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Märkte > Thomas Kruse im Interview

Amundi-Investmentchef über Anleihen: Vertrauen in staatliche Institutionen erodiert

| Oliver Götz | Lesezeit: 4 Min.

Thomas Kruse, CIO Amundi Deutschland.
Thomas Kruse ist Investmentchef bei Amundi Deutschland. Im Interview mit der BÖRSE am Sonntag ordnet er die aktuelle Lage an den Märkten ein. (Foto: Amundi)

Amundi ist Europas größter Vermögensverwalter. Deutschland-CIO Thomas Kruse sieht steigende Staatsschulden als Folge geopolitischer Neuordnung. Gold und Rohstoffe seien die Profiteure.

Hohe Staatsschulden belasten nicht nur in Frankreich oder Italien die Haushalte, gerade die USA, deren Staatsanleihen für Investoren seit jeher so etwas wie den sichersten aller sicheren Häfen darstellen, ächzen unter mehr als 40 Billionen US-Dollar Verbindlichkeiten. Diese regelrechte Schuldenexplosion hat mit dazu geführt, dass die Anleiherenditen dies- und jenseits des Atlantiks in die Höhe geschnellt sind. Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihe liegt aktuell bei 5,1 Prozent, die französischer Bonds mit gleicher Laufzeit bewegte sich zuletzt um die 4,8 Prozent. „Ich denke, die Kapitalmärkte geben uns bereits deutliche Anzeichen dafür, wie stark das Vertrauen in die staatlichen Institutionen in den vergangenen Jahren gelitten hat“, erklärt der Investmentchef von Amundi Deutschland, Thomas Kruse, dazu im Interview mit der BÖRSE am Sonntag. Aufgrund der jüngsten geopolitischen Verwerfungen sei zudem kaum damit zu rechnen, dass im Fall einer globalen Schuldenkrise koordinierte Gegenmaßnahmen ergriffen würden. „In gewissem Sinne“, so Kruse weiter, ließe sich der „Anstieg der Staatsverschuldung als Preis der geopolitischen Neuordnung verstehen“.

Entspannung könnte es aber bereits im kommenden Jahr von der Zinsseite geben. „Für die zweite Jahreshälfte 2027 rechnen wir mit fallenden Inflationsraten, die dann auch den Zentralbanken wieder Zinssenkungen ermöglichen sollten“, so Kruse gegenüber BÖRSE am Sonntag. Für den Moment investiert Amundi daher auf Anleiheseite neben Staatsanleihen mit kürzerer Laufzeit vor allem im Bereich von Unternehmensanleihen guter Bonität. „Gleichzeitig versuchen wir, das hohe Konzentrationsrisiko bei amerikanischen Aktien zu vermeiden, und gewichten auch Emerging Markets stärker bei. Als Profiteure der gegenwärtigen Situation sehen wir Rohstoffe und Gold.“

BÖRSE am Sonntag: Herr Kruse, aus aktuellem Anlass: wie ernst ist die Gefahr einer neuen Eurokrise?

Thomas Kruse: Natürlich wird vielfach das Risiko einer erneuten Eurokrise diskutiert. Tatsächlich handelt es sich im aktuellen Fall jedoch vielmehr um eine allgemeine Schuldenkrise der G7-Staaten, und hier vor allem der USA. Also nicht primär um eine von einem Mitgliedsland der Europäischen Union ausgelöste Krise. In den Vereinigten Staaten ist die Verschuldung seit der Corona-Pandemie deutlich stärker gestiegen als das Bruttoinlandsprodukt. Nach unseren Prognosen wird sie in den kommenden fünf Jahren auf ein Niveau von 140 Prozent der Wirtschaftsleistung ansteigen. Hinzu kommt, dass aufgrund des Ausbaus der KI-Infrastruktur auch die großen amerikanischen Technologieunternehmen in hohem Maße Kapital am Rentenmarkt nachfragen. Der Investitionsbedarf für den Ausbau der Rechenkapazitäten im Bereich Künstliche Intelligenz wird für die kommenden vier Jahre jeweils auf mehr als eine Billion US-Dollar pro Jahr geschätzt.

Die hohen Staatsschulden belasten nicht nur in Frankreich oder Italien die Haushalte, gerade die USA, deren Staatsanleihen für Investoren eigentlich so etwas wie den sichersten aller sicheren Häfen darstellen, ächzen unter mehr als 40 Billionen US-Dollar Verbindlichkeiten. Wie sind diese Schulden auf Dauer zu tragen?

Tatsächlich liegt die Zinslast der USA heute mit rund 4 Prozent des BIP auf dem höchsten Niveau aller G7-Staaten. Entsprechend steigt an den Kapitalmärkten die Risikoprämie, die Investoren für langlaufende Staatsanleihen verlangen. So wurden in den vergangenen Wochen sowohl in den USA als auch in Deutschland wichtige Renditemarken überschritten, die über viele Jahre hinweg bisherige Höchststände markiert hatten.  

Wann wird aus diesem offenkundigen Schuldenproblem eine echte Vertrauenskrise?

