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Dax-Konzerne: Krise oder Nichtkrise, das ist hier die Frage

Trotz Turbulenzen verdienen Dax-Konzerne prächtig. Ein Grund ist der schwache Euro.

(Bild: Shutterstock)

Trotz Turbulenzen verdienen Dax-Konzerne prächtig. Ein Grund ist der schwache Euro.
 
Wer täglich auf den Dax schaut, braucht starke Nerven. Der Krieg in der Ukraine, teure Rohstoffe, angeschlagene oder gar kaputte Lieferketten, stark steigende Zinsen, Rezessionsangst: All diese Krisenherde treiben die Performance des größten deutschen Börsenindex vor sich her. Mal geht es hoch, mal geht es runter. Der Dax steht mächtig unter Druck.
 
Kein Industrieland leidet so sehr unter den hohen Energiepreisen und knappem Gas wie Deutschland. Doch die Geschäfte laufen – und zwar gar nicht so schlecht. Trotz der genannten Krisen haben viele Dax-Konzerne in den ersten beiden Quartalen 2022 rekordverdächtige Zahlen vorgelegt.
 
Bei Energiekonzernen, die sich über ihre starke Position und gestiegene Preise freuen, mag das wenig überraschen. Beispiel RWE: Der zweitgrößte Energieversorger Deutschlands rechnet für dieses Jahr mit einem Gewinn von 5,5 Milliarden Euro – vor Abzug von Steuern und Zinsen. Im vergangenen Jahr waren es noch etwa 3,5 Milliarden Euro. Dazu trägt besonders der Geschäftsbereich „Wasser, Biomasse, Gas“ bei, dessen bereinigter operativer Ertrag sich im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt hat – von 297 Millionen Euro auf 755 Millionen Euro. 
 
Doch nicht nur Energiekonzerne verdienen gut. Nach Daten des Finanzspezialisten Bloomberg, der Bilanzen und Prognosen der Analysten ausgewertet hat, werden die Dax-Konzerne im laufenden Geschäftsjahr vermutlich 130 Milliarden Euro netto verdienen. Das wäre eine Milliarde mehr als in 2021 – und das war bereits das stärkste Jahr der deutschen Wirtschaftsgeschichte.
 
Auch das Beratungsunternehmen EY beobachtet diese Entwicklung. Betrachtet man ausschließlich das zweite Quartal, haben die Dax-Unternehmen ein Umsatzwachstum von fast 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erzielt. „Im Vergleich zum Vorkrisenjahr 2019 kletterte der Umsatz sogar um 26 Prozent“, schreibt EY in der Analyse. Hingegen sei der Gesamtgewinn aller Dax-Konzerne um rund 19 Prozent auf knapp 39,6 Milliarden Euro gesunken. Im ersten Quartal stieg er noch um 21 Prozent – Rekordniveau. Beide Quartale zusammengerechnet erzielen die Konzerne trotzdem sehr gute Ergebnisse. „Die Geschäftsentwicklung war bei der Mehrzahl der Unternehmen auch im zweiten Quartal bemerkenswert gut – vor allem vor dem Hintergrund des extrem herausfordernden Umfelds“, ordnet EY-Deutschlandchef Henrik Ahlers die Zahlen ein.
 
Die Gründe für die gute Performance der Dax-Konzerne sind vielschichtig. Bislang gelingt es vielen Unternehmen, die gestiegenen Preise für Energie, Material und Logistik weiterzureichen. Im Vergleich zwischen August 2021 und August 2022 lag beispielsweise die Preissteigerung bei Autos mit Verbrennermotor bei 7,5 Prozent und bei den reinen Elektrofahrzeugen sogar bei 8,7 Prozent, sagt Helena Wisbert, Professorin für Automobilwirtschaft an der Ostfalia Hochschule.
 
Zudem legten Unternehmen wie Mercedes Benz den Schwerpunkt auf Autos, die eine hohe Produktmarge versprechen – also Automobile im Premium-Preissegment. In Stuttgart trägt diese Strategie Früchte. So hat sich Mercedes Benz mit einem operativen Gewinn von 4,6 Milliarden Euro an Volkswagen (4,5 Milliarden Euro) vorbei auf Platz Eins im Gewinnranking geschoben.
 
