Der stille Luxus
| Vera König | Lesezeit: 6 Min.
In dieser Branche zählt das echte Handwerk: Florian Wöretshofer aus Garmisch-Partenkirchen produziert exklusive Lederprodukte. Eine Geschichte über einen Mann, für den Luxus nicht laut sein muss.
Florian Wöretshofer lässt die Hand über das dunkelbraune Leder gleiten, langsam, beinahe prüfend. Vor ihm auf dem Arbeitstisch liegt ein Weekender, gerade fertig geworden. Kräftiges Leder, klare Linien – und an den Kanten ein schmales Rot, das sofort ins Auge fällt: Elmau-Rot. Ein Detail, das die Reisetasche unverwechselbar mit jenem Fünf-Sterne-Haus verbindet, für das sie entstanden ist: Schloss Elmau. „Man kann Dinge im Handwerk so oder so anfertigen, je nach Qualitätsanspruch“, sagt der 36-Jährige. Bei dieser Tasche zeigt sich sein Qualitätsanspruch gerade in jenen kleinen Details, die technisch nicht nötig wären, aber den Unterschied machen. Die farbig gearbeiteten Kanten etwa.
35 Exemplare des Weekenders fertigt Wöretshofer in seinem Atelier in Garmisch-Partenkirchen, nicht mehr. Die Anzahl der limitierten Sonderedition spielt auf die gespiegelten Initialen des Luxusresorts an: SE. Auch farblich und stilistisch ist das Reisegepäck vollständig auf Schloss Elmau abgestimmt. Ab 6.000 Euro soll die Tasche kosten und später im Shop des Refugiums erhältlich sein. Noch aber liegt eines der ersten fertigen Stücke vor Wöretshofer auf dem Tisch. Er streicht ein letztes Mal mit der Hand über das Leder. Gerade bei einem Exemplar wie diesem zeigt sich, was Luxus im Handwerk bedeutet: an den richtigen Stellen ein wenig mehr zu machen, als nötig wäre.
Und genau dieser Anspruch prägt alles, was seine Werkstatt verlässt. Wöretshofer hat sich auf hochwertige, exklusive Lederprodukte spezialisiert. Wer den Showroom und die Werkstatt betritt, nimmt zuerst den Geruch wahr: den warmen, charakteristischen Duft von Leder, der den rund 150 Quadratmeter großen Raum erfüllt. Dann wandert der Blick über die Produkte – vom Gürtel und Schlüsselanhänger bis hin zur Tasche. Direkt daneben öffnet sich die Werkstatt, in der Besucher unmittelbar miterleben, wie aus dem Material Stück für Stück ein fertiges Produkt entsteht. Die Manufaktur steht für langlebige Lederwaren, für Regionalität und handwerkliche Sorgfalt. Echtes Handwerk – statt Modemarke. „Ich bin Handwerker durch und durch“, sagt der 36-jährige Familienvater.
Liebe zum Detail – von Anfang an
Zum Handwerk kam der Oberbayer über seinen Vater, der Parkett- und Raumausstatter ist. Der Sohn arbeitete in der Werkstatt des Vaters, machte eine Ausbildung zum Raumausstatter und arbeitete bei Polstereien und Autosattlereien. Es folgte die Meisterprüfung in Oldenburg, weil jene Meisterschule den besten Ruf hat. Schon sein Meisterstück verriet jene Detailverliebtheit, die Wöretshofers Arbeiten bis heute prägt: ein schwarzes Zweisitzer-Glattledersofa, das inzwischen in seinem Showroom steht, mit tief geknöpfter Rückenlehne, geschwungenen Konturen und sorgfältig ausgearbeiteten Details. Während der Garmischer auf jenem Objekt sitzt und über seinen Werdegang spricht, wird deutlich, wie sehr für ihn gerade in solchen Feinheiten die Qualität eines handwerklichen Stücks liegt.
Von der Rucksackreise zur Firmengründung
Der Weg zur eigenen Manufaktur entwickelte sich auf einer Reise. Als er und seine damalige Freundin und jetzige Frau Verena eine Rucksackreise durch Asien machten, richteten sie ihren Urlaub auf die Lederfertigung in Japan, Südkorea und Thailand aus. Ein halbes Jahr sammelten die beiden Erfahrungen, wie vor Ort produziert wird. Es folgten Aufenthalte in Kapstadt und Belgien. Vor acht Jahren gründete das Paar die Firmen Florian Wöretshofer und Andalui, für die heute noch fünf weitere Personen tätig sind.
