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Warum die Kurse von Alphabet und Amazon wirklich fallen

Nicht nur Amazon gerät an der Börse unter Druck. (Foto: Eric Broder Van Dyke / shutterstock.com)


Sowohl Amazon als auch Alphabet veröffentlichten unter der Woche zum wiederholten Male starke Quartalsergebnisse. Und sorgten unter Anlegern trotzdem für Ernüchterung. Die Papiere der beiden FAANG-Stars verloren zwischenzeitlich acht und vier Prozent an Wert. Grund sollen verfehlte Analystenerwartungen sein. Doch die Verluste dürften noch eine andere, viel gefährlichere Ursache haben.

Im Hause Amazon läuft es weiter blendend. Im dritten Quartal des laufenden Jahres erwirtschaftete der hinter Apple zweitwertvollste Konzern der Welt einen Rekordgewinn in Höhe von 2,9 Milliarden Dollar. Im Vorjahr lag er noch bei dazu im Vergleich mickrigen 256 Millionen. Auch das Ergebnis je Aktie stieg kräftig, nämlich auf 5,75 Dollar. Analysten hatten mit 3,14 Dollar deutlich weniger erwartet. Weiterhin ist es vor allem Amazons Cloud-Sparte AWS, die für einen Großteil des Gewinnwachstums verantwortlich zeichnet. Umsatz und Betriebsergebnis stiegen dort um 46 und 77 Prozent auf 6,7 beziehungsweise 2,1 Milliarden Dollar. Die Gewinnmarge erreichte mit 31 Prozent einen neuen Rekord. Der Konzern um Jeff Bezos wird damit immer mehr vom Versandhändler zum Tech-Dienstleister. Der Online-Handel erzielte außerhalb der USA sogar erneut Verluste. In den USA sah es dank dem Zukauf der Supermarktkette Whole Foods besser aus, doch alles in allem profitiert Amazon wie kaum jemand sonst vom Hype und Trend um die Cloud. Und immer mehr auch von Werbung auf seinen Portalen. Im laufenden Jahr könnte man mit Blick auf die daran gekoppelten Erlöse Rang Drei hinter Google und Facebook einnehmen. Im abgelaufenen Quartal lag der Umsatz bei 2,5 Milliarden Dollar und hat sich damit im Vergleich zum Vorjahreszeitraum verdoppelt.

Analysten mit Amazons Umsatz und Ausblick unzufrieden

Einzig und allein mit Blick auf den Gesamtumsatz konnte Amazon nicht so überzeugen, wie von Analysten erhofft. Er stieg zwar um 29 Prozent auf 56,6 Milliarden Dollar, die Analystenschar hatte im Schnitt jedoch mit 57,1 Milliarden Dollar gerechnet. Ebenso fiel die Wachstumsprognose für Quartal Vier verhalten aus. Hatten Analysten einen Umsatzanstieg von rund 20 Prozent erwartet, rechnet Amazon selbst nur mit einem zwischen zehn und 20 Prozent.

Die Aktie legte daraufhin den Rückwärtsgang ein, verlor zwischenzeitlich fast acht Prozent an Wert. So weit, so logisch. Und dennoch verwirren die massiven Abschläge. Auf dem Umsatzniveau, auf dem sich Amazon befindet spricht ein Plus von 29 Prozent im Quartal eigentlich für eine starke Entwicklung. Zudem hatten Analysten „nur“ mit 500 Millionen Dollar mehr gerechnet. Nicht viel, blickt man erneut auf das hohe Niveau. Der Ausblick mag zunächst enttäuschen, aber Amazon war diesbezüglich schon immer zurückhaltend und gerade das Weihnachtsquartal sorgte in der Vergangenheit oft für positive Überraschungen. Beide leicht verfehlten Erwartungen dürften daher eigentlich kein Grund für ein Kurs-Minus von acht Prozent sein.

