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Verkauft RWE die Konzerntochter Innogy unter Wert?

Erneuerbare Energien jetzt ganz weit vorn: RWE (Bild: RWE)


Der Deal der beiden großen deutschen Energieversorger Eon und RWE mit Innogy als leidtragendem Spielball nimmt immer mehr Gestalt an. Eon hat nun auch den Minderheitsaktionären von Innogy ein Angebot unterbreitet. Bei den Anteilseignern des RWE-Konzerns allerdings regt sich Widerstand. Denn trotz intensiver Überzeugungsarbeit der Vorstandschefs werden einige das Gefühl nicht los, die Essener verkauften ihre Tochter unter Wert.

Von Oliver Götz

RWE und Eon wagen die Neustrukturierung und teilen die bisherige RWE-Tochter Innogy unter sich auf. Eon will sich zukünftig verstärkt auf das Netz-Geschäft konzentrieren, RWE plant eine Fokussierung auf den Erzeugungs-Sektor. Damit einhergehend will Eon Innogy zunächst vollständig übernehmen, ehe im Anschluss das Erneuerbare Energien-Geschäft an RWE gehen soll. Zudem sollen die Essener einen Anteil von 17 Prozent an Eon erhalten.

So weit, so einfach. Sowohl Eon-Chef Johannes Teyssen als auch der RWE-Vorstandsvorsitzende Rolf Martin Schmitz sind von ihrer Strategie überzeugt. Teyssen darf sich über das einträgliche Netzgeschäft von Innogy freuen – dessen Entwicklung jüngst besonders positiv war, wie Innogy-CEO Uwe Tigges mitteilte – Schmitz über eine deutliche Vergrößerung des operativen Geschäftes und den schlagartigen Aufstieg zum drittgrößten Anbieter für Erneuerbare Energien in Europa. Durch den Deal will man künftig 60 Prozent seines Stroms CO2-frei oder zumindest mit niedrigem CO2-Profil ausliefern. Und „gerade im Bereich der erneuerbaren Energien entscheidet eine schlagkräftige Größe über den Erfolg“, ist Schmitz überzeugt.

Auch viele Analysten glauben daran. Der geplante Tausch von Geschäftsaktivitäten und Beteiligungen mit Eon erhöhe den Gewinn von RWE unmittelbar und signifikant, schrieb beispielsweise Berenberg-Analyst Lawson Steele in einer Studie. Weiterhin verbesserten sich Bilanz und finanzielle Flexibilität. Das Geschäft mit den Erneuerbaren Energien sollte darüber hinaus das zukünftige Wachstum sichern. Die französische Societe Generale schrieb von einem enormen Potenzial, dass sich RWE durch die Neuordnung am Markt eröffne.

Einzig bei den RWE-Aktionären will nicht so recht Freude aufkommen. Schließlich gibt man mit Innogy das profitable Vertriebs- und Netzgeschäft aus den Händen – aktuell ist jenes für 80 Prozent des Innogy-Gewinns verantwortlich – und konzentriert sich fast vollständig auf die Erzeugung. Und diesbezüglich ist man immer noch abhängig von der Kohle. Hier dürfte irgendwann der Ausstieg kommen, womit RWE durchaus ein hohes Risiko eingeht. Das EE-Geschäft muss dann nicht nur gut funktionieren, sondern sehr gut.

Und somit scheint sich ein Großteil der Anleger die Frage zu stellen, ob das Tauschgeschäft beiden Energiekonzerne wirklich gleich viel auf dem Weg in die Zukunft bringt, oder am Ende vor allem Eon davon profitiert. So kritisierte unter anderem DSW-Aktionärsschützer Thomas Hechtfischer die Risiken, auf die sich RWE mit dem Deal einlasse. „RWE gibt das risikoarme Netzgeschäft ab und holt sich das riskante Ökostromgeschäft zurück ins Haus. Kein Wunder, dass Ratingagenturen bereits mit Abwertung drohen“, sagte er. Könnte der Deal also womöglich doch noch platzen? Wohl kaum, denn Aktionäre beider Seiten sehen auch klar die Vorteile in der mit der Neuaufstellung einhergehenden Spezialisierung. Mit dieser macht man sich vor allem selbst weniger Konkurrenz. Zudem sorgt sie bei beiden Konzernen wieder für mehr Wachstumsphantasie.

Allerdings fehlt noch die Zustimmung der Kartellbehörden. Angesichts der weiter steigenden Marktmacht gilt hier ein Ja ohne Zugeständnisse nicht unbedingt als sicher. Zudem funkte RWE und Eon jüngst noch ein dritter Investor dazwischen, dem Innogy die Bücher öffnete. So soll Insider-Berichten zufolge die australische Bank Macquarie am Tschechien-Geschäft des Energieversorgers interessiert sein. RWE-Chef Schmitz glaubt allerdings nicht an einen „Dealbreaker“. „Die Prüfung von potenziellen Angeboten für das Tschechien-Geschäft durch das Management von Innogy ist ein ganz normaler Geschäftsvorgang“, sagte Schmitz. „Wir sehen keine Anzeichen für eine sich abzeichnende Verteidigungsstrategie von Innogy.“

Sich tatsächlich verteidigen, könnten dagegen die Minderheitsaktionäre von Innogy. Denen hat Eon mit 38,40 je Aktie ein erstes Übernahmeangebot bereitet. Die für 2018 zu erwartende Dividende von 1,64 Euro ist darin bereits enthalten. Zu niedrig, meinen die meisten Experten. Gut möglich, dass dieses erste Angebot also zunächst ausgeschlagen wird.

Bis zum Abschluss des Deals dürfte also noch einiges an Zeit vergehen. Ebenso bis zu dem Punkt, an dem RWE weiß, ob der Deal ein guter oder ein schlechter war. Bis dahin werden sie in Essen weiterhin viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Die Sorgen der Aktionäre sind schließlich nicht unbegründet. So unterlag die Aktie zuletzt auch einigen Turbulenzen. Alles in allem steht auf Jahressicht aber ein Plus von knapp 40 Prozent zu Buche. Durch die Rückerstattung der verfassungswidrigen Brennelementesteuer und die Haftungsabgabe für den Atomausstieg an die Bundesregierung gegen eine einmalige Milliarden-Zahlung, können sich die Konzerne nämlich endlich auf die Zukunft konzentrieren. Und das dürfte Aktionäre nach den schwierigen Jahren in Folge der Finanzkrise und der Fukushima-Katastrophe weiterhin am meisten freuen.

27.04.2018 | 20:30

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