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Steht die Bayer-Aktie endgültig vor dem Turnaround?

Kann sich Bayer langfristig befreien? (Foto: Lukassek / Shutterstock)


Zumindest scheint die Kursphantasie zurückgekehrt. Der Aussicht auf eine außergerichtliche Einigung im Glyphosat-Streit sei Dank. Für den Konzern wäre es ein Befreiungsschlag. Für dessen Aktie ohnehin. Die kann auf einmal sogar den Dax schlagen.

„Ich denke, das ist etwas, von dem wir glauben, dass es letztlich geklärt wird“, sagte Liam Condon, Mitglied im Vorstand und Leiter des Agrargeschäfts, der Nachrichtenagentur Reuters nach, jüngst auf einer Veranstaltung in Monheim. Es geht präziser. So bleibt eine in vorsichtigen Optimismus verpackte Ahnungslosigkeit. Was wiederum daran liegt, dass dieses „Etwas“, von dem Condon sprach, nicht irgendetwas ist. Sondern etwas, das Bayer, den deutschen Pharmariesen und jahrelangen Anlegerliebling gehörig ins Wanken gebracht hat.

Die Rede ist – wen wundert’s – von Glyphosat, dem meistverkauften und gleichzeitig wohl umstrittensten Pestizid der Welt. Es soll im menschlichen Körper krebserregend wirken. Die wissenschaftlichen Beweise fehlen noch immer, und doch haftet C3H8NO5P ein Image an, welches katastrophaler kaum sein könnte. Verständlich, bei einem solchen Verdacht, der nun auch nicht einfach so aus der Luft gegriffen ist. Es gibt keine Beweise, aber Indizien. Dass Glyphosat definitiv nicht krebserregend ist, zu einer solchen These lässt sich kein Wissenschaftler hinreißen. Gut möglich, dass es nie abschließend geklärt wird.

Ziemlich beste Voraussetzungen für Prozessschlachten gegen unendlich. Kläger, allen voran in den USA, wittern die Chance aufs große Geld. Bayer sieht sich im Recht, da die Nachweise fehlen. Bislang lief es nicht gut für die Leverkusener. Alle drei geführten Prozesse gingen in erster Instanz verloren. Die Deutschen gingen in Berufung. Die Verfahren stehen noch aus. Und Monat um Monat werden es mehr Klagen. 20.000 schätzen Experten, dürften es inzwischen sein.

Bayer demnach, hat sich mit dem Monsanto-Zukauf einem unkalkulierbaren Risiko größten Ausmaßes ausgesetzt. Anleger haben das ziemlich schnell erkannt. Schon als die 56,6 Milliarden Euro teure Übernahme des US-Saatgutriesen perfekt war, straften sie Bayer an der Börse ab. Als dann die Klagewelle Fahrt aufnahm, schickten sie die Aktie der Leverkusener endgültig auf Talfahrt. Mitte Juni stand ihr Kurs mit 52,02 Euro so tief, wie seit Juni 2012 nicht mehr. Damit war Bayer an der Börse weniger wert, als Monsanto ursprünglich teuer.

Der Tief- als Wendepunkt?

Gleichzeitig könnte dieser Tief- als erster kleiner Wendepunkt fungiert haben. Denn seither ging es für Bayer überraschend deutlich aufwärts an der Börse. Von 52,02 auf 64,90 Euro um genau zu sein, also um fast 25 Prozent. Auf Sicht der letzten drei Monate schlägt die Aktie sogar klar den Dax. Während es für Bayer um 10,3 Prozent nach oben ging, kommt Deutschlands Leitindex nur auf ein mickriges Plus von 1,5 Prozent. Das sah lange anders aus. Auf Fünfjahressicht steht die Bayer-Aktie noch immer mit 35 Prozent im Minus, während der Dax um 42 Prozent zugelegt hat.

