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Lufthansa-Aktie: Bereit zum Abheben?

Lufthansa: Die Krise als Chance? (Foto: Hadi Khandani)


Nach zwei Gewinnwarnungen innerhalb eines Jahres ist der Kurs der Lufthansa-Aktie tief gefallen. Das könnte die große Chance zum Einstieg sein. Kein DAX-Mitglied ist günstiger bewertet. Der geplante Konzernumbau könnte auf lange Sicht Wachstum und Profitabilität ankurbeln.

Das Börsenjahr 2019 wird der Deutschen Lufthansa in Erinnerung bleiben. Im negativen Sinne. 16 Prozent beträgt das Minus, das die Aktie der Kölner, gemessen am derzeitigen Kurs von 16,59 Euro, angehäuft hat. Zwischenzeitlich, im August, waren es gar minus 34 Prozent. Desaströs, angesichts der Tatsache, dass der Dax im Jahresverlauf 26 Prozent an Wert hinzugewonnen hat. Auf Jahressicht hat nur das Wirecard-Papier schlechter performt. Dazu schmerzt besonders, dass die Lufthansa-Aktie erst vor knapp zwei Jahren, am 17. Dezember 2017, mit 31 Euro ein neues Rekordhoch aufstellen konnte. Das ist nun sehr weit in die Ferne gerückt.

Erklärungen für diesen unfreiwilligen Tiefflug gibt es genug. Mit zwei Gewinnwarnungen verunsicherte die Lufthansa ihre Aktionäre, die womöglich und ohnehin schon grübelten, ob nicht die in Gang gesetzte Klimadiskussion auf Dauer auch den europäischen Branchenprimus in Bedrängnis bringen könnte. Gleichzeitig gelten die omnipräsenten Konjunktursorgen auch den Airlines. Dazu hat sich, was die aggressive Konkurrenz rund um die Billig-Fluglinie Ryanair anbelangt, wenig geändert. Tochter Eurowings kann weiter mehr schlecht als recht mithalten. Die laufende Neuausrichtung der Billig-Airline ist überfällig. Zuletzt kamen neue Streiks, allen voran der Kabinenpersonal-Organisation UFO hinzu. Ebenso zogen 2019 die Kerosinpreise an. Im Frachtgeschäft läuft es nicht wie gewünscht. Die Konzernstruktur wirkt nicht auf Höhe der Zeit.

Eine ganze Menge also, die dafür spricht, zunächst einmal die Finger von der Lufthansa-Aktie zu lassen. Goldman-Sachs Analystin Venetia Baden-Powell geht davon aus, dass der Kurs des Papiers noch weiter sinkt. Die Nachfrage im Kurzstreckenbereich dürfte bei der Lufthansa gering bleiben und ein Risiko für 2020 darstellen, schrieb sie. Ergebnisse und Barmittel dürften schrumpfen. Ihr Kursziel: 14,80 Euro.

Eine pessimistische Einschätzung, die viele ihrer Kollegen und Kolleginnen so nicht teilen. Ganz im Gegenteil. Neil Glynn, Analyst bei Credit Suisse glaubt daran, dass die Fluggesellschaft 2020 wieder den richtigen Weg einschlägt. Er sehe die Chance auf eine Rückkehr zu positiven Free Cashflows und erhöhte seine Gewinnschätzungen. Als Kursziel nannte er 20,25 Euro, was bei derzeitigem Kursstand einem Aufwärtspotenzial von 22 Prozent entspräche. Ähnlich positiv schätzt HSBC-Experte Andrew Lobbenberg die Situation für den Kranich-Konzern ein. 20 Euro, lautet sein Kursziel. Er sieht nicht zuletzt die Möglichkeit für europäische Netzwerk-Gesellschaften von den finanziellen Problemen der South African Airways zu profitieren.

Bewertung extrem niedrig

Während es sich hierbei um viel Vielleicht handelt, um Möglichkeiten und Schätzungen, scheint eine Sache völlig klar: Die Lufthansa-Aktie ist derzeit sehr günstig zu haben. Alle negativen Erwartungen scheinen bereits im Kurs eingepreist. Dafür spricht nicht nur eine Dividendenrendite in Höhe von 4,4 Prozent und das mit einem Wert von 6,0 niedrigste KGV im Dax. Als die Lufthansa Group Anfang November die Zahlen zum dritten Quartal veröffentlichte, diese höchstens solide ausfielen, aber immer noch besser als erwartet, flitzte der Aktienkurs um 7,4 Prozent nach oben. Durchbrach dazu erstmals seit April die exponentielle 200-Tage-Linie. Eine bemerkenswerte Erholung, angesichts eines Ebitda, das um acht Prozent auf 1,3 Milliarden Euro schrumpfte und eines Umsatzes, der nur geringfügig um zwei Prozent zulegen konnte. Die Ebit-Marge ging von 14,1 Prozent im Vorjahr auf 12,7 Prozent zurück.

Das zeigt: Die Erwartungen sind mit Blick auf Lufthansas Anteilsschein niedrig geworden. Vielleicht zu niedrig. Zumindest auf die lange Sicht. Im Jahr 2018 hat der Konzern um CEO Carsten Spohr einen Umsatz von 35,8 Milliarden Euro erzielt, der Gewinn betrug 2,2 Milliarden Euro. Gemessen daran läge das KGV für den Moment bei 3,7.

Gestiegene Treibstoffkosten belasten

Ein hakeliger Vergleich, vielleicht. Doch er ist vor allem deshalb von Bedeutung, da ein Großteil des Gewinnabschlags, der der Lufthansa 2019 bevorsteht, auf gestiegene Treibstoffkosten zurückgeht. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres sind diese konzernweit um 620 Millionen Euro gestiegen. Gleichzeitig ging das Ebitda um 800 Millionen Euro zurück. Sollten also allein die Kerosinpreise in den kommenden Jahren wieder günstiger werden, was als nicht unwahrscheinlich gilt, dürfte dies die Gewinne spürbar steigen lassen.

Und dann ist da natürlich noch der Konzernumbau. Jüngst verkaufte man die Catering-Sparte LSG an die Schweizer Gategroup. Ein Anzeichen dafür, dass es Spohr zunehmend ernst damit meint, sich auf das Airline-Kerngeschäft konzentrieren zu wollen. Ebenso treibt er die Umstrukturierung zur Holding voran. Dafür sprechen einige der jüngsten Personalentscheidungen. Beides, die Kerngeschäft-Fokussierung wie die Holding-Überlegungen, könnte den Konzern manövrierfähiger machen und Wert freisetzen. Ebenfalls scheinen – Airlines betreffend – weitere Übernahmen denkbar. Die europäische Luftverkehrsbranche dürfte in den kommenden Jahren weiter und verstärkt konsolidieren. In den USA ist der Sektor bei weitem nicht mehr so fragmentiert wie in Europa. Davon könnte die Lufthansa als europäischer Branchenprimus profitieren.

Die Krise als Chance?

Die Probleme im Fracht- und Billigflugsektor bleiben wohl vorerst bestehen, scheinen auf Dauer jedoch nicht unlösbar. Dass die Klimadiskussion einen nennenswerten Einfluss auf das Flugreiseverhalten hat, scheint bislang nicht der Fall. So könnte man Lufthansas Krisenjahr 2019 auch als Chance begreifen. An der Börse scheint nach oben alles in allem mehr möglich, als nach unten. Vielleicht bleibt Deutschlands größter Fluglinie damit auch das Börsenjahr 2020 in Erinnerung. Im positiven Sinne.

OG

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13.12.2019 | 13:52

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