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Börsenstar Tesla: Warum Elon Musk Volkswagen weit hinter sich lässt

Mehr als nur ein Autobauer: Elon Musk ist mit Tesla der Überflieger des Börsenjahres 2020 (Bild: picture alliance / newscom | JOE MARINO).



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Während sich VW-Chef Herbert Diess in Machtkämpfe verstrickt, setzt Tesla-Chef Elon Musk zu neuen Höhenflügen an. Der eine ringt mit dem Betriebsrat, der andere will jetzt auch eine Batteriefabrik in Deutschland aus dem Boden stampfen. Aktionären fällt die Entscheidung, wer zukunftsfähiger aufgestellt ist, damit leicht.

Wenn der Boss des wertvollsten Autoherstellers der Welt, Elon Musk, einen Tweet absetzt, dann geht es oft um seine Raketenfirma SpaceX. Es geht auch mal um die Gesetze der Themodynamik: „Du kannst gewinnen. Du kannst sie nicht besiegen. Du kannst nicht aufhören zu spielen.“ Wenn der Chef des größten Autokonzerns der Welt, Herbert Diess, dagegen auf Social Media öffentlich unterwegs ist, liest sich das so: „Die entscheidende Frage für mich als CEO, das Vorstandsteam und die Führungskräfte, die die Situation erkennen: Wie bringen wir diesen riesigen Konzern mit all seinen Stakeholdern trotz der heutigen Erfolge dazu, jetzt umzudenken, radikal umzupriorisieren und neue Fähigkeiten anzustreben? Wir sind kein Startup, wir haben über Jahrzehnte gewachsene Strukturen und Prozesse. Viele verkrustet und kompliziert. Und vor allem unterschiedlichste Interessen und politische Agenden im Konzern“, schrieb VW-Chef Diess am Wochenende auf LinkedIn und fügte hinzu: „Bei meinem Amtsantritt in Wolfsburg habe ich mir fest vorgenommen, das System VW zu verändern. Heißt: alte verkrustete Strukturen aufzubrechen und das Unternehmen agiler und moderner aufzustellen. Das ist mir gemeinsam mit vielen Weggefährten mit gleicher Motivationslage an vielen Stellen gelungen, an einigen nicht, allen voran in unserer Konzernzentrale in Wolfsburg noch nicht.“

In der Vergangenheit verstrickt

Der Unterschied ist augenfällig: Der eine, Musk, lebt in der Zukunft. Der andere, Diess, wird die Vergangenheit nicht los. Die Erkenntnis treibt die Investoren an der Börse schon lange um. Während der Kurs von Musks Autokonzern Tesla monatlich neue Höhen erklimmt und dazu beiträgt, dass die Firma an der Börse inzwischen zweieinhalb Mal so viel wert ist, wie alle deutschen Autobauer zusammen, geht es für die Volkswagen-Aktie langsam aber stetig bergab. Es sieht so aus, als bewegte sich der Wolfsburger Konzern, der bald 90 Jahre auf dem Buckel hat, nur unter den heftigsten Schmerzen an all seinen Gliedern voran, während Tesla daneben als 17jähriger Jugendlicher spurtet, sprintet und selbst, wenn er strauchelt, wieder aufsteht und weiterläuft. Und da an der Börse Erwartungen gehandelt werden, trauen Investoren dem jugendlichen Springinsfeld deutlich mehr zu. Analysten verorten die VW-Aktie dagegen im „Niemandsland“ der Börse.

In dieser Woche wurde der Unterschied zwischen beiden wieder besonders gut sichtbar: Elon Musk erkundigte sich – Corona hin, Reisebeschränkungen für US-Bürger her - persönlich in Brandenburg nach dem Baufortschritt seiner Tesla-Fabrik und holte sich in Berlin den Axel-Springer-Award ab. Und nebenbei wiederholte er seine Ankündigung aus dem November, dass er neben der neuen Autofabrik in Deutschland auch noch eine neue Batteriefabrik bauen wolle, natürlich eine der größten der Welt.

Ganz anders klingen die Nachrichten aus der Konzernzentrale von VW in Wolfsburg. Dort deutet Diess einen Machtkampf an, bei dem er sich, wenn er ihn selbst auf LinkedIn befeuert, in einer offenbar heiklen Lage befindet. Die Auseinandersetzung schwelt seit Monaten. Im Sommer hatte Diess dabei schon einmal den Kürzeren gezogen. Fünf Jahre nach dem Abgang von Martin Winterkorn und zwei Jahre nach dem Rückzug von Matthias Müller verlor er seine Zuständigkeit für die Kernmarke des Konzerns: VW. Der Aufsichtsrat, in dem die Arbeitnehmervertreter ein wichtiges Wort mitzureden haben, hatte es so entschieden.

Während die Konzernchefs bei Volkswagen offenbar keine lange Halbwertszeit haben, bleibt die Führung des Betriebsrats konstant: Bernd Osterloh hat sich vor 15 Jahren an die Spitze manövriert. Die Entmachtung von Diess, den er wegen seiner karierten Jacketts gern „Onkel Herbert“ nennt, hatte er im Sommer durch einen Brief unterstützt, in dem er den Volkswagen-Chef öffentlich Versagen bei der Entwicklung neuer Modelle vorwarf: E-Auto und neuer Golf konnten lange wegen ungelöster technischer Probleme nicht ausgeliefert werden.

Der nächste Showdown droht

Der Konflikt zwischen Betriebsrat und Vorstand hat sich bis heute nicht entschärft, sondern im Gegenteil: Eine in diesem Monat anstehende Aufsichtsratssitzung könnten zu einem neuerlichen Debakel für Diess werden. Er will zwei Vorstandsposten besetzen und den eigenen Vertrag verlängert sehen. Es geht ihm um mehr Geschwindigkeit und mehr Rentabilität. Osterloh dagegen, mit der IG-Metall im Rücken und der SPD geführten niedersächsischen Landesregierung an der Seite, will allenfalls behutsame Veränderungen im Stammland des Konzerns geschehen lassen. Onkel Herbert geht ihm da zu ruppig vor.

Im Vergleich zu Musk sieht Diess alt aus. Aber vielleicht tröstet es ihn, dass der Vergleich hinkt. Käfer-Konstrukteur Ferdinand Porsche mit seiner bahnbrechenden Idee eines zuverlässigen und bezahlbaren Volkswagens wäre der passendere Gegenpart zu dem US-Allroundgenie. Knapp 90 Jahre später ist aus Porsches technischem und sportlichen Ehrgeiz jener behäbige Weltkonzern in Wolfsburg geworden. Die Frage, wo Tesla steht, wenn es dann einmal so uralt geworden ist, bringt zwar heute niemanden weiter, aber erklärt den Unterschied ganz gut.                            

Oliver Stock

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01.12.2020 | 16:03

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