Alphabet-Aktie verliert trotz Rekordumsatz

Merkwürdig zudem, dass sich dieses Spiel im Nachgang der Zahlenvorlage von Alphabet ähnlich zutrug. Die Google-Mutter erzielte zwar keinen Rekordgewinn, mit 9,2 Milliarden Dollar aber dennoch einen der höchsten in der Konzerngeschichte. Und vor allem einen, der 37 Prozent höher lag, als noch vor einem Jahr. Auch das Ergebnis je Aktie stieg von 9,57 Dollar im Vorjahr auf 13,06 Dollar. Beide Kennziffern lagen über den Erwartungen der Analysten. Nur beim Gesamtumsatz verfehlte auch Alphabet ganz leicht die Erwartungen von 34 Milliarden Dollar, erzielte mit 33,7 Milliarden Dollar aber trotzdem den höchsten Wert in der Unternehmensgeschichte. Trotz dieser hochsoliden Ergebnisse und Alphabets Erklärung, dass ein starker Dollar ein noch besseres Umsatzergebnis verhindert hätte, führte die Vorlage des Quartalsberichts auch bei dem drittwertvollsten Unternehmen der Welt zu Kursverlusten von zwischenzeitlich rund vier Prozent.

Woher kommen die Kursverluste?

Zufall? Wohl kaum. Vielmehr dürften die Verluste ein weiteres Zeichen dafür sein, wie sehr die allgemeine Nervosität unter Anlegern gestiegen ist. Während die vor allem in Europa viele Konzerne schon länger zu spüren bekommen, scheint sie nun auch auf die großen US-Tech-Konzerne überzuschwappen. Die haben in den vergangenen Jahren an der Börse hervorragend performt. Der Aktienkurs von Alphabet beispielsweise hat sich innerhalb der letzten vier Jahre verdoppelt, der von Amazon gar vervierfacht.

So scheinen nun nur kleine Verfehlungen oder das Verpassen neuer Mega-Rekorde auszureichen, um Anleger zu Gewinnmitnahmen zu verleiten. Vor allem auch mit Blick auf die steigenden US-Zinsen. Wem es am Aktienmarkt zu heiß wird, hat nun wieder Alternativen. Und auch aus einem anderen Grund sind die Zinsen derzeit Gift für die Märkte. Das sich verlangsamende Weltwirtschaftswachstum rückt die hohen Schulden, die auch die FAANG-Konzerne angehäuft haben, wieder mehr in den Fokus. Weniger Wachstum und auf der anderen Seite ein höherer Zinsaufwand könnten sich negativ auf die Ergebnisse auswirken. „Verkaufen oder aussitzen, das Pendel schlägt in diesen Tagen immer mehr in Richtung Gewinnmitnahmen aus“, bringt es CMC-Markets-Analyst Jochen Stanzl auf den Punkt. Aussitzen werde in Zeiten steigender Zinsen und politischer Risiken nicht mehr als attraktivere Alternative angesehen.

Verlustangst überall

Losgelöst von genannten Einflussfaktoren dürften die jüngsten Marktturbulenzen wohl auch eine Verlustangst in die Köpfe vieler Anleger gesetzt haben, wie es sie lange nicht mehr gab. „Zurzeit wird ein giftiger Aktien-Cocktail serviert. Alles Positive wird ignoriert und stattdessen jedes noch so kleine Haar in der Suppe überdramatisiert“, fasst es Baader Bank-Kapitalmarktanalyst Robert Halver zusammen.

Für die Aktien von Amazon und Alphabet scheint das vor allem deshalb gefährlich, da die in sie gesetzten Erwartungen „einfach zu hoch sind und der Realität in den vergangenen Monaten davongeeilt sind“, schreibt Stanzl. Die Fallhöhe also ist hoch.

Gefährlich daran ist, dass es die FAANG-Aktien waren, die den Aufschwung über die letzten Jahre getragen haben und die Märkte mit immer neuen Rekorden aus jeder noch so misslichen Lage befreiten. Dass nun auch ihre Aktien trotz eigentlich starker Zahlen zu schwächeln beginnen, dürfte weiter für Alarmstimmung an den Börsen sorgen.

Oliver Götz

26.10.2018 | 16:07

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