Andalui mit dem Alpspitz-Logo aus Verbundenheit zur Zugspitzregion steht für Kleinserien und Accessoires in einem günstigeren Preissegment. Unternehmen können die Produkte individualisieren lassen, etwa mit dem eigenen Logo. Zudem bietet Andalui Workshops für Firmen und Gruppen an, bei denen die Teilnehmer beispielsweise ihren eigenen Gürtel anfertigen. Unter dem Namen Florian Wöretshofer konzentriert sich der Lederkünstler auf exklusive Produkte wie personalisiertes Reise- und Business-Gepäck. Das Logo – ein Rautenmuster, das an eine feine Nahtstruktur erinnert – greift auch optisch das Handwerk auf. Für seine Kollektionen und Serien arbeitet Wöretshofer mit Vorlagen, aus denen für jeden Kunden in Handarbeit ein individuelles Einzelstück entsteht. Darüber hinaus ist er im Yachtbereich tätig und erstellt auf Anfrage Teile der Innenausstattung, etwa Möbel, Polster oder Böden aus Leder. „Da muss man auf den Punkt liefern“, sagt er über die Arbeit im Premium-Segment.
Individualisierung im Fokus
„Luxus hat immer etwas mit Handwerk zu tun, ob es eine Tasche ist oder eine Yacht. Es geht um das Alleinstellungsmerkmal“, erklärt er. In der Industrie hingegen dominiere aus seiner Sicht vorwiegend Automatisierung und Kostenreduzierung. Bei Wöretshofer zählt das klassische Handwerk, das die Individualität des Kunden widerspiegelt. „Das hat einen anderen Wert, eine andere Wertschätzung. Es geht um die Geschichte dahinter.“
Eine solche Geschichte ist die von Josef Walch. Der Key Account Manager und Marketing-Beauftragte der beiden Firmen kam selbst vor vier Jahren als Kunde zu seinem heutigen Chef. Walch suchte eine hochwertige schwarze Aktentasche, die auch für Business-Reisen taugt. Ein halbes Jahr tüftelte er mit Wöretshofer am perfekten Produkt. „Ich werde immer darauf angesprochen“, berichtet Walch lächelnd über das Ergebnis.
Seinen Unterschied zu großen Marken sieht Wöretshofer vor allem in der Individualisierung, dem persönlichen Kontakt und einer eigenen Designsprache. „Es ist ein Luxus, den man nicht zur Schau stellt“, sagt er. Anders als bei den bekannten Häusern gehe es bei seinen Produkten nicht darum, ein Logo zu präsentieren. „Bei mir ist es der stille Luxus.“ Selbst bezeichnet er sich als „den Mann, der Luxus wieder langlebig macht“.
Dieser Luxus beginnt beim Material. Wöretshofer steht in seinem Atelier und deutet auf ein rund zwei Meter hohes Regal, dicht gefüllt mit Lederstücken. Das Leder, das er überwiegend für seine Kollektionen verwendet, ist pflanzlich gegerbt und stammt aus Baden-Württemberg und Bayern. Vier Farben stehen ihm zur Verfügung, jeweils in drei unterschiedlichen Stärken. Für seine Gürtel greift er auf Leder in verschiedenen Farbvarianten oder Exotenleder zurück. Bis aus einer ersten Idee ein fertiges Produkt wird, sind allerdings oft mehrere Anläufe nötig. Von einer Tasche etwa fertigt der Lederkünstler nicht selten verschiedene Versionen an. „Es ist immer eine Entwicklung und nie das perfekte Produkt von Anfang an“, sagt Wöretshofer. Sobald die Idee für ein Produkt steht, lässt er die für die spätere Produktion benötigten Werkzeuge anfertigen, beispielsweise ein Stanzeisen. Hinzu kommen eigens entwickelte Nähprogramme. Den ersten Prototypen schneidet Wöretshofer dagegen noch vollständig von Hand und ohne diese Werkzeuge zu. Erst wenn Form, Verarbeitung, Werkzeug und Nähprogramm aufeinander abgestimmt sind und alles vorliegt, beginnt die finale Produktion.
Technologie nimmt er bei seiner Arbeit nur gelegentlich zu Hilfe, wie beim Nähprogramm. „Aber beim Design fehlt der künstlichen Intelligenz das Know-how“, findet er. Denn Leder ist und bleibt ein haptisches Erlebnis. Man muss es berühren, fühlen und ertasten. Nicht zu vergessen der charakteristische Geruch.
Trotz bester Materialien und Verarbeitung: Nach dem Kauf braucht das Leder Pflege. Leder arbeitet, verändert sich und passt sich seinem Besitzer an. Gebrauchsspuren sind dabei nicht zwangsläufig ein Makel, sondern verleihen dem Material erst seinen individuellen Charakter. „Wenn das Leder deine eigene Geschichte erzählen kann, dann ist es Charme und Patina“, sagt Wöretshofer. Und so beginnt auch mit jedem Weekender für Schloss Elmau eine eigene Reise. Eine, die ihre Spuren im Leder hinterlassen darf.
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