Ich denke, die Kapitalmärkte geben uns bereits deutliche Anzeichen dafür, wie stark das Vertrauen in die staatlichen Institutionen in den vergangenen Jahren gelitten hat. Hinzu kommt, dass aufgrund der geopolitischen Verwerfungen auch kaum damit zu rechnen ist, dass im Fall einer globalen Schuldenkrise koordinierte Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Im Gegenteil: In gewissem Sinne könnte man den Anstieg der Staatsverschuldung als einen Preis der geopolitischen Neuordnung verstehen, in der jedes Land zunächst auf seine eigene Resilienz und Unabhängigkeit bedacht ist.
 

"Die Bewertung der Aktienmärkte geht zurück"

Wann kann es gefährlich für die Aktienmärkte werden?

Aktuell werden die Aktienmärkte weiterhin vor allem von den Gewinnzuwächsen getragen. Nach einem sehr guten ersten Halbjahr sowohl in den USA als auch in Europa erwarten wir auch für das dritte Quartal deutliche Gewinnsteigerungen. Für die US-Unternehmen rechnen wir mit einem Gewinnwachstum von knapp 30 Prozent, in Europa von etwas mehr als 15 Prozent. Die Performance an den jeweiligen Aktienmärkten bleibt hinter diesen Zuwächsen zurück. Mit anderen Worten: Die Bewertung der Aktienmärkte geht zurück. Es zeigt sich also durchaus, dass vor allem die Unternehmensgewinne die Aktienmärkte antreiben, während die Verschuldungsentwicklung über eine erhöhte Risikoprämie auch für die Aktienmärkte belastend wirkt.

Die steigenden Anleiherenditen bieten Investoren für den Moment aber auch Möglichkeiten. Nach vielen Jahren, in denen Anleger mit Anleihen kaum Rendite erzielen konnten, gibt es wieder attraktive laufende Erträge. Das schafft Raum für Diversifikation. Sollten wieder mehr Anleihen ins Portfolio?

Grundsätzlich ist das richtig. Für den Moment gehen wir allerdings zunächst noch von weiter leicht steigenden Zinsen aus und würden bestenfalls zu kurzlaufenden Anleihen tendieren. Für die zweite Jahreshälfte 2027 rechnen wir hingegen mit fallenden Inflationsraten, die dann auch den Zentralbanken wieder Zinssenkungen ermöglichen sollten. In Abhängigkeit von der konjunkturellen Entwicklung bzw. der Gewinnentwicklung der Unternehmen würde sich somit im kommenden Jahr eine bessere Gelegenheit für eine derartige Beimischung ergeben.

Wie allokieren Anleger ihr Portfolio grundsätzlich durch ein wirtschafts- und geldpolitisches Umfeld aus hoher Inflation, steigenden Zinsen und geringem Wachstum?

Das Schlagwort lautet hier eindeutig „breit diversifiziert“. Dabei geht es nicht nur um die oben genannten Risiken, sondern vor allem auch um die Auswirkungen der geopolitischen Neuordnung und den Ausbau der künstlichen Intelligenz. Aktuell halten wir weiterhin an einer leichten Übergewichtung unserer Aktienquote fest. Zugleich versuchen wir jedoch, das hohe Konzentrationsrisiko bei amerikanischen Aktien zu vermeiden, und gewichten auch Emerging Markets stärker bei. Als Profiteure der gegenwärtigen Situation sehen wir Rohstoffe und Gold. Auf der Anleiheseite sind wir neben Staatsanleihen mit kürzerer Laufzeit vor allem im Bereich von Unternehmensanleihen guter Bonität investiert.

Noch treibt der KI-Boom den Zinsanstiegen zum Trotz die Aktienmärkte und insbesondere die großen US-Techwerte an. Wo endet für Sie die berechtigte Erwartung an die Produktivitätsgewinne durch KI und wo beginnt angesichts der sich aktuell immer weiter verteuernden Finanzierungsbedingungen eine Börsenblase?

Aktuell sehen wir eine sehr hohe Nachfrage nach Einsatzmöglichkeiten künstlicher Intelligenz. Ebenfalls positiv zu beurteilen ist, dass die großen US-Tech-Konzerne neben ihrem angestammten Geschäftsmodell zwar hohe Investitionen in das Segment der künstlichen Intelligenz tätigen. Hier jedoch nicht mehr in die eigentliche Entwicklung der verschiedenen Modelle, sondern vor allem in die Rechenkapazitäten beziehungsweise die notwendige Infrastruktur. Wir befinden uns also bereits in der zweiten Welle der Entwicklung, in der Künstliche Intelligenz zunehmend im Rahmen der Produktionsprozesse Einzug hält. Für den Moment können die genannten Unternehmen die an sie gestellten Erwartungen erfüllen. Auf längere Sicht wird sich allerdings zeigen müssen, ob sich die kalkulierten Preise am Markt auch tatsächlich erzielen lassen.

Der CEO von Amundi Deutschland, Christian Pellis, ist Redner auf der IPO Night in Frankfurt, die im Rahmen des Frankfurt Finance & Future Summit in der Main-Metropole stattfindet. Am 21. und 22. Oktober 2026 kommen im Frankfurter Kap Europa Entscheider aus Finanz- und Realwirtschaft zusammen. Zur exklusiven IPO Night am ersten Abend des Summits im Städel-Museum sind auch Christian Sewing, CEO der Deutschen Bank, Dr. Stephan Leithner, CEO der Deutsche Börse Group, Dr. Alexander Mayer, Deutschland- und Österreich-Chef von J.P. Morgan, und Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, angekündigt.

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