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Märkte > Situation zunehmend toxisch

Back to ’99: Wenn Märkte heißlaufen

| Oliver Götz

KI-Bubble - Einen Nadelstich vom Platzen entfernt?
Die Bewertungen von KI-Aktien stehen extrem hoch. Viele Experten sehen bald eine Blase platzen. (Foto: Lightspring / Shutterstock)

Die Börsen jonglieren zwischen Boom und Blase. Dabei wird der Grat zwischen Traum-Renditen und Mega-Crash immer schmaler.

Wo der S&P 500 wohl stünde, hätte OpenAI im November 2022 nicht seinen KI-Chatbot „ChatGPT“ veröffentlicht? Explodierende Staatsschulden und gewaltige Haushaltskrisen dies- und jenseits des Atlantiks, dazu Krieg in Europa und ein die Weltwirtschaft lähmender Handelskrieg zwischen China und den USA, lassen den Schluss zu: weit tiefer, als derzeit der Fall.

Trotz einer multiplen Krisenlage, wie sie die Welt seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat, klettert der marktbreite US-Index von Rekordhoch zu Rekordhoch. Es ist ganz eindeutig: Die KI-Rally trägt die Aktienmärkte. Nvidia kommt inzwischen auf einen Börsenwert von 4,3 Billionen US-Dollar. Damit nähert sich die Bewertung des Chip-Giganten dem Bruttoinlandsprodukt von Deutschland, der immerhin drittgrößten Volkswirtschaft der Welt. Google-Mutter Alphabet bringt rund drei Billionen Dollar auf die Waage, Nvidias schärfster Konkurrent Broadcom 1,7 Billionen. TSMC, der größte Chipauftragsfertiger der Welt erreichet zuletzt etwas mehr als 1,2 Billionen Dollar. OpenAI selbst ist nicht an der Börse, kam zuletzt auf eine Bewertung von 300 Milliarden Dollar.

Die KI-Euphorie ist unter Anlegern wie Investoren ungebrochen. Hunderte Milliarden werden investiert, als wären es Millionen. An der Börse lassen sich Traumrenditen erzielen. Allein die Nvidia-Aktie hat sich in zwei Jahren verzehnfacht.

Wenn Goldgräber zu Goldkäufern werden

Ausnahmslos für gelöste Stimmung sorgt diese Goldgräberstimmung an den Finanzmärkten jedoch nicht mehr. Eher zunehmend für Goldkäufe, wie der Rekordlauf des Edelmetalls anzeigt. Investoren beginnen sich abzusichern. Insbesondere die Staatsschuldenkrise in den USA lässt sich nicht ewig mit KI-Fantasie aus den Kursen blocken. Der KI-Hype könnte die Preise für die Unternehmen „deutlich über die fundamentalen Werte“ hinaustreiben, mahnt der IWF.

So entsteht eine bisweilen groteske Situation. Auf der einen Seite steigen KI-Aktien munter weiter, keiner will die Rally verpassen. Auf der anderen Seite bereiten sich immer mehr Anleger auf den Crash, oder zumindest eine schmerzhafte Korrektur vor. Die Börsen weltweit, vor allem aber die in den USA, tanzen artistisch Seil zwischen Boom und Blase. Die Fallhöhe steigt, je weiter die Kurse steigen. Die Financial Times schreibt: „Zehn Start-Ups aus dem KI-Bereich haben binnen zwölf Monaten eine Marktkapitalisierung von einer Billion US-Dollar geschaffen.“ Ein historisch einmaliger Schub.

„Solange die Musik spielt, müssen wir tanzen“, lautet ein berühmtes Zitat des ehemaligen Citigroup-CEOs Charles Prince aus dem Jahr 2007. Es erinnert mahnend daran, dass selbst in einer offensichtlichen Blase, das Gros der Akteure am Markt versucht, so lange wie möglich Kapital aus eben jener zu schlagen. 2008 schließlich folgte der Crash.

