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Münchener Rück: Gut und Günstig

Die Aktie der Münchener Rück war schon mal in glänzenderer Verfassung, Anleger könnten das als Chance begreifen. (Foto: Chris Redan / Shutterstock)



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Sorgen vor hohen Belastungen durch die Coronakrise haben dem Kurs des deutschen Branchenprimus zugesetzt. Die Zahlen zum dritten Quartal dürften dazu wenig erfreuliches bieten. Aber gerade deshalb ist die Aktie des Versicherers jetzt attraktiv.

Nach einem zunächst starken Comeback fiel die Aktie der Münchener Rück über den Sommer in der Gunst der Anleger, was seinen Ursprung im Abdriften der gesamten Branche in unruhiges Fahrwasser hatte. Immer mehr setzten sich Sorgen vor hohen Belastungen durch die Coronakrise in die Köpfe von Investoren. Mögliche Ausfallzahlungen im Hinblick auf behördlich angeordnete Betriebsschließungen könnten in die Milliarden gehen, wegbrechende Veranstaltungen, Kongresse und Messen drücken die Nachfrage, im Anlagegeschäft belasten die niedrigen Zinsen. Die unsichere Lage rundum das Virus und seinen längerfristigen Einfluss auf das Weltwirtschaftswachstum bremsen überdies. Und so trottete also auch der Kurs des Münchner Rückversicherers unsicher vor sich her und gab den im März so sprunghaft eingeleiteten Aufwärtstrend im September ganz auf. Aktuell kostet die Aktie 212 Euro. Es waren nach dem Corona-Crash auch schon einmal 250 Euro. Zu Jahresbeginn, vor der Krise, gab es die Papiere für 283 Euro – höher waren sie nur zu Zeiten der Dotcom-Blase um das Jahr 2000 bewertet.

In Kürze, am 5. November, veröffentlichen die Bayern nun die Zahlen zum dritten Quartal. Auch diesbezüglich heißt es wohl: Ball flach halten. Das Gros der Analysten spricht von herausfordernden drei Monaten. Es gibt prächtigere Umstände, wenn sich alles um die Frage dreht: Kaufen oder verkaufen? Bei der Münchener Rück allerdings stehen die Sterne weit besser, als die jüngsten Momentaufnahmen nahelegen. Weshalb man in der längerfristigen Betrachtung durchaus zu dem Schluss kommen kann, die Frage mit „Kaufen“ zu beantworten.

Operativ stehen die Chancen für eine Kehrtwende gut

Warum das so ist, liegt zuvorderst an drei Faktoren. Die Aktie ist günstig, verspricht eine stabile Dividende und die Chancen auf operative Überraschungen in der Zukunft sind deutlich höher zu messen, als solche der negativen Sorte. Das KGV der Aktie liegt aktuell zwar bei nicht ganz so niedrigen 17,4 Punkten, begründet in den coronabedingten Gewinneinbußen. Das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2021 allerdings steht dann schon nur noch bei zehn Punkten. Das wäre günstig.

Abseits dieses Indikators deuten nach wie vor intakte Wachstumschancen auf Besserung bei Einnahmen und Erträgen hin, die das 2019er Niveau auf kurz oder lang knacken dürften. So rechnet der weltgrößte Rückversicherer unter andrem mit einer steigenden Nachfrage im Geschäft mit Cyber-Versicherungen. Der Markt könnte bis 2025 auf rund 17 Milliarden Euro anwachsen, schätzt der Konzern. 2020 dürften die Prämieneinnahmen nach Berechnungen der Münchner in der Branche bei knapp sechs Milliarden Euro liegen. Für den Branchenprimus gilt das Geschäft mit Cyber-Assekuranzen als wichtiges strategisches Wachstumsfeld. Apropos wachsen: Das dürften im kommenden Jahr auch die Preis in der Schaden- und Unfall-Rückversicherung. Hohe Zinserträge waren einmal – die Branche muss sich anderweitig absichern. Was auf der einen Seite belastet, rechtfertigt auf der anderen steigende Prämien. Und die können Rückversicherer eher durchsetzen als Erstversicherer, die auf einem umkämpfen Markt Endkunden anlocken müssen. Hinzu kommt nach Aussagen der Hannover Rück, der deutschen Nummer Zwei, eine steigende Nachfrage nach Deckungen durch finanzstarke Rückversicherer, was die bereits erkennbare Trendwende hin zu steigenden Preisen stütze. Entsprechend sehen die Niedersachsen „profitable Wachstumschancen auf breiter Ebene“. Gleiches dürfte auch für die bayerische Konkurrenz gelten. All das führt zu berechtigten Hoffnungen auf eine früher oder später einsetzende operative Trendwende. Im Kurs ist davon für den Moment allerdings noch nichts zu sehen.

Dividende nicht in Gefahr


Was er Anlegern hingegen verrät, ist eine besonders süße Dividendenrendite von 4,7 Prozent. Nun können Ausschüttungen auch einkassiert werden, doch dafür sieht sich die Münchner Rück viel zu gut am Markt positioniert und finanziell sehr solide aufgestellt. „Es ist seit Jahrzehnten unsere Ambition und ausnahmslos gelebte Praxis, dass unsere Dividende gleich bleibt oder steigt“, erklärte Konzernlenker Joachim Wenning vor kurzem dem Handelsblatt und ergänzte: „So wird es - Stand heute - auch im nächsten Jahr bleiben. Unsere wirtschaftliche Substanz ist so groß, dass uns die Volatilitäten von Jahr zu Jahr nicht sorgen.“

Berenberg-Analyst Michael Huttner gibt Kursziel in Höhe von 306 Euro aus

Langfristig betrachtet, erscheint die Münchener Rück-Aktie derzeit summa summarum als gut und günstig. Kurzfristig hält die Pandemie Risiken bereit. Möglich, dass die Aktie noch einmal federn lässt. Konservative Investoren könnten die Zahlen zum dritten Quartal und die US-Wahl noch abwarten. Für mutige Anleger ist die Einstiegschance aber vielleicht schon da. Barclays-Analystin Claudia Gaspari schätzt, dass die bevorstehende Erneuerungsrunde und die anstehende Dividendensaison den Versicherungssektor nach der Berichtsaison stützen werden. Ihr Kursziel für das Papier der Münchener Rück legte sie auf 269 Euro fest. Berenberg-Analyst Michael Huttner geht mit anvisierten 306 Euro noch einen Schritt weiter. Für Huttner ist die Munich Re sogar ein Gewinner im derzeitigen Umfeld. Dazwischen positioniert sich mit 275 Euro RBC-Experte Kamran Hossain, der weiter eine schwächelnde Geschäftsentwicklung befürchtet, aber für die Zukunft ebenfalls die sich aufbessernden Preistrends positiv verbucht.

Die Märkte präsentieren sich aktuell wieder volatiler, steigende Corona-Zahlen und die bevorstehende US-Wahl sorgen für Unsicherheit. Das ist kein einfaches Umfeld für Anleger. Aktien wie die der Münchner Rück gehören dank ihrer defensiven Qualitäten aber zu den Werten, die in diese Zeit gut zu passen scheinen.

OG

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19.10.2020 | 21:40

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