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Die neuen Pharma-Stars

Die Biotech-Pioniere greifen an und könnten etablierten Pharmakonzernen Marktanteile wegschnappen. (Foto: Shutterstock)



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In der Pharma-Branche bahnt sich eine Revolution an. Lange ein Nischendasein führend, verleiht die Pandemie vielen Biotech-Firmen einen explosiven Schub. Die Wachstumschancen sind so riesig wie das Innovationsfeld. Dominieren bald neue Big Player den Markt?

Es ist vielleicht das Heureka-Erlebnis dieser Pandemie: Impfstoffe auf mRNA-Basis verhindern die Verbreitung des Coronavirus und die Krankheit Covid19. Es ist das erste Mal, dass die Technologie zum Einsatz kommt. Und ihr offensichtlich durchschlagender Erfolg könnte bahnbrechend sein. Nicht nur mit Blick auf die Pandemie, da sich mit der Methode wohl auch vergleichsweise schnell auf Virusmutationen reagieren lässt, indem der Impfstoff angepasst wird. Es öffnet sich darüber hinaus ein Innovationsfeld, dass Patienten plötzlich Heilungschancen eröffnet, deren Krankheiten bislang als unheilbar galten.

Spezielle mRNA-Impfstoffe könnten gegen verschiedene Krebsarten eingesetzt werden, indem sie menschliche Zellen dazu bringen Antikörper gegen Tumorzellen zu bilden. Aber auch an der Behandlung von bestimmten Autoimmunerkrankungen wird geforscht. Biontech hat bereits erfolgreiche Tierversuche gemacht, bei denen mRNA gegen Multiple Sklerose eingesetzt wurde. Ingmar Hoerr, der Gründer von Curevac und ursprüngliche Entdecker der mRNA-Methode, sagte dem Deutschlandfunk, man könne auch an Diabetes oder Demenzerkrankungen denken. Man müsse einfach nur verstehen, was die Ursachen einer Krankheit sind, dann könne man die RNA entsprechend programmieren. Es ist Vorsicht geboten. Noch stecken die Forschungen dazu in den Anfängen. Doch die Corona-Impfstoffe zeigen immerhin, dass die Methode funktioniert – und, dass die Biotechnologie die Medizin nicht nur in den Köpfen von mutigen Pionieren, sondern tatsächlich auch in der Praxis revolutionieren kann.

Riesiges Marktpotenzial für Biotech-Unternehmen


Die mRNA-Methode ist schließlich nur ein Baustein von vielen, die die Biotechnologie bereithält. Der Analytik-Firma Evaluate nach, stecken in zwei Dritteln neu zugelassener Medikamente inzwischen Innovationen oder mindestens Erkenntnisse aus der Biotechnologie. „Biotechunternehmen sind gerade dabei, sich neue Marktpotenziale zu erschließen. Für weit mehr als 1.000 eher seltenere Leiden gibt es bislang keine oder nur wenig wirksame Medikamente“, sagt Lynxbroker-Experte Wendelin Probst. „Der zunehmende technologische Fortschritt und die wachsenden Kapitalströme von Risikokapitalgebern werden das starke Momentum in der Biotechbranche auch künftig begünstigen“, blickt die Investmentfirma BB Biotech in einem Schreiben voraus. Die Folge sei eine steigende Zahl klinischer Entwicklungsprojekte, die eine zunehmende Anzahl an Produktzulassungen nach sich ziehe. Waren es in den frühen 2000er Jahren noch 20 bis 30 Zulassungen pro Jahr, habe ihre Zahl im letzten Jahrzehnt auf 30 bis 50 zugenommen. „Wir erwarten große Fortschritte bei vielen Projekten in der klinischen Entwicklung wie etwa bei der Behandlung von Onkogenen und onkogenen Mutationen“, erklärt Investmentchef Daniel Koller.

Wird nur ein kleiner Teil der Gedankenspiele Realität, nur eine Krankheit wie Diabetes plötzlich besser behandelbar, steht vielen Biotech-Pionieren von heute eine goldene Zukunft bevor. Die Grundtendenz hin zu immer mehr und höheren Ausgaben für Medikamente ist global schließlich intakt. Die Weltbevölkerung wächst und wird immer älter, auch außerhalb der Industrienationen. China und Indien sind Milliarden-Märkte. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) rechnet bis 2050 mit einem Anstieg der Gesundheitskosten von sechs  auf 9,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP).

Biotech verspricht Wachstumsphantasie


Ein Trend, der die Pharmabranche als Ganzes für Anleger hochinteressant macht. Gerade, weil die Kurse und Bewertungen vieler Aktien oft gar nicht so hoch stehen. Vielen etablierten Konzernen fehlt es aber an Wachstumsphantasie. Die wiederum bringen Biotech-Firmen mit. Damit sind sie  gleichzeitig immer auch Übernahmekandidaten. Oder eben selbst schlummernde Riesen. „Wir wollen ein globales Geschäft aufbauen und zu einem führenden Unternehmen der Immuntherapie im 21. Jahrhundert werden“, sagte Biontech-Chef Ugur Sahin jüngst dem Handelsblatt.

