wertpapiere aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien zugelegt, also beispielsweise Solar, Wind und Wasserstoff. Dazu hat möglicherweise der Vorsprung beigetragen, den Joe Biden in den Umfragen hatte und auch noch hat. Er plant, ein großes Paket zu schnüren, das die USA in Richtung einer emissionsfreien Gesellschaft bringen soll. Und dafür nehmen  regenerative Energien natürlich eine Schlüsselrolle ein.

Wie wird sich die Wahl eines neuen Präsidenten auf Europa oder auf Deutschland auswirken?

Ich gehe davon aus, dass beide die Handelsstreitigkeiten mit Europa fortsetzen. Donald Trump würde das natürlich ein wenig anders tun als Biden, der eher gemäßigter auftritt. Die Seitwärts-Bewegung am europäischen Aktienmarkt ist aber meiner Meinung nach weniger durch die US-Wahl und mögliche Handelsstreitigkeiten begründet als durch die Schwäche in Europa selbst. Europäische Unternehmen und die EU müssen auf sich schauen und versuchen, nachhaltig für Wachstum zu sorgen. Das hat jahrelang gefehlt. Wenn man aber in Schlüsseltechnologien oder Industrien der Zukunft dabei sein will, dann muss man die Themen selbst vorantreiben.  Dann ist auch weniger relevant, was aus den USA kommt. Geht es so weiter wie bisher, wird der europäische Aktienmarkt im Vergleich zu den USA auch zukünftig hinterherhinken.

Sie sind beim S Broker im engen Kundenaustausch, leiten eine eigene Webinar-Reihe. Was verunsichert die Trader aktuell mehr: die US-Wahl oder die Coronakrise?

Maik Thielen: Die Coronakrise ist aktuell der größte Unsicherheitsfaktor, aber auf der anderen Seite auch ein großer Treiber am Aktienmarkt. In Deutschland und auf der ganzen Welt haben wir wohl noch nie so viele Aktientransaktionen gesehen wie aktuell. Es ist normal, dass die Krisensituation rund um Corona jetzt die Schnäppchenjäger anzieht, aber es finden auch viele Umschichtungen statt. Die Anleger werfen Branchen aus den Portfolios, die von Corona hart getroffen wurden wie beispielsweise die Ölindustrie oder Reiseunternehmen. Auf der anderen Seite profitieren durch die beschleunigte Digitalisierung natürlich die Tech-Werte sowie E-Commercer und Logistik-Unternehmen, aber auch Supermarktketten und Konsumgüterfirmen zeigen sich gut in Form. Dass man aktuell eher aktives Portfoliomanagement betreiben muss, ist richtig – wer weiß denn schon genau, welche Firmen aus den gebeutelten Branchen überleben? Wichtig ist aber auch, dass die Anleger in dieser unsicheren Phase jetzt auch die richtigen Firmen wählen und nicht zu sehr bei angeschlagenen Firmen auf das Prinzip Hoffnung setzen.

Maik Thielen ist Marktexperte beim Sparkassen Broker www.sbroker.de

Er verantwortet als Senior-Produktmanager beim Sparkassen Broker die Bereiche CFD-Handel, S-Broker-Akademie und das Informationsangebot für Top-Trader. Thielen ist zertifizierter technischer Analyst und Mitglied der "Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands".

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29.10.2020 | 17:40

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