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Unternehmen > Vertrauenskrise beim Glasspezialisten

Krise bei Gerresheimer – Bilanzprobleme lassen Aktie einbrechen

| Redaktion Börse am Sonntag

Gerresheimer-Bürogebäude.
Gerresheimer, lange auf einem überzeugenden Wachstumspfad, verschreckt seine Anleger mit Gewinnwarnungen und Bilanz-Fehlern. (Foto: Picture Alliance / Associated Press / Gerresheimer AG)

Unregelmäßigkeiten bei der Bilanzierung crashen die Aktie des einst so aussichtsreich positionierten Verpackungsspezialisten. Erstmals seit der Finanzkrise kosten die Titel weniger als 20 Euro.

Der Verpackungsspezialist Gerresheimer AG hat erneut mit schwerwiegenden Bilanzierungsproblemen zu kämpfen, was zu einer überraschenden Verschiebung der Jahres- und Konzernabschlusszahlen für 2025 führte. Das Unternehmen verschob ursprünglich für den 26. Februar geplante Ergebnisveröffentlichungen, nachdem interne Prüfungen und Untersuchungen der deutschen Finanzaufsicht BaFin Hinweise auf Fehler bei der Umsatzerfassung und Bilanzierung aufdeckten.

Als Reaktion auf diese Nachricht geriet die Gerresheimer-Aktie massiv unter Druck: Die Kurse sackten am Mittwoch zeitweise um über 30 Prozent ab und notierten damit auf dem niedrigsten Niveau seit 2009. Diese Entwicklung beendete einen Anfang 2025 begonnenen Versuch, eine langfristige Bodenbildung zu etablieren.

Bilanzkorrekturen und laufende Ermittlungen

Nach Angaben des Unternehmens wurden Fehler bei der Erfassung von Umsätzen und der Bewertung von Vorräten in den Geschäftsjahren 2024 und 2025 festgestellt. Infolgedessen hat Gerresheimer eine zweite Wirtschaftsprüfungsgesellschaft beauftragt und arbeitet mit einer externen Kanzlei zusammen, um alle Unstimmigkeiten aufzuklären. Einige Mitarbeiter sollen gegen interne Richtlinien und internationale Rechnungslegungsvorschriften (IFRS) verstoßen haben.

Nach aktuellem Kenntnisstand erwartet das Unternehmen Korrekturen von etwa -35 Millionen Euro Umsatz und rund -24 Millionen Euro beim bereinigten EBITDA für 2024. Gleichzeitig dürfte das Geschäftsjahr 2025 am oberen Ende der bisherigen Prognosespanne von -4 % bis -2 % Umsatzrückgang liegen, während die bereinigte EBITDA-Marge voraussichtlich von ehemals 18,5–19 % auf 16,5–17,5 % sinkt. Zudem rechnet Gerresheimer mit nicht zahlungswirksamen Wertminderungen von etwa 220–240 Millionen Euro.

Gerresheimer-Aktie

Wer ist Gerresheimer?

Die Gerresheimer AG ist ein international tätiger Hersteller von hochwertigen Verpackungslösungen für die Pharma-, Biotech- und Kosmetikindustrie. Zu den Kernprodukten zählen Glas- und Kunststoffbehälter für Arzneimittel, Inhalations- und Injektionssysteme sowie komplexe Spezialverpackungen. Mit Standorten in Europa, Nord- und Südamerika sowie Asien gehört das Unternehmen zu den führenden Verpackungsspezialisten weltweit.

Gerresheimer war in den vergangenen Jahren mehrfach in den Schlagzeilen, weil die Finanzaufsicht bereits 2025 eine Prüfung der Umsatz- und Bilanzierungsmethoden einleitete. Damals ging es um die umstrittene Praxis der Bill-and-Hold-Umsatzerfassung, bei der Erlöse vor tatsächlicher Lieferung gebucht wurden. Diese Methode wurde eingestellt, und frühere Umsätze wurden korrigiert – ein Prozess, der sich nun auch auf die Bilanz 2025 auswirkt.

Um die Kapitalstruktur zu stärken, hat Gerresheimer den Verkauf seiner US-Tochter Centor Inc. angekündigt, die sich auf Verpackungssysteme für verschreibungspflichtige Medikamente spezialisiert hat. Dieser Verkauf soll bis Ende 2026 abgeschlossen werden und zusätzliches Kapital freisetzen. Gleichzeitig plant das Unternehmen, sein Werk in Chicago Heights zu schließen und die dortigen Aktivitäten in andere globale Standorte zu verlagern.

Für 2026 rechnet Gerresheimer trotz eines schwächeren ersten Halbjahres mit einem Umsatz zwischen 2,3 und 2,4 Milliarden Euro, einer bereinigten EBITDA-Marge von etwa 18–19 % und einem moderat positiven Free Cashflow, sofern die angestoßenen Maßnahmen greifen.

Raus aus der Aktie?

Der jüngste Kurssturz hat die Gerresheimer-Aktie zu einem der schwächsten Werte im SDAX gemacht – mit Notierungen weit unter 20 Euro und deutlichen Verlusten über mehrere Monate hinweg. Langfristig hat der Titel in den letzten zwölf Monaten rund 75 % seines Wertes verloren.

Chancen für Anleger

  • Fundament mit strategischer Bedeutung: Gerresheimer liefert unverzichtbare Verpackungslösungen für Pharma- und Biotechfirmen – ein Bereich mit stabiler langfristiger Nachfrage.

  • Transformation und Restrukturierung: Der Verkauf einzelner Geschäftsteile und Effizienzprogramme könnten die finanzielle Situation mittelfristig stabilisieren.

  • Analystenmeinungen mit Perspektive: Manche Häuser wie JPMorgan halten trotz der Turbulenzen am positiven Anlageurteil („Overweight“) fest und nennen ein mittelfristiges Kursziel weit über dem aktuellen Niveau – allerdings unter Vorbehalt wegen der Unsicherheiten.

Risiken und Gründe für Vorsicht

  • Bilanzunsicherheiten: Die aufgedeckten Fehler und laufenden Untersuchungen belasten Vertrauen und Planungssicherheit.

  • Ergebnisunsicherheiten: Eine mögliche negative Entwicklung des bereinigten Ergebnisses je Aktie und kurzfristig schwache Zahlen könnten weiterhin Druck erzeugen.

  • Marktvolatilität: Der Titel zählt zu den volatilen SDAX-Werten – schnelle Kursbewegungen können Chancen bieten, aber auch Verluste verstärken.

Sollte man jetzt kaufen?

 

Eine klare Empfehlung lässt sich derzeit schwer geben: Für langfristige Anleger, die an die langfristige strategische Bedeutung des Geschäftsmodells glauben und eine Transformation durch Restrukturierung sowie Kapitalmaßnahmen abwarten können, könnte der Kursrückgang eine Einstiegsgelegenheit darstellen – allerdings nur bei sorgfältiger Risikoabwägung.

Kurzfristig orientierte Anleger oder risikoaverse Investoren sollten hingegen zunächst abwarten, bis die Bilanzierungsfragen endgültig geklärt und die Quartals- bzw. Jahreszahlen veröffentlicht sind. Eine hohe Volatilität und mögliche weitere Anpassungen könnten sonst zu weiteren Kursrisiken führen.

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