„Es fühlt sich exakt an wie 1999“

Nicht nur die Zeit vor der Finanzkrise erinnert in Teilen an das, was die Finanzmärkte derzeit aufführen, noch eindrücklicher erscheint ein Vergleich mit den Monaten vor dem Platzen der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende. Das zumindest meint der bekannte Hedgefonds-Manager Paul Tudor Jones, der einst den Crash 1987 vorhersagte.

„Es fühlt sich exakt an wie 1999“, so der Gründer und CEO der Tudor Investment Corporation im Interview mit CNBC. Damals hatte sich der Nasdaq100 innerhalb von wenigen Monaten verdoppelt, nur um kurze Zeit später einzubrechen. Nun würden sich Investoren erneut mit dem Dilemma eines späten Bullenmarkts konfrontiert sehen. Keiner wolle Gewinne verpassen, fast jeder aber wisse, dass die Crash-Gefahr zunehme. „Man muss sehr schnell auf und wieder von diesem Zug springen“, so Jones im CNBC-Interview. „In der Regel steigen die Kurse im Jahr vor dem Höhepunkt doppelt so stark wie im Durchschnitt. Wer da nicht mitspielt, verpasst den Kick – wer mitspielt, braucht flinke Füße, denn das Ende wird heftig.“ Morgen Stanley-CEO Ted Pick wies im Wall Street Journal jüngst ebenfalls daraufhin, dass er eine Mischung aus Unsicherheit im Makro-Bereich und großen Rendite-Chancen auf der anderen Seite beobachte.

Jones warnt deshalb nicht nur vor dem Crash, sondern schaut auf die kurze Frist sogar sehr positiv auf die Märkte. Es könne im Rahmen einer „Fear-Of-Missung-Out“-Rally noch einmal ordentlich nach oben gehen, so der Star-Investor. Mehr Kleinanleger, mehr spekulatives Geld, mehr Hedgefonds, die aufspringen – dann habe die Rally noch Potenzial.

Finaler Blow-Off?

Langfristig hingegen, positioniert sich Jones klar: „Ich glaube, alle Zutaten für einen finalen Blow-off sind vorhanden. Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich – und ich denke, eine Variante davon steht uns bevor.“ Er werde besonders „nervös“, wenn er auf die Kreislaufgeschäfte und Formen der Lieferantenfinanzierung im KI-Sektor blicke, aber auch die zunehmende Spekulation am Markt bereitet dem Investment-Profi sorgen. Laut XTB-Analyst Jens Klatt versorge sich die Branche quasi gegenseitig mit Aufträgen. „Alle Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette“ würden dadurch beflügelt.

Insgesamt schätzt Jones die aktuelle Lage noch explosiver als damals zur Dotcom-Krise, unter anderem aufgrund des US-Haushaltsdefizits. Dieses lag 2024 bei etwas mehr als zwei Billionen US-Dollar. 1999 stand noch ein Plus von 100 Milliarden Dollar zu Buche. Die Möglichkeiten, Krisen mit staatlichem Geld entgegenzuwirken, beziehungsweise überhaupt Wirtschafts- und Finanzkrisen auszuhalten, sind exorbitant kleiner geworden. Hinzu kommt, dass bereits jetzt zahlreiche expansive Fiskalprogramme laufen und die Fed nun auch wieder begonnen hat geldpolitisch die Zügel zu lockern. Die frühere Chefökonomin des IWF, Gita Gopinath, schrieb jüngst in einem Aufsatz für den Economist: „Sollte der Markt ähnlich stark korrigieren, wie zu Dotcom-Zeiten, dann wird in den USA ein Wohlstand von 20 Billionen Dollar vernichtet.“ Dies entspräche 70 Prozent des 2024er US-BIPs und läge damit sieben Mal höher als die summierten Verluste des Crashs um die Jahrtausendwende.

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