Das prozentual stärkste Gewinnplus erwirtschaftete Brenntag mit einem Wachstum von 113 Prozent. Der Dax-Aufsteiger ist Mittler zwischen Chemieproduzenten und den weiterverarbeitenden Branchen. An der Börse schaut man lüstern auf die Aktienkurse; und darauf, wohin sie klettern könnten. Das passende Kursziel von 104 Euro liefert die US-Investmentbank Goldman Sachs, die das Essener Unternehmen nach einer Investorenkonferenz als „Kauf“ einsortiert. Aktuell kosten die Papiere etwa 65 Euro.
 
Zurück zur Suche nach den Trends, die die Gewinne treiben. Nach Handelsblatt-Berechnungen erzielen 40 Prozent der Dax-Konzerne ihre Umsätze in Europa, einschließlich Deutschland, weitere 30 Prozent in Amerika und knapp 25 Prozent in Asien. Der Rest verteile sich auf die übrigen Regionen.
 
Hohe Wachstumsraten erzielen die deutschen Konzerne vor allem in den Vereinigten Staaten. In Nordamerika stiegen die Umsätze im zweiten Quartal nach Berechnungen von EY in Summe um 23 Prozent. In Asien waren es nur sieben Prozent, und in Europa nur vier. „Weiterhin gilt, dass die deutschen Unternehmen von ihrer internationalen Aufstellung unterm Strich enorm profitieren“, erklärt Mathieu Meyer, Partner bei EY. Rückgänge in einzelnen Märkten könnten durch Wachstum in anderen Ländern kompensiert werden.
 
Außerdem treiben Währungseffekte die Gewinne deutlich. „Der Wertverlust des Euro lässt im Ausland erzielte Einnahmen bei der Umrechnung in die europäische Gemeinschaftswährung wachsen, wovon vor allem stark internationalisierte Unternehmen profitieren, die erhebliche Umsätze außerhalb des Euroraums erwirtschaften“, sagt Meyer. Dazu zählt auch Deutschlands Schlüsselbranche, die Automobilindustrie.
 
Dank der hohen US-Nachfrage nach größeren Fahrzeugen wie SUV und Pick-up-Trucks konnten einige deutsche Autobauer – trotz allgemeiner Absatzverluste der Branche – in diesem Jahr deutliche Verkaufszuwächse verbuchen.
 
So weitergehen wird es aber vermutlich nicht. Nach Einschätzung der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute steuert Deutschland direkt in eine Rezession. In ihrer Gemeinschaftsprognose rechnen die Experten wegen des besseren ersten Halbjahrs für das Gesamtjahr 2022 noch mit einem Wachstum des Bruttoinlandprodukts von 1,4 Prozent. Allerdings werde die Wirtschaft anschließend voraussichtlich drei Quartale hintereinander schrumpfen: im dritten und vierten Quartal sowie Anfang 2023. Darüber hinaus steht der Winter vor der Tür; und mit ihm die Aussicht auf eine getrübte Kauflaune der Kunden. Unternehmen werden es also schwer haben, gestiegene Kosten weiterzugeben.
 
Auch die Analyse von EY zeigt, dass die Umsätze im zweiten Quartal zwar weiter gestiegen sind, die Gewinne aber nicht. Im Gegenteil – sie sind um ein Fünftel geschrumpft. „Es mehren sich die Zeichen, dass die Rekordjagt für die deutschen Top-Konzerne bald vorüber ist: Immer mehr Unternehmen spüren die sehr hohen Energie- und Rohstoffpreise und die zunehmende Zurückhaltung der Verbraucher“, heißt es in der Publikation.
 
Um die Erwartungen der Anleger und Investoren entsprechend zu dämpfen, wiesen zahlreiche Dax-Konzerne bei der Präsentation ihrer Quartalszahlen gleich auf einen enorm hohen Grad an Unsicherheit hin. Freude über die Profite: ja. Vorfreude auf die Zukunft: nein.
 
Florian Spichalsky

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