Der plötzliche Optimismus hat drei Gründe. Einer davon liegt auf der Hand. Im Juni notierte der Kurs der Bayer-Aktie derart tief, dass diese trotz eingepreistem Glyphosat-Trauma extrem niedrig bewertet war. Und es immer noch ist, sieht zumindest das Hedgefonds-Unternehmen Elliott Capital so. Der derzeitige Firmenwert spiegle „bestehende Wertschaffungsmöglichkeiten von mehr als 30 Milliarden Euro“ nicht wider, hieß es in einem Statement. Das erwartete KGV für 2019 liegt bei 9,4. Die Dividendenrendite ob des niedrigen Kurses bei 4,6 Prozent.

Die attraktive Bewertung kommt derweil nicht nur aufgrund eines tiefstehenden Aktienkurses zustande, Bayer wirtschaftet auch solide. Trotz Handelskonflikt und Konjunktureintrübung. In der Agrarchemiesparte bekamen die Leverkusener im zweiten Quartal beides zu spüren, der Pharmasektor dagegen erweist sich als stabil. Das Geschäft mit rezeptfreien Mittel zog zuletzt wieder an, dazu sorgen der Gerinnungshemmer Xarelto, das Krebsmittel Stivarga und das Augenmedikament Eylea weiter für Wachstum. In den USA gab es darüber hinaus Lizenzen für die Krebsmittel Larotrectinib und Darolutamid. Die Chancen, dass es die EU den Amerikanern gleichtut, stehen gut. Und Bayer investiert weiter in die Zukunft. In den kommenden zehn Jahren will der Konzern allein mehr als 25 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung seiner Agrarsparte stecken. Gleichzeitig will das Management die Kosten senken. Bis 2021 sollten weltweit 12.000 Stellen wegfallen. Verkäufe von Töchtern und Beteiligungen spülen zusätzlich Geld in die Kasse.

Kommt es zum Vergleich bei Glyphosat-Prozessen?

Wenn es jedoch um den langfristigen Turnaround geht, kommt Bayer an Monsantos Pflanzengift nicht vorbei. Das liebste Szenario wäre Bayer wie seinen Aktionären mit Blick auf die Prozesse wohl ein Vergleich. Der käme den Leverkusenern zwar teuer zu stehen, doch immerhin stünden die Kosten dann fest. Und das leidige Thema wäre ad acta gelegt. Und es mehren sich die Stimmen, die auf eine außergerichtliche Einigung hindeuten. Was das für den Aktienkurs bedeuten könnte, zeigte jüngst ein Gerücht über eine Acht-Milliarden-Dollar-Einigung, woraufhin der Kurs an einem Tag um elf Prozent zulegte. Alles unter 30 Milliarden Dollar wäre im Falle einer Schlichtung positiv für den Aktienkurs, schrieb Bernstein Research-Analyst Gunther Zechmann. Essentiell wäre deren Endgültigkeit. Darauf legt auch Bayer wert. Ansonsten wäre ein Vergleich nichts wert. Schon gar nicht in einer solchen Größenordnung.

Die Kursphantasie jedenfalls scheint zurück. Allein die Aussicht auf einen Vergleich macht vielen Anlegern Mut. Vor allem, da der Kurs so niedrig steht. Zur Unzeit käme er trotzdem. Auch wenn Bayer von seiner Pharma-Sparte profitiert, in dem für den Konzern so zukunftsträchtigen Agrochemie-Geschäft dürfte die globale Konjunkturabkühlung Spuren hinterlassen. Zusätzliche Belastungen schmerzen da besonders. Schlussendlich aber würde im Falle eines Vergleichs die Erleichterung überwiegen. Der Rest würde zur Nebensache.

Soweit ist es nur noch nicht, weshalb sich Anleger vermutlich noch länger mit Sätzen wie „Es wird früher oder später geklärt werden“, zufrieden geben müssen. Das nämlich, fügte Liam Condon in Monheim noch an. Auch der zweite Versuch für Optimismus zu sorgen, gelang so nicht wirklich  überzeugend.

Oliver Götz

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17.10.2019 | 10:54

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