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Wirecard: Die Bankenwelt steht kopf

(Bild: Wirecard)


Wirecard ist jetzt der wertvollste deutsche Finanzdienstleister, der an der Börse gehandelt wird. Der Wert in Aktien ist höher als der der Deutsche Bank, die Commerzbank hat Wirecard ohnehin längst angehängt. Immer noch fragen Anleger: Wirewas? Das Unternehmen aus Aschheim bei München verdient sein Geld in der neuen Finanzwelt: Es wickelt rund um den Globus elektronische Bezahlvorgänge ab. Immer mehr Menschen nutzen digitale Plattformen dafür. Wirecard wird wohl bald die Commerzbank aus dem DAX verdrängen. Kein Wunder, dass die Aktie des Bezahldienstleisters nur eine Richtung kennt: aufwärts.

In Frankfurt am Main macht ein Witz die Runde: Bald wird im Hochhaus der Deutschen Bank das Logo abgenommen und dafür das Logo von Wirecard aufgehängt. Kein Scherz hingegen ist, dass der Bezahldienstleister nun an der Börse mehr wert ist als die Deutsche Bank. Das Unternehmen aus Aschheim bei München wird an der Börse mit 21,8 Milliarden Euro taxiert. Damit haben die Bayern die Frankfurter überholt. Die Deutsche Bank kommt aktuell auf 20,5 Milliarden Euro.

Das klingt nach Wachablösung. Wirecard verdient sein Geld in der Welt der Financial technology, kurz Fintech. Ob beim mobilen Bezahlen per Smartphone oder beim Interneteinkauf – das im TecDAX gelistete Unternehmen wickelt rund um den Globus elektronische Bezahlvorgänge ab. Kauft zum Beispiel jemand im Internet ein Produkt und bezahlt mit seiner Kreditkarte, fließt das Geld nicht direkt vom Kreditkartenanbieter, beispielsweise Visa, an den Händler. Klickt der Kunde auf „Kaufen“, versichert Wirecard dem Händler, dass er sein Geld bekommt. Visa überweist das Geld später an Wirecard. Wirecard behält anschließend eine Gebühr ein und überweist den Rest an den Händler.

In den Anfangsjahren war Wirecard ein kleines Licht. Nach Gründung des Unternehmens 1999 war Online-Shopping noch kein großes Thema. Die ersten Kunden waren Betreiber von Porno- und Glücksspielseiten, deren Besucher mit Hilfe der Wirecard-Technologie kleinere Beträge online bezahlen konnten. Solchen Kunden spielen im heutigen Geschäft kaum noch eine Rolle. Heute arbeitet Wirecard zum Beispiel mit Visa, dem Mobilfunker O2, der niederländischen Fluglinie KLM, dem Küchengerätehersteller WMF, dem Touristikkonzern TUI und dem chinesischen Bezahldienst Alipay zusammen. Das Geschäft läuft rund. 2017 setzte Wirecard 1,5 Milliarden Euro um und verdiente dabei 260 Millionen Euro.

Fintech versus Großbank

Der Vergleich zwischen der Deutschen Bank und Wirecard steht beispielhaft für die Entwicklung der Finanzdienstleistungsbranche der vergangenen Jahre. Auf der einen Seite die traditionellen Großbanken, die sich gesund schrumpfen müssen, um zu überleben. Auf der anderen Seite kleine, effektive Fintechs, denen die Zukunft gehört. Bei der Deutschen Bank arbeiten rund 95.000 Menschen, bei Wirecard sind es 4.500. Der Gewinn pro Aktie betrug bei den Frankfurtern im ersten Halbjahr 2018 neun Cent. Bei den Aschheimern waren es 1,24 Euro pro Aktie.

Während der Kurs der Deutschen Bank in den vergangenen fünf Jahren um 66 Prozent einbrach, machte der Wirecard-Titel ein Plus von 640 Prozent. Mit anderen Worten: Anleger, die vor fünf Jahren für 1.000 Euro Wirecard-Aktien gekauft haben, können diese heute für 7.400 Euro verkaufen. Wer im gleichen Zeitraum 1.000 Euro in die Aktie der Deutschen Bank investierte, bekommt heute dafür nur noch 340 Euro.

Profiteur des Online-Shopping-Booms

Das große Ding für Wirecard ist der Online-Shopping-Boom. Allein im ersten Halbjahr 2018 haben die abgewickelten Zahlungen um fast die Hälfte zugenommen. Ähnlich deutlich stieg der Gewinn. Die zuvor bereits guten Prognosen wurden angehoben. Nach einem starken zweiten Quartal – der Konzerngewinn stieg um 47 Prozent auf rund 82 Millionen Euro – erwartet das Management für 2018 ein Ergebnis zwischen 530 und 560 Millionen Euro, vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA). „Wir verzeichnen ein starkes organisches Wachstum, nicht zuletzt aufgrund des sich beschleunigenden weltweiten Trends zur Digitalisierung von Zahlungsprozessen“, so Wirecard-Chef Markus Braun. Die Digitalisierung stehe in vielen Branchen erst ganz am Anfang.

Kein Wunder, dass nach solchen Nachtrichten die Aktie mit rund 180 Euro so hoch notiert wie nie zuvor. Anfang 2017 hatte sie noch bei 40 Euro gestanden. Analysten gehen davon aus, dass sich der starke Fokus des Unternehmens auf den Online-Handel, das mobile Bezahlen und die Expansion in Asien auszahlen werden.

Wie sieht es mit Absturzrisiken aus?

Hält der Höhenflug an und herrscht für die Aktionäre weiterhin eitel Sonnenschein? Da niemand in die Zukunft schauen kann, stehen die Antworten darauf in den Sternen. Aufgrund des kometenhaften Aufstiegs stellt sich allerdings die Frage, ob die Aktie aktuell überbewertet ist. Der Börsenwert liegt inzwischen bei rund dem 60-fachen des Jahresnettogewinns – ein solch hohes Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) weist derzeit kein DAX-Unternehmen auf.

Neben der hohen Bewertung sollten Anleger noch etwas anderes bedenken. Über Wirecard wurden in der Vergangenheit Gerüchte über Unregelmäßigkeiten in der Bilanz und Verwicklungen in Geldwäsche verbreitet. So bezichtigte die bis dahin unbekannte Research-Firma Zatarra vor zweieinhalb Jahren Wirecard in einer 100-seitigen Studie der Geldwäsche, des illegalen Glücksspiels und der Bestechung und gab für die Aktie ein Kursziel von null Euro aus. Wirecard wies alle Vorwürfe zurück. Viele Anleger waren zunächst verunsichert. Den Aktienkurs zog es in die Tiefe, bis er sich anschließend wieder schnell erholte. Auch wenn dem Unternehmen nie etwas nachgewiesen werden konnte. Es ist nicht ausgeschlossen, dass es auch künftig „Shortattacken“ von Marktteilnehmern, die auf fallende Kurse wetten, gibt.

DAX: Wirecard rein – Commerzbank raus

Derzeit jedenfalls lacht Wirecard die Sonne ins Gesicht. Zudem der Aufstieg in die erste deutsche Börsenliga, dem DAX, womöglich unmittelbar bevorsteht. Wenn im September die Zusammensetzung des Leitindex überprüft wird, könnte Wirecard die Commerzbank ersetzen, die aktuell an der Börse rund zehn Milliarden Euro wert ist. Dann hätte der Bezahldienstleister nicht nur die Deutsche Bank als wertvollstes Geldinstitut abgelöst, sondern auch eine andere traditionsreiche Großbank aus dem DAX geworfen.

Gian Hessami

17.08.2018 | 11:54

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