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Alphabet: Oje, ein Haar in der Suppe!

(Foto: Shutterstock)


Der Internetkonzern hat in der vergangenen Woche seine Zahlen für das Geschäftsjahr 2019 serviert. Sie mundeten. Von den Kritikern gab es dennoch keine volle Punktzahl. Sie fanden das sprichwörtliche Haar in der Suppe. Die erste Kursreaktion war leicht negativ. Preisrückgänge sind jedoch für Feinschmecker interessant, die erstmals von Alphabet probieren oder sich einen Nachschlag holen möchten.

Wer das Internet nach Informationen durchforstet, der googelt meist mit der gleichnamigen Suchmaschine. Sie ist das Maß aller Dinge. Der weltweite Marktanteil liegt bei mehr als 92 %. Google ist zudem die meistbesuchte Website. Seit dem Start im Jahr 1997 hat sich damit aus einer kleinen Idee von Nerds ein Riesengeschäft entwickelt. Für den Besitzer Alphabet ist die Suchmaschine ein Goldesel märchenhaften Ausmaßes. Google und die Tochter YouTube verdienen ihr Geld vor allem mit Werbung. Im Geschäftsjahr 2019 wurden damit insgesamt 134,81 Mrd. US-Dollar erwirtschaftet. Der Anteil am Konzernumsatz lag bei 83,3 %.

Haupteinnahmequelle im Fokus

Die Entwicklung im Werbegeschäft ist daher nicht nur für die Ergebnisse von Alphabet von zentraler Bedeutung, sondern auch für die Börse. Der Markt schaut immer ganz genau hin, wie es in diesem Bereich läuft. Im Schlussquartal 2019 wurden seine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Zwar kletterten die Werbeumsätze um 16,7 % auf 37,93 Mrd. US-Dollar. Damit lag das Unternehmen aber unter den Erwartungen. Daher gab es die üblichen Stimmen, die Zweifel an einer Fortsetzung des dynamischen Wachstumskurses anmeldeten. Das Werbegeschäft unterliegt jedoch Schwankungen, weshalb die jüngste „Schwäche“ nicht überbewertet werden sollte. Zudem ist es normal, wenn mit zunehmender absoluter Höhe die Wachstumsraten sinken. Und die Werbeeinnahmen im Alphabet-Konzern bereits ein gigantisches Volumen erreicht. Allerdings gibt es weiterhin starke Triebkräfte. Dazu gehört die Videotochter YouTube, die auch künftig durch hohe Zuwächse glänzen sollte. Alphabet hat nun erstmals konkrete Zahlen zu ihrer Entwicklung vorgelegt. Demnach kletterte der Werbeumsatz im vergangenen Geschäftsjahr um fast 36 % auf 15,15 Mrd. US-Dollar. Auch bei YouTube sind künftig Schwankungen zu erwarten, die Wachstumsdynamik sollte jedoch hoch bleiben und damit die Entwicklung bei den konzernweiten Werbeeinnahmen antreiben. Insgesamt sind in den nächsten Jahren Steigerungen von 15 bis 20 % realistisch.

Dynamische Cloud

Auch wenn das Werbegeschäft maßgeblich für Umsatz, Gewinn und Cashflow verantwortlich ist, hat Alphabet inzwischen weitere Gelduellen erschlossen. Das Segment „Google other“ umfasst beispielsweise die Einnahmen aus Google Play, den kostenpflichtigen YouTube-Zugängen sowie dem Verkauf von Hardware. Der Bereich erzielte 2019 Umsätze von rund 17 Mrd. US-Dollar (Umsatzanteil 10,5 %). Drittgrößtes Standbein ist „Google Cloud“, das entsprechende Cloud-Services anbietet. Hier wurden im vergangenen Jahr Umsätze von 8,92 Mrd. US-Dollar erzielt (Umsatzanteil: 5,5 %). Im Verhältnis zum alles überragenden Werbeblock sind die Einnahmen in diesen beiden Bereichen zwar noch relativ gering, dafür zeigen sie hohe Steigerungsraten. Die Sparte „Google other“ schaffte ein Umsatzplus von 21 %. Das Cloud-Geschäft legte sogar um knapp 53 % zu. Mit seinen absoluten Cloud-Umsätzen kommt Alphabet zwar noch längst nicht an die der Platzhirsche Amazon und Microsoft heran. Die zuletzt dynamische Wachstumsrate ist jedoch beeindruckend. Sie zeugt vom Potenzial, welches in dem Bereich steckt. Auch Alphabet sollte daher weiterhin von dem erwarteten starken Marktwachstum profitieren.

Kostspieliges Hobby?

In den Segmenten „Google other“ und „Google Cloud“ sind die Gewinnmargen zwar teilweise deutlich geringer als im besonders profitablen Werbegeschäft, dennoch setzt der Konzern auf einen forcierten Ausbau dieser Aktivitäten. Das ist eine plausible Strategie, um die Abhängigkeit von der Werbung zu minimieren und neue Einnahmequellen zu erschließen. Das sollte langfristig zu weiterhin soliden Geschäftsergebnissen führen. Das nötige Geld für den Aus- und Aufbau neuer Umsatzbringer ist durch das starke Kerngeschäft vorhanden. Alphabet leistet sich sogar kostspielige Zukunftsprojekte in den Bereichen Medizin (z. B. Medikamente), Technologie (z. B. Energiespeicher, Robotik, autonomes Fahren, solarbetrieben Drohnen) sowie Venture Capital und Investments (Beteiligungen u. a. an Uber, Airbnb). Sie sind im Segment „Other Bets“ zusammengefasst. Manche Beobachter bezeichnen diese Aktivitäten als teures Hobby, weil hier mit zuletzt 659 Mio. US-Dollar Umsatz deutlich weniger reinkommt, als u. a. für Forschung und Entwicklung ausgegeben wird. 2019 lag der Nachsteuerverlust in diesem Bereich bei rund 2 Mrd. US-Dollar. Wer so viel Geld mit seinem Kerngeschäft erwirtschaftet, wie Alphabet, sollte jedoch die sich damit bietenden Möglichkeiten nutzen, die Geschäftsbasis zu erweitern. Vorausgesetzt, die neuen Vorhaben bleiben im Rahmen, was sie aktuell sind und gehen nicht zu Lasten der Kernaktivitäten, was sie nicht tun.

