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9.000 Punkte im Visier: Warum JPMorgan dem S&P 500 noch viel mehr zutraut

| Oliver Götz

Börsenhändler.
Geht die Party an den US-Börsen weiter? (Foto: Picture Alliance / REUTERS Brendan Mc Dermid)

Trotz der jüngsten Rally, bietet der S&P 500 Experten der US-Bank nach weiter enormes Potenzial. Vieles hängt an der nächsten Phase der KI-Revolution.

Der amerikanische Aktienmarkt hat in den vergangenen Monaten einmal mehr seine Widerstandskraft bewiesen. Nach dem Rücksetzer infolge des Iran-Kriegs im März legte der S&P 500 kräftig zu, näherte sich zügig seinen Rekordständen – und übersprang sie zuletzt. Rund 16 Prozent hat der Leitindex seither hinzugewonnen – getragen von einer Kombination aus robustem Gewinnwachstum, KI-Euphorie und überraschend stabiler Konjunktur.

Wie viel Potenzial steckt jetzt noch im Markt? Die Bewertungen wirken inzwischen ambitioniert. Der Anleihemarkt sorgt mit steigenden Renditen für Nervosität. Dennoch sehen die Strategen der JPMorgan-Privatbank noch erhebliches Aufwärtspotenzial – und zeichnen sogar ein Szenario, in dem der S&P 500 bis Mitte 2027 auf 9.000 Punkte steigt.

Das wäre ein Plus von rund 22 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau. Die sei zwar „nicht unser Basisszenario“, betonen Investmentstrategin Kiti Gupta und Portfoliomanager Nick Roberts in ihrer Analyse, jedoch könne ein solcher Anstieg keineswegs ausgeschlossen werden.

Der entscheidende Treiber wäre dabei eine deutlich breitere wirtschaftliche Nutzung künstlicher Intelligenz. Bislang profitiert vor allem der Technologiesektor von dem Boom. Genau darin liegt laut JPMorgan gleichzeitig Risiko und Chance. „Der Weg zu 9.000 Punkten führt über den Technologiesektor hinaus“, schreiben die Strategen. Entscheidend sei eine breite KI-Adoption über zahlreiche Branchen hinweg – von Industrie über Gesundheitswesen bis hin zu Dienstleistungen.

KI-Revolution rollt – Gewinnwachstum verlagert sich über gesamte Wertschöpfungskette

Tatsächlich läuft der Gewinnzyklus derzeit außergewöhnlich stark. Weltweit beschleunigte sich das Gewinnwachstum der Unternehmen zuletzt deutlich: von 15,3 Prozent im vierten Quartal auf 22,6 Prozent im ersten Quartal dieses Jahres – der höchste Wert seit mehr als vier Jahren. Besonders bemerkenswert: Anders als nach der Finanzkrise handelt es sich diesmal nicht um eine klassische Nachholbewegung nach einer Rezession, sondern um eine Beschleunigung auf ohnehin bereits hohem Niveau.

Für Gupta und Roberts ist das ein Hinweis darauf, dass die KI-Revolution inzwischen reale wirtschaftliche Effekte erzeugt. Der Markt fokussiere sich zunehmend nicht mehr nur auf die Infrastruktur hinter KI, sondern auf deren konkrete Anwendung. Während Halbleiterhersteller und Hardware-Anbieter zunächst die Hauptgewinner gewesen wären, „verlagert sich das strukturelle Gewinnwachstum nun entlang der Wertschöpfungskette nach unten“, so die Analysten.

Dabei geht es um gewaltige Summen. Die großen Cloud-Anbieter investieren laut dem Bericht derzeit jährlich mehr als 800 Milliarden Dollar in KI-bezogene Infrastruktur. Bis 2027 könnte dieser Betrag auf rund 1,16 Billionen Dollar steigen. Dieses Kapital fließt nicht nur in Chips und Rechenzentren, sondern auch in Stromnetze, Kühlsysteme, Bauprojekte und zahlreiche angrenzende Industrien.

S&P 500: Fünf Jahre in Folge mit 20 Prozent plus im Schnitt?

Die Hoffnung: KI könnte einen neuen Produktivitätsschub auslösen – ähnlich wie während des Internetbooms Ende der 1990er Jahre. Damals stieg die Produktivität in den USA stark an, während der S&P 500 zwischen 1995 und 2000 fünf Jahre in Folge Renditen von jeweils mehr als 20 Prozent erzielte. „Ein ähnliches Szenario ist erneut denkbar“, so die Experten von JP Morgan Private Bank.

Allerdings verläuft kaum eine Börsenrally ohne Risiken. Der größte Unsicherheitsfaktor bleibt derzeit der Anleihemarkt. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind zuletzt innerhalb weniger Wochen um mehr als 40 Basispunkte gestiegen. Ähnliche Bewegungen gab es auch bei deutschen Bundesanleihen, britischen und japanischen Staatsanleihen.

Steigende Anleiherenditen als Risiko?

Steigende Renditen erhöhen den Druck auf hoch bewertete Wachstumswerte – insbesondere auf KI- und Halbleiteraktien. Die jüngsten Rücksetzer in diesen Bereichen seien jedoch „vollkommen gesund“, argumentieren die JPMorgan-Strategen. Solche Korrekturen bereinigten überhitzte Positionierungen und schafften die Basis für die nächste Aufwärtsbewegung.

Entscheidend sei dabei weniger das absolute Zinsniveau als vielmehr die Ursache des Anstiegs. Höhere Renditen könnten Aktienmärkte durchaus verkraften, wenn sie durch bessere Wachstumserwartungen ausgelöst würden. Problematisch werde es erst dann, wenn die Märkte plötzlich wieder stärker Inflationsängste einpreisen.

Genau an dieser Schnittstelle bewegt sich derzeit auch die geopolitische Lage. Der Konflikt mit Iran und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus haben die Märkte zuletzt stark beeinflusst. Über die Meerenge werden täglich mehr als 14 Millionen Barrel Öl transportiert. Eine längere Blockade hätte erhebliche Folgen für Energiepreise und Inflation weltweit.

Für den amerikanischen Aktienmarkt bleibt dennoch vor allem ein Faktor entscheidend: die Hoffnung auf eine neue Ära des Produktivitätswachstums durch künstliche Intelligenz. Sollte diese tatsächlich in der Breite der Wirtschaft ankommen, könnte selbst ein scheinbar ambitioniertes Ziel wie 9.000 Punkte im S&P 500 plötzlich deutlich realistischer wirken.

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