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Löst der SAP-Crash ein DAX-Beben aus?

SAP schockiert die Börse - mit Nachwirkungen. (Foto: Tada Images / Shutterstock)



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Ein schwaches drittes Quartal und miese Mittelfrist-Ziele haben SAP-Aktien zum Wochenbeginn historische Verluste beigebracht. Am Gesamtmarkt herrscht nun maximale Ansteckungsgefahr. 

„Ausgerechnet“ ist eines dieser Worte, die im Journalismus gleichsam beliebt und geächtet sind, was daran liegt, dass es gern inflationär verwendet wird. Ausgerechnet er, ausgerechnet sie – man kennt das vor allem aus der Sportberichterstattung. Und fragt sich als Leser irgendwann: „Ja, wer denn sonst?“

Im Falle des Crashs der SAP-Aktie, vor dessen Hintergrund sich rund 33 Milliarden Euro an Börsenwert in Luft auflösten, scheint die Verwendung hingegen unvermeidbar. Wohl nur ganz selten, kommt das Wort „ausgerechnet“ so passend daher.

Was wurde nicht alles gewarnt, vor den taumelnden Autoherstellern und Zulieferern, vor schwächelnden Industriekonzernen, vor konjunktursensiblen Aktien, oft aus dem Value-Bereich. Wenn es im Zuge der Corona-Pandemie noch einmal zum Crash kommt, dann weil diese Unternehmen die Erwartungen nicht erfüllen können, Umsätze und Gewinne noch stärker einbrechen, als vorhergesagt. Und nun, nun ist es ausgerechnet SAP, das seine Prognosen zusammenstreicht und im abgelaufenen dritten Quartal hinter den Erwartungen zurückbleibt. Ausgerechnet Europas größter und wertvollster Tech-Konzern, von dem man doch eigentlich erwarten müsste, dass er von dieser Krise profitiert, wie die große Konkurrenz aus Übersee das tut, strauchelt bedenklich.

SAP-Crash könnte zum Dax-Crash werden


Nicht nur für die Aktionäre der Walldorfer ist das ein gewaltiger Schuss vor den Bug. Die trostlose Zukunftsschau von SAP-Vorstandschef Christian Klein könnte zu einer mit Signalwirkung für den gesamten Dax werden. Wenn schon ein Tech-Konzern dieser Größe in solche Schwierigkeiten gerät, was passiert dann erst mit den 29 seiner Nachbarn im Dax?  

Nun muss man wissen, dass viele der SAP-Probleme hausgemacht sind. In den vergangenen Jahre ging es viel um die Optimierung der Marge, um kletternde Gewinne und einen steigenden Börsenwert. Dabei hat man offenbar die Konkurrenz wie Salesforce etwas aus den Augen verloren, die sich längst anschickte mit neuen Cloud-Angeboten den Markt neu zu sortieren. Im Grunde ist das genau das, was Christian Klein meinen dürfte, wenn er über seinen Strategieschwenk hin zu mehr Wachstumsinvestitionen sagt: „Ich opfere den Erfolg unserer Kunden nicht der kurzfristigen Optimierung unserer Marge.“ Dass er damit aber – kurzfristig – von Aktionärsseite eine Menge Groll auf sich ziehen würde, muss ihm klar gewesen sein.

Die Probleme und Herausforderungen, die er anspricht, sind jedoch nicht von der Hand zu weisen. Noch immer profitiert SAP von der aus der Mode gekommenen Vermarktung von Softwarelizenzen, der Trend zeigt klar in Richtung Cloud. Und da hinkt Europas Branchenprimus international hinterher. Umso mehr dürfte es Zeit werden aufzuholen, was noch aufzuholen ist – zum Wohl der langfristigen Marge. So weit, so logisch – wenn der Plan denn aufgeht. Aufsichtsratschef Hasso Plattner scheint daran zu glauben. Der SAP-Mitgründer deckte sich nach dem Kurssturz direkt am Dienstagmorgen mit Aktien im Wert von knapp 250 Millionen Euro ein. Auch CEO Klein und Finanzchef Luka Mucic kauften für 102.000 und 75.000 Euro Anteile hinzu. Ein ermutigendes Signal für Anleger, zunächst einmal dürften SAP jedoch widrige Monate ins Haus stehen.

Für den Moment lesen sich die Zahlen aus der Gegenwart bedrohlich. Mit den Ergebnisse zum dritten Quartal lag SAP unter den Erwartungen, auch das darauffolgende dürfte ein schwieriges werden. Der Jahresumsatz könnte am Ende sogar niedriger ausfallen, als 2019. Die Quintessenz: Die Corona-Pandemie lastet schwerer auf dem Konzern, als bislang angenommen. Und diese Erkenntnis könnte an der Börse als Alarmsignal gewertet werden.

Es herrscht akute Explosionsgefahr

Gemeinsam mit der zweiten Virus-Welle und der bevorstehenden US-Wahl herrscht an den Märkten auf einmal akute Explosionsgefahr in negativer Richtung. Ganz besonders in Deutschlands Leitindex, dem die Krisengewinner fehlen. Der Mitte Oktober eingeleitete Negativtrend gewinnt zunehmend an Dynamik. Ein zweiter Corona-Crash ist plötzlich ganz nah. Der Absturz der SAP-Aktie könnte das berühmte Fass zum Überlaufen gebracht haben. Am Dienstag jedenfalls präsentierte sich der Dax angeschlagen, am Mittwoch fiel er auf den tiefsten Stand seit Ende Mai. Diesmal standen die Titel von Covestro mit einem Minus von 6,8 Prozent ganz am Ende. Und auch Beiersdorf-Aktien verloren rund 6,5 Prozent. Dabei hatten beide solide Zahlen vorgelegt, Covestro schaffte den Sprung zurück in die Gewinnzone.

Allein, solide reicht nicht mehr. Das Momentum hat sich gedreht. Die zweite Corona-Welle rolle über Europa, Geschäftsaussichten und Wirtschaftsindikatoren verschlechterten sich in der Eurozone rapide, schreibt die Societe Generale. Und wenn dann sogar ein Tech-Konzern wie SAP schwächelt, zeigt das den Ernst der Lage besonders deutlich. Technisch betrachtet, steht weiteren Kursverlusten im Dax dazu kaum mehr etwas im Weg, ein Sturz auf 11.000 Punkte ist hindernisfrei möglich. Ab 10.768 Zählern würde sich Deutschlands wichtigstes Börsenbarometer erneut in den Bärenmarkt verabschieden.

Jetzt zu investieren, ist also nur etwas für Mutige. Gleichzeitig wollen über den Sommer erzielte Gewinne in Sicherheit gebracht werden. Es ist ein gefährliches Pulverfass, auf dem der Dax da sitzt. Und ausgerechnet SAP hat die Lunte entzündet.

Oliver Götz

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28.10.2020 | 14:59

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