Rekordergebnisse

Alphabet hat im vergangenen Geschäftsjahr 2019 seinen beeindruckenden Wachstumskurs mit Rekordergebnissen fortgesetzt. Der Konzernumsatz war um 18,3 % auf 161,86 Mrd. US-Dollar gestiegen. Er hat sich damit in den vergangenen vier Jahren mehr als verdoppelt. Ähnlich dynamisch entwickelten sich die Gewinne. 2019 hatte das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) um 24,4 % auf 34,23 Mrd. US-Dollar zugelegt. Dadurch verbesserte sich die EBIT-Marge von 20 auf 21 %. Unter dem Strich blieb ein Nettoprofit von 34,34 Mrd. US-Dollar (+11,7 %) hängen und damit sogar mehr als operativ verdient. Alphabet hatte mit seinem Finanzergebnis von 5,39 Mrd. US-Dollar, das sich aus Zinsen sowie realisierten und unrealisierten Kursgewinnen zusammensetzt, mehr verdient, als für Steuern zu zahlen waren. Der Konzern legt seinen hohen Cash-Bestand am Markt an. Das Ergebnis je Aktie (EPS) verbesserte sich von 43,70 auf 49,16 US-Dollar. Auf Basis des aktuellen Wertes ergibt sich aktuell ein KGV von knapp 30. Unterstellt man ein Gewinnwachstum in diesem und dem nächsten Jahr von jeweils 10 bis 15 % kommt man auf ein KGVe von etwa 22 bis 24. Das geht bewertungstechnisch in Ordnung, weil es sich in etwa mit dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre deckt.

Starker Cashflow

Weil in der Gewinn-und-Verlust-Rechnung oftmals nicht cash-wirksame Posten enthalten sind, wie beispielsweise Abschreibungen, ist bei der Bewertung zudem eine Betrachtung der Cashflows sinnvoll. Und hier wird es bei Alphabet aus Investorensicht besonders interessant. Der operative Cashflow wurde 2019 um rund 14 % auf stolze 54,52 Mrd. US-Dollar gesteigert. Der Cashflow je Aktie verbesserte sich damit von 68,21 auf 78,04 US-Dollar. Daraus lässt sich wiederum ein aktuelles Kurs-Cashflow-Verhältnis (KCV) von etwa 19 ableiten. Auch hier ein Wachstum von 10 bis 15 % in den nächsten beiden Jahren unterstellt, verringert sich das KCVe auf rund 14 bis 15, was im historischen Kontext in etwa einer fairen Bewertung entspricht. Der Cashflow zeugt somit zum einen von der hohen operativen Qualität des Geschäftsmodells. Zum anderen ist die Aktie auf dieser Basis bewertungstechnisch interessant, auch wenn sie aktuell in der Nähe ihres Allzeithochs notiert. Alphabet war zuletzt zudem in den Kreis der Unternehmen aufgestiegen, die eine Börsenbewertung von mehr als 1 Bio. US-Dollar aufweisen.

Was sind die Risiken?

Trotz des aktuell, attraktiven Kursniveaus, gibt es Risiken, die zwischenzeitliche Korrekturen auslösen könnten. Dazu gehören weitere Enttäuschungen bei den Werbeeinnahmen. In der EU und vielen weiteren Ländern wird zudem über die Einführung einer Digitalsteuer diskutiert, die insbesondere die US-Internetriesen treffen dürfte. Außerdem ist die monopolartige Stellung von Google in der Internetsuche zunehmend der Politik ein Dorn im Auge. Die EU-Wettbewerbshüter hatten Alphabet im vergangenen Jahr bereits zu Strafen von rund 1,5 Mrd. Euro verdonnert. Im Heimatmarkt des US-Konzerns hatten sich zuletzt fast alle US-Bundesstaaten für Kartellermittlungen gegen Google zusammengetan. Solche wettbewerbsrechtlichen Herausforderungen bergen das Risiko, die Börsianer zu verunsichern. Zumal das Thema angesichts der im November anstehenden Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten im Fokus bleiben dürfte. Sollte es tatsächlich regulatorische Eingriffe geben, wären das zweifelsohne Belastungsfaktoren. Allerdings wäre dann zu prüfen, ob sie nur kurzfristiger Natur sind und welche längerfristigen Auswirkungen sie auf die Geschäfte von Google haben werden. Eventuell ist dann eine Neubewertung des Geschäftsmodells nötig. Aktuell ist, wenn überhaupt, aber nur von kleineren Einschnitten auszugehen, weshalb die übergeordneten Perspektiven für Alphabet nach wie vor glänzend sind. Sollte der Kurs daher künftig Korrekturen zeigen, entweder weil wieder ein Haar gefunden wurde oder die Politik die Suppe versalzen hat, dann könnten sich für Anleger  langfristigen Anlagehorizont gute Gelegenheiten ergeben, sich eine Portion Alphabet ins Depot zu holen.

Thomas Behnke

08.02.2020 | 12:33

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