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Steigende Zinsen: Outperformance der Finanztitel könnte gerade erst begonnen haben

(Foto: Felix Lipov / Shutterstock)



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Der bevorstehende Kurswechsel in der Geldpolitik beflügelt Finanztitel. Banken profitieren direkt von steigenden Zinsen in einer prosperierenden Wirtschaft, denn dann verdienen sie mit mehr Krediten mehr Geld. Da könnte die Outperformance des Finanzsektors während der Turbulenzen am Gesamtmarkt in den vergangenen Tagen nur ein kleiner Vorgeschmack auf das gewesen sein, was in Sachen Sektor-Rotation in diesem Jahr am Aktienmarkt zu erwarten ist.

Mit dem Start ins neue Börsenjahr sind die Probleme die gleichen geblieben. Eine weiter galoppierende Inflation, wie die Rate von sieben Prozent in den USA für Dezember zeigt, und auf der anderen Seite die nun wahrscheinlich zu spät einsetzende Einsicht der Notenbanken, diese bremsen zu müssen, setzen Aktien und Anleihen derzeit gewaltig unter Druck. Gegen den schwachen Trend vor allem der Technologieaktien konnten in den ersten Handelstagen des Jahres besonders Aktien aus dem Finanzsektor und der Energiebranche profitieren. Zwei Sektoren die im vergangenen Jahrzehnt den meisten Anlegern keine Freude bereitet haben. Als in den USA die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen auf ein Mehrjahreshoch von über 1,8 Prozent stieg, legte der größte börsengehandelte ETF des Finanzsektors gegen den Trend im Gesamtmarkt um satte 2,6 Prozent zu.


Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die überdurchschnittliche Performance des Finanzsektors der vergangenen Wochen könnte Aufschluss darüber geben, was Anleger im Falle eines tatsächlichen nachhaltigen Zinsanstieges für die Zukunft zu erwarten haben, wenn die US-Notenbank ihre Politik des billigen Geldes beendet. Die Banken können darauf hoffen, mit steigenden Zinsen eine neue alte Einnahmequelle zurückzubekommen. Trotz der Tatsache, dass sich diese Erwartungen in der Vergangenheit oft als Strohfeuer entpuppt hatten, da es am Ende nie dazu kam, lebt die Hoffnung erneut auf. Finanzwerte profitieren von steigenden Zinsen und von den Turbulenzen an den Wertpapiermärkten gleich in zweifacher Hinsicht.

Endlich wieder steigende Zinsen

In der Corona-Pandemie haben die Geldhäuser ihre Widerstandsfähigkeit mit regen M&A-Geschäften und steigenden Handelsaktivitäten mehr als unter Beweis gestellt. Auf der anderen Seite wurden die Bilanzen durch die niedrigen Anleiherenditen belastet. Sie schmälern die Nettozinsmargen. Die Differenz zwischen den Zinsen, die sie für Kredite erhalten, und dem, was sie für Einlagen auszahlen, liegt auch trotz der jüngsten Erholung noch im negativen Bereich. Der positive Trend dürfte sich allerdings fortsetzen, wenn die US-Notenbank im Frühjahr auf einen Zinserhöhungskurs einschwenkt. Damit könnte auch das stiefmütterliche Dasein der Banken ein Ende finden und der Finanzsektor eine interessante Gelegenheit für Anleger bieten. Auch da Bankaktien als einer der wenigen Sektoren im Vergleich zu anderen Gruppen vergleichsweise unterbewertet aussehen, was zumindest für Europa seine ganz speziellen Gründe hat. Deutlich teurer sind die US-Banken, die im Durchschnitt dennoch nur mit dem 10,7-fachen der für das nächste Jahr erwarteten Gewinne gehandelt werden.

Ende Januar wird es Ernst

Am 26. Januar wird der Offenmarktausschuss der US-Notenbank zu seiner nächsten turnusmäßigen Sitzung zusammenkommen. Zwar wird auch nach dem jüngsten Inflationsanstieg zu diesem Termin noch keine Zinserhöhung erwartet, jedoch erhofft sich der Markt Klarheit darüber, ob es bereits im März zu einer solchen kommen könnte. Wie die Börse ist auch die Fed gezwungen, nach dem Auftauchen der Omikron-Variante und noch immer nur wagen Erkenntnissen über Infektionsraten und Krankheitsverläufe zwischen einer Unterstützung der Wirtschaft und der Bekämpfung der Inflation zu entscheiden. Beide tendieren aktuell dazu, den weiteren Pandemieverlauf als Risiko eher auszublenden und gehen von einer baldigen Normalisierung des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens aus. Der Aktienmarkt hat deshalb bereits im November damit begonnen, den geldpolitischen Kurswechsel der Fed in die Kurse einzupreisen. Offen bleibt die Frage über das Tempo des Wandels, der eine der stärksten Veränderungen an den Finanzmärkten der vergangenen 20 Jahre darstellen dürfte. Und nur weil jetzt die bevorstehende Gezeitenwende immer öfter in einem Atemzug mit dem Ende des Bullenmarktes genannt wird, heißt das noch lange nicht, dass die Börse schon auf das vorbereitet ist, was passieren könnte. Denn trotz der für dieses Jahr bereits befürchteten vier Zinserhöhungen könnte in einem Akt der Stärke und der möglichen Corona-Normalisierung der Aktienmarkt, angeführt vom Finanzsektor, seinen Aufwärtstrend fortsetzen.

Auch angesichts des Marktverhaltens in den vergangenen vier Zinserhöhungszyklen könnte die Kaufaktivität in den nächsten Monaten erneut zunehmen, wenn die Anleger die Auswirkungen komplett eruiert haben. In der Vergangenheit hat der S&P 500 ein Jahr vor der ersten Zinserhöhung bis sechs Monate danach im Durchschnitt fast 15 Prozent zugelegt. Das bedeutet jedoch nicht, dass Anleger blindlings ihr Geld jetzt in den Aktienmarkt investieren sollten. Denn die Volatilität dürfte weiter hoch bleiben, mit am Ende eventuell überraschenden Profiteuren.

Von Konstantin Oldenburger, Marktanalyst CMC Markets

13.01.2022 | 15:35

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