Aber wie tasten sich Anleger am besten an die Branche heran? Im globalen Vergleich sind die deutschen Player eher klein, auch wenn Biontech mit dem Corona-Impfstoff zweifellos ein Coup gelungen ist. Den Markt regieren Unternehmen aus den USA. „Gemessen an der Börsenkapitalisierung und am Finanzierungsvolumen werden 85 % des Biotech-Sektors von US-Unternehmen dominiert“, sagt Analyst Probst.

US-Amerikaner dominieren den Markt – Amgen vorweg

Auch der Weltmarktführer und bislang unangefochtene Platzhirsch kommt aus den Vereinigten Staaten: Amgen. Der Biotech-Konzern, der vor allem für seine Krebsmedikamente Epogen und Neupogen bekannt ist, machte zuletzt rund 25 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr. An der Börse sind die Amerikaner mit 111 Milliarden Euro bewertet. Damit gehört Amgen bereits zu den Big Playern und hebt sich deutlich von den vielen aufkommenden Nischenplayern ab. Um den großen Durchbruch geht es hier in erster Linie also nicht mehr. Dafür lockt eine Dividendenrendite von fast drei Prozent. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei 18. Die Aktie könnte daher etwas für Anleger sein, die das Risiko scheuen, aber an eine rosige Biotech-Zukunft glauben. Der Kurs geriet im Pandemie-Jahr auf einen Zick-Zack-Kurs, der längerfristige Aufwärtstrend ist aber intakt. Schwächephasen könnten für konservative Anleger Einstiegschancen darstellen. Die nächstgrößeren Firmen der Branche kommen mit Celgene, Gilead Sciences und Biogen ebenfalls aus den USA. Dank des Corona-Impfstoffs dürfte auch Moderna bald ein Schwergewicht sein. Allerdings bleibt abzuwarten, wie viel das Unternehmen darüber hinaus noch in der Pipeline hat.

Wachstumsstar Regeneron


Seit Jahren einer der Wachstumsstars ist Regeneron. Die US-Amerikaner sind der weltweit führende Hersteller von humanen Antikörpern, die inzwischen auch bei einer Coronainfektion zum Einsatz kommen. Überdies unterhält Regeneron eine strategische Zusammenarbeit mit dem französischen Pharmakonzern Sanofi, worüber beispielsweise das Regeneron Genetics Center finanziert wird. Es ist eines der größten Forschungszentren der Welt für Gensequenzierung. Darüber hinaus bietet Regeneron bereits eine erfolgreiche Medikamentenpalette, unter anderem zur Behandlung von Krebs, diversen Stoffwechselerkrankungen und Infektionskrankheiten, an. Gefühlt hat das Unternehmen überall dort die Finger im Spiel, wo es medizinisch in die Zukunft gedacht spannend wird. Die Umsätze stiegen in den vergangenen acht Jahren im Schnitt um 13 Prozent an, die Gewinne sogar um 26 Prozent. Die Aktie konsolidierte nach einem starken Anstieg infolge des Coronacrashs zuletzt und bietet mit einem 15er KGV eine Einstiegschance an. Die Marktkapitalisierung liegt bei rund 40 Milliarden Euro. „Dank der günstigen Bewertung, der innovativen Produkte, der aussichtsreichen Produkt-Pipeline und der führenden Marktstellung ist Regeneron ein vielversprechendes Investment“, fasst Lynxbroker-Experte Probst zusammen.

Risiko streuen mit ETFs?

Ein Risiko bleibt das Einzelaktieninvestment in einer Branche, die sich so rasant wandelt, aber immer. Als Alternative bleiben Fonds oder ein Investment in Firmen wie BB Biotech, die in verschiedene Unternehmen des Sektors investieren. Der Markt für ETFs ist bislang noch überschaubar, was daran liegt, dass es mit dem Nasdaq Biotechnology Index nur einen wirklichen Branchen-Index gibt. Den wiederum bilden sowohl der iShares Nasdaq Biotechnology UCITS ETF  als auch der Invesco Nasdaq Biotech UCITS ETF ab. Ersterer mithilfe der physischen Replikationsmethode, was bedeutet, dass er tatsächlich Anteile an den Unternehmen hält. Zweiterer nutzt die Swap-Methode. Für die Performance des ETF ist das aber irrelevant. Einen kleineren, spezifizierten Pool an Firmen bildet der L&G Pharma Breakthrough UCITS ETF ab. Mit einem verwalteten Vermögen von knapp 30 Millionen Euro ist er aber sehr klein.

Grundsätzlich bleibt Biotech ein Megatrend, der 2021 mit einem besonderen Momentum garniert werden könnte. Mögliche Übernahmen, riesige Wachstumschancen, eine Vielzahl von Innovationen, die in der Pipeline stecken und der Corona-Schub dürften die Kurse immer wieder antreiben. Vor allem auch, da die KGVs oft gar nicht hoch stehen. Es ist aber auch Vorsicht geboten: Die Konkurrenz durch Nachahmerprodukte wird allmählich größer. Inzwischen drängen vermehrt Generika-Hersteller aus Asien auf den Markt. Anleger sollten die Marktpositionen und Innovationskraft der Unternehmen, in die sie investieren, deshalb besonders genau prüfen. Dann könnte es vielleicht auch im eigenen Depot ein Heureka-Erlebnis geben.

OG

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10.03.2021